|
12
|
0
|
Redaktionsblog
|
Macht| 24.01.2008 14:00Kopieren ist kein Verbrechen: Die Grünen starten Kampagne für Filesharing
Text: johannes-graupner
Mittlerweile kennt man die Prozedur: Man lässt sich in filmischer Vorfreude rückwärts in Sofa oder Kinosessel fallen – und dann kommt erst einmal die filmisch-fetzig inszenierte Belehrung zum illegalen Kopieren von Filmträgern.
Diesen Videospot der Industrie-Lobby haben sich die schwedischen Grünen zum Vorbild genommen und eine Persiflage darauf gedreht. Daraufhin hat die Europa-Fraktion eine Pro-Filesharing-Kampagne gestartet.Es gibt schon eine ganze Reihe von Webvideos, die den echten Lobby-Spot ironisch aufgreifen. Die gemeinsame Botschaft: Das Kopieren von Medien sei nicht das Gleiche wie Handtaschenraub, Autoklau und Ladendiebstahl. Das eine sei Stehlen, das andere Teilen; die private Verbreitung von Kultur zerstört diese nicht, sondern fördere sie und ihren Bekanntheitsgrad. Auf der Kampagnen-Webseite iwouldntsteal.net sprechen sich die Grünen für legale Privatkopien aus. Die Film- und Musikindustrie wird dagegen kritisiert: Diese habe bisher kein alternatives und realisierbares Vertriebsmodell für digitale Medien vorgestellt, das gute Qualität zu fairen Konditionen verspreche. Insbesondere das System der Lizenzgebühren müsse überarbeitet werden, um Künstler zu unterstützen und alternative Vertriebswege zu öffnen. Obendrauf sei das Argument der Industrie, man würde mit den Einnahmen ja die Künstler unterstützen, vorgeschoben. Vielmehr habe die Industrie durch gezielte Lobbyarbeit die rechtliche Situation von Konsumenten noch verschlechtert, um den eigenen Profit zu sichern. ![]() Illustration: Lucille-Mietling Bei der deutschen Grünen-Fraktion herrscht dagegen seltsame Ruhe, obwohl im Juli 2007 eine rechtliche Verschärfung des Urheberrechtes eingeleitet wurde. Dabei hatten sich die Grünen enthalten. Das bemängelt auch Julia Seeliger, 29, jüngstes Mitglied im Parteirat der Grünen: „Ich hätte mir gewünscht, dass sich die grüne Bundestags-Fraktion bei diesem Thema deutlicher positioniert, der Medientausch sollte legal sein. In der deutschen Fraktion herrscht immer ein bisschen Angst, sich damit irgendwo unbeliebt zu machen, daher wird das Thema nicht engagiert vorangetrieben,“ erklärt sie. Gegen die Urheberrechtsreform hat sich auch die Grüne Jugend früh positioniert. Natürlich ist die gesamte Situation nicht so einfach, wie sie manchmal dargestellt wird. Deswegen hofft Julia Seeliger darauf, dass sich die Balance zwischen Urheber, Konsument und Wirtschaft im digitalen Zeitalter langfristig noch einmal neu definiert. Anstatt das Internet und das Kopieren zu verteufeln, sollten vielmehr die Chancen darin gesehen und an schlüssigen Konzepten gearbeitet werden: „Die Industrie hat das aber total verschlafen und stattdessen nur auf technischer Ebene am Digitalen Rechtemanagement, dem sogenannten DRM, und an verbessertem Kopierschutz gearbeitet. Das hat ja unter anderem zu den ganzen Kompatibilitätsproblemen geführt, die Leute konnten ihre Musik zum Beispiel nicht auf verschiedenen Playern hören. Deswegen fängt die Industrie wieder an, Sachen ohne Kopierschutz zu verkaufen“, sagt Julia, die zu Hause ausschließlich mit Linux arbeitet und selbst fleißige Bloggerin ist ![]() Foto: Julia Seeliger "Wir brauchen mehr Wettbewerb" Natürlich hat auch die Wirtschaft ein legitimes Interesse, mit Filmen und Musik Geld zu verdienen. Das will die Kampagne aber auch gar nicht verneinen. Vielmehr geht es um die momentane Konstellation auf dem Markt: „Wirtschaftspolitisch argumentiert sind Monopole ja genau das Falsche. Es ist doch nicht marktwirtschaftlich, wenn einige wenige Firmen den Markt kontrollieren und deren Position nicht dadurch gerechtfertigt ist, dass sie die besten Künstler bieten. Marktführer sind sie nur, weil es keinen ausreichenden Wettbewerb gibt und sie durch Lobbyarbeit ihre Position gefestigt haben. Wir brauchen wieder mehr Wettbewerb in diesem Bereich, aber dafür bietet das Internet auch Chancen, zum Beispiel über das Direktmarketing von Bands“, erläutert Julia. Die Debatte um geistiges Eigentum, Urheberrecht, freien Medienzugang und Strafen für Privatkopien ist komplex – und wird es zunächst auch bleiben. Die Bundesregierung hat sich lange schwergetan, eine Regelung zu finden. Der im Juli 2007 vorgelegte Rechts-Entwurf kann aber potentiell private Kopien und Downloads schnell illegal machen. Befürworter des Gesetzes argumentieren dagegen, dass mit dieser Entscheidung endlich das geistige Eigentum gestärkt wird. Auch über das Strafmaß sind momentan nur schwer Aussagen zu treffen, weil immer noch Einzelfälle und die jeweils zuständigen Staatsanwaltschaften unterschiedlich entscheiden. Trotz aller Ungewissheit lässt sich Julia Seeliger den Spaß an Filmen aber nicht nehmen: „Ich muss immer lachen, wenn ich da im Kino sitze und die Industrie mich zur Diebin machen will. Die glauben wirklich, dass die Leute das irgendwann glauben, wenn man ihnen den Spot nur oft genug zeigt“, sagt sie und lacht. Eine gute Zusammenfassung der rechtlichen Problematik ist auf netzpolitik.org zusammengestellt. Auch das Portal iRights bemüht sich, alle offenen Fragen zum Kopieren anschaulich zu beantworten. Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Teste Deutschlands große Tageszeitung jetzt zwei Wochen kostenlos und unverbindlich: hier klicken!
Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte
von johannes-graupner
Alle Texte
zum Label Redaktionsblog
Abonnieren:
Kommentare
oder
Texte von johannes-graupner
Kommentare
Kommentar schreiben:
![]()
![]() ![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Kommentar schreiben: |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
0
Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden