23.01.2008 - 19:22 Uhr

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Keiner will deutsche Serien sehen. Weil sie zu bieder sind? Ein Streit

Text: peter-wagner - christina-waechter, philipp-mattheis; Fotos: dpa, 24

RTL nimmt die neue Serie "Die Anwälte" mit Kai Wiesinger nach einer Folge aus dem Programm und strahlt stattdessen "CSI"-Folgen aus. Anderen Serien wie "Post Mortem" oder "Herzog" droht vielleicht das ähnliche Schicksal, mit den Quoten ist man beim Sender nicht besonders zufrieden. Bei Sat 1 das gleiche Spiel: deutsche Serien floppen, nur die US-Serien kommen wegen ihrer Machart bei jüngeren Menschen gut an.

Hat das mit der Bild-Ästhetik zu tun?

Philipp Mattheis singt ein Lob auf die deutsche Serie, die von nebenan berichtet. Christina Waechter und Peter Wagner verdammen Fernsehen á la Deutschland generell. Wegen der Nüchternheit.

Es lebe Benno! – Ein Plädoyer für deutsche Sachlichkeit in Film und Fernsehen. Als Benno 1986 in der Lindenstraße positiv auf HIV getestet wurde, war das ein Schock. Benno war weder schwul noch heroinabhängig. Er hatte sich durch eine Blutspende infiziert. Benno saß da milchig schimmernd in seinem karierten Hemd, seinem Vokuhila vor der blassgelben Wand und Gabi, eine mäßig attraktive Mittzwanzigerin begann zu weinen. Zu einer Zeit, in der Gesetzesentwürfe der bayerischen Staatsregierung forderten, dass "HIV-Infizierte, die nachweisbar uneinsichtig sind, weil sie wiederholt seuchenrechtlichen Anordnungen zuwiderhandelten (...) abgesondert werden können" (Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministerium des Inneren 1987), war das radikal. Seit Jahrzehnten feuert die Lindenstraßen unästhetische Breitseiten der Realität in die Sonntagabend-Idylle. So muss Fernsehen sein. Bildqualität (milchig, schal, blass) und Handlungsstrang (mehr oder weniger realistisches Drama) gehen eine Symbiose ein, die dem Zuschauer vor allem eines sagt: Das Leben ist härter und vor allem hässlicher, als Du denkst und wenn Du gerade Deinen Sonntagabend wohlbehütet, verkatert und auf einer Couch herumlümmelnd verbringst, dann hast Du Glück gehabt. Auf die Lindenstraße folgen der Weltspiegel mit Reportagen über verstümmelte Vergewaltigungsopfer in Zentralafrika und schließlich der Tatort mit fettleibigen oder neurotischen Kommissaren. Das ist deutsche Sachlichkeit in PAL.
Deutschland. Lindenstraße. Und die ist viel besser als die weich gezeichneten Plastik-Schmonzetten aus Hollywood. Gute Serien und Filme müssen das Gefühl vermitteln: Ja, so könnte es gewesen sein. Wenn in dem Film „A Beautiful Mind“ die Frau von Nash nach 20 Jahren Ehe noch immer wie die Sünde persönlich aussieht, dann ist das schlicht Schwachsinn. Opium fürs Volk, das in Schöne-Heile-Welt-Optik Heimatfilmen in nichts nachsteht. Fernsehen muss dem Zuschauer das Gefühl geben, in die Wohn- und Schlafzimmer der Nachbarn zu blicken. Und da ist es eben selten schön. philipp-mattheis Auf der nächsten Seite liest du die Entgegnung von Christina Waechter beziehungsweise Peter Wagner, die ausnahmsweise mit einer Stimme sprechen. Sie sagen: "Verpiss dich, Benno! Ein Hoch auf die US-amerikanische Bild-Ästhetik. Die Amis wissen wenigstens, wie Unterhaltung aussehen muss."
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München