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Leben

| Köln | 14.01.2008 16:03  

All the small things.

Text: moi_judita
Mit winterblassen Gesichtern in den U-Bahnen. Vielschichtig eingepackt in Strickmaschen und Steppmustern. Metaphorisch perfekt für all den Ballast, den wir mit uns rumschleppen. Für all die verlorene Leichtigkeit, die zurückgeblieben ist, als wir die Flip Flops in den Schrank schoben und beschlossen, dass diese paar Sommertage mit Sand zwischen den Zehen und sonnenverbrannten Schultern nichts wert waren.
Ein verzerrtes Spiegelbild auf der anderen Seite des Ganges. Meine Nasenspitze lugt kalt aus einem Wirrwarr von hochgeschlagenem Kragen, Mütze und Zweimeterschal hervor. Leicht grünlich im Licht der flackernden Neonröhren. Um mich herum bedrückende Enge und Ellenbogen in den Rippen. Dafür innere Leere, kleine Löcher, die geblieben sind und bleiben werden. Jedes ein endloses, rundes Stück Vermissen.
Plötzlich wird es hell draußen und die Bahn bricht aus, heraus aus dem engen Schacht an die Oberwelt. Die gleichzeitige Erkenntnis, schon wieder geistig abwesend in die falsche Linie eingestiegen zu sein.
Es gibt einen Ruck, meine Beine wehren sich gegen die Fliehkraft. Schnell die Stufen runterstolpern. Eisignasse Winterluft und die Straße erstreckt sich genau bis zu der Bahnbrücke.
Bei deren Anblick bricht das große Ganze mit einem Gewicht über mich herein, als wäre der anthrazitfarbene Winterhimmel direkt auf meinen Kopf gekracht. Monate, die zu Momenten werden. Momente, die zu Monaten werden. Und alles addiert ergibt zwei Jahre, die sich wie ein Gummiband zusammenziehen und mir ins Gesicht schnellen.

Schnell links abbiegen. Flucht nennt man das wohl. Flucht in die kleinen Straßen, die zusammen ein Raster ergeben, das sich mein Zuhause nennen darf. Flucht in Details, um den großen Kontext zu vergessen.
Konzentration auf die kleinen Dinge. Das kaputte Oberlicht über der schönen alten Haustür wurde immer noch nicht repariert. Ein paar Häuser weiter sitzt wieder der kleine Junge am Fenster, mit einem Buch. Ein bisschen verträumt und einsam und glücklich.
Es gibt neue Schaufensterauslagen. Das Stencil auf dem Bürgersteig vor dieser einen Kneipe, zeigt immer noch die gleiche Stadtsilhouette. Meine Stadtsilhouette und das fühlt sich gut an.
Heute sitzt niemand auf der Fensterbank vom Café Sehnsucht – allein der Name schon! - sie ist nass und die Bistrotische wurden gar nicht erst rausgestellt.
Der Spielplatz ist genauso leer. Die Schaukeln schaukeln nur durch den böigen Wind. Aber ein paar Straßen weiter, in meinem blauen Traumhaus, sitzt die kleine Familie gerade versammelt am Esstisch.
Kreuz und quer durch mein Zuhause. Nur diese Vertrautheit kann noch trösten. Vertrautheit die anderswo verloren ging. Die sich aufgelöst hat, zwischen Versagen und Trotz.
Ich sammele weiter Details. Finde alte wieder und entdecke neue.
Das Muster, das die kahlen Bäume zeichnen und die Schnörkel des Zaunes. Der Rauch, der sich verschlungen aus dem kleinen Eisenschornstein mit Dach hervorschraubt. Die verblassten aufgemalten Firmenschriften aus den 60er Jahren, auf den alten Häusermauern, in denen schon lange nicht mehr das drin ist, was drauf steht.
Schließlich liegt in der Gosse - ein seltsam altmodisches Wort mit heruntergekommenem Charme - eine Büroklammer, die jemand erst auseinander gebogen und dann zu einem Herz geformt hat.
Und hinter einer gläsernen Haustür hängt ein bunter Zettel, auf dem mit unbeholfener Kinderschrift steht: „Viel Spaß im neuen Jahr 2008 wünscht euch Luca“
Das berührt seltsam und ich frage mich, wie ich diesen Spaß denn wieder finden soll, der letztes Jahr verloren ging. Der uns allen verloren ging, zwischen Finden und Trennen und Zurückwollen und Ignorieren und Vergessen.

Die Straße öffnet sich zu einem Platz hin und die Flucht hat ein Ende.
Andere Details schieben sich in die Gedanken. Genau dieser Platz an einem Sommerabend. Voll gestellt mit Tischen und Stühlen, die kleine Bude geöffnet. Über allem schwebt eine rotblaugelbgrüne Lichterkette. Warme Stadtsommerluft und das Quietschen der S-Bahn, auf dem Bahndamm nebenan. Gelächter und Stimmengewirr und eben dieser Spaß, der kurz danach so dramatisch verschwand.
Alles greifbar nah, diese anderen kleinen Dinge. Wie kann ein Gedächtnis, das normalerweise schon vergessen hat, was es zu Mittag gab, kaum dass der letzte Bissen genommen wurde, noch wissen, wie sich die Schlafzimmertürklinke anfühlt und aussieht? Wie das Gefühl war, seine Finger hinter meinem Ohr zu spüren? Wie steinig der Weg sich vom See hinauf zum Parkplatz schlängelte? Wie dieser eine Abschiedskuss so gut nach Kaffee und Zahnpasta schmeckte, dass ich gar nicht mehr gehen wollte?
Wieso vergesse ich so was nicht?
Diese kleinen Vergangenheiten bohren jede wieder ein weiteres kleines Loch ins Innere.
Und die Zeit stoppt, als mir einfällt, welche Windungen sein Winterschal um den Hals gemacht hat.
Alles ist vorbei, aber die Kleinigkeiten leben fort.

Ich beiße mir auf die Lippen und traue mich endlich, die Straße zu überqueren. Erst die Straße, dann den Platz. Noch acht Minuten Pfützenslalom bis zu meiner Haustür. Die Nase im Schal vergraben, die Hände in den Taschen, das Herz in der Hose.
Noch mehr kleine Dinge. Noch mehr Vertrautheit. Und noch mehr Erinnerungen.
Ein seltsames Parallelspiel aus Gegenwart und Vergangenheit.
Und irgendwann komme ich zu dem Haus, in dem ich wohne. Der Flur ist nun grau und nicht mehr rot. Und überhaupt alles anders, als noch vor Monaten. Farblos. Blass.





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rainbow_country 14.01.2008 | 19:13
total schön geschrieben! gefällt mir sehr *

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freethinker 29.01.2008 | 11:20
Eine unbestimmte Leere bescherend.
Aus unbestimmter Richtung.

Groß.

(Toll, dass du noch schreibst)

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herzschlag_ins_gesicht 10.02.2008 | 11:26
auch wenn der hintergrund ein trauriger ist - großartig ge- und beschrieben.

vor allem die bilder der stadt.

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tartine 12.02.2008 | 15:45
wunderschoener Text!

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jonas1g 05.04.2008 | 00:29
so toll geschrieben :)

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misceloneum 10.04.2008 | 12:46
ich finde, hier wurde mir eine wunderbare geschichte empfohlen. der schreibstil hat mich gefesselt.

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tanz_auf_mir 29.09.2008 | 21:38
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