06.01.2008 - 19:00 Uhr

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Die Poetry-Slam-Debatte: Sneak Preview oder Schaumparty

Text: lars-weisbrod - Illustration: Katharina Bitzl

Sarah Kuttner kommt wieder ins Fernsehen: „Slam Tour mit Kuttner“ heißt die Show der ehemaligen MTV-Moderatorin im Abo-Sender Sat.1-Comedy. Ab Ende Februar wird die 28-Jährige Poetry Slams in Deutschland besuchen und darüber berichten. Ein guter Grund, über die Dichterwettbewerbe zu streiten: Sind Poetry Slams wie Sneak Previews im Kino oder nur Kartoffeldruck auf der Bühne?

In jeder Universitätsstadt gibt es eine alternative Mittelschicht. Dazu zählen Menschen, die hartnäckig jung sind und dabei krankhaft viel Wert auf Individualität legen. Sie bilden in der Stadt die Klientel für Riesenschnitzel-Aktionen, Offenen Kanal, Sneak-Previews, Bio-Sonntagsbrunch, Nacht-Flohmärkte, Humana-Filialen, Drei-Fragezeichen-Lesungen und eben den monatlichen Poetry Slam. Der Poetry Slam entschädigte diese alternative Mittelschicht bisher dafür, dass sie aus Prinzip nicht „Deutschland sucht den Superstar“ schaut. Sie dürfte nun allerdings in erhebliche Ideologie-Schwierigkeiten kommen, wenn ein Privatsender die Slams endlich als das entdeckt hat, was sie sind: Die Schaumparties der Generation Neon. Real-Events zum Mitgröhlen, mit freiwilligem Schlachtvieh auf der Bühne – kennt man von DSDS. Kartoffeldruck ohne Despot So wie es bei der RTL-Show ja angeblich um Musik und Talente geht, geht es bei den Slams angeblich um Literatur und Talente. Wer mehr als zwei Poetry Slams besucht hat, weiß, dass für gewöhnlich weder das eine noch das andere dort von der Bühne tönt und schon gar nicht in Personalunion. Was stattfindet, ist vielmehr eine Art verbaler Stand-Up-Kleinkunst, bei der der größte Possenreißer gewinnt – den Superstars-Castings also nicht unähnlich. Hier wie dort versuchen die Kandidaten von sich abzulenken, indem sie schreien, rappen, pfeifen, tanzen, mitklatschen lassen oder sich anderweitig offensiv produzieren.
Das ist schon okay. Denn zum einen erwartet man beim Poetry-Slam mittlerweile fast ausschließlich spaßige Zerstreuung, zum anderen bedürfen die mitgebrachten Texte einer aufdringlichen Rezitation, um überhaupt anzukommen. Inhaltlich geht es ja überwiegend um gedanklichen Ego-Zierrat, um die gefühlige Essenz des kleinen Alltags. Als literarische Formen erfreuen sich dabei die immer gleichen, simplen Stilmittel großer Beliebtheit: Stabreim-Gedichte, die im Nichts enden,(„Als Anna am achten Augustabend auf Alex aschte…“), eindringliche innere Monologe („Ich will Leben! Ich will Tagesfreizeit! Ich will ein Staubsauger für Fußballfans! Ich will Sex mit Mona!“), sowie Repetitives jeder Art. Es ist poetischer Kartoffeldruck, wenn man so will. Der Gewinner des „hochkarätigen“ Hauptstadt-Contests konnte sich tatsächlich mit einer „Ich schwör’, Aldda“– Nummer durchsetzen. Dass sich einer nur hinhockt und so etwas wie gut abgehangene Prosa von sich gibt, passiert auf Poetry Slams selten. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass sich das Publikum dabei nicht originell genug behandelt fühlt. Lieber wird mit Comedy-Versatzstücken hantiert, lautmalerisch auf Jandl herumgetrampelt, Stimme verstellt, gejodelt und das alles mit krampfhaft unverfälschtem Alltags-Slang garniert, damit die Rotwein-Mädchen in der ersten Reihe später sagen: „Das war noch authentisch.“ Dabei geht der sehr ironiebereiten Slam-Szene leider die Fähigkeit ab, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen. Es fehlt ein plumper Despot wie Dieter Bohlen, der Mist als solchen auch benennt und abwürgt. Denn selbst wenn die Slam-Daumen nach unten zeigen, das Publikum gar jemanden ausbuht, so ist der geistige Erguss an sich doch sakrosant, der Ausgebuhte wird beim nächsten Slam wieder auf der Bühne stehen, sich zunehmend als Slam-Literat begreifen und immer weiter Mist machen, ohne dass je jemand Einhalt gebietet. Damit wir uns nicht falsch verstehen - das alles kann in gewissen Grenzen unterhaltsam sein. Poetry Slams haben deswegen natürlich eine Daseinsberechtigung – als para-kultureller Zeitvertreib, eingeordnet gleich neben Zaubershows und Hahnenkämpfen. Genau diese Liga ist es auch, die das Fernsehen dort erwartet: Freak-Show für Abiturienten mit viel obszönem Gebrüll. Klar, jeder Heranwachsende darf meinetwegen beim Poetry-Slam seine Nachttisch-Lyrik ausprobieren, genau wie er ja auch einen Kinnbart und Motorrad fahren ausprobieren darf. Wenn man sich wirklich für Literatur interessiert, ist es aber unbedingt wichtig, dem Prinzip Poetry Slam bald wieder zu entwachsen, weil es eine Sackgasse ist. Es ist als würde man immer nur Tischkicker spielen, wenn man eigentlich der neue David Beckham werden möchte. Wer beim Poetry Slam hängen bleibt, wer gar „Slam-Autor“ in seinen Lebenslauf kritzelt, der erhebt das Amateurhafte zur Profession, der will im Peinlichen das Ehrenamt sehen. Und wer sich Monat für Monat als Zuschauer im Schneidersitz auf Kneipenböden setzt, um maximale Aufgeschlossenheit zu demonstrieren, der kann spätestens jetzt eigentlich auch „Deutschland sucht den Superstar“ gucken. Das wäre mal weitaus unkonventioneller. max-scharnigg
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ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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