19.12.2007 - 13:39 Uhr

7 4 Über Twitter weiterempfehlen

Der Nächste bitte.

Text: moi_judita

Novembermorgende in Arztpraxen - Gibt es was Deprimierendes? Auf dem Weg dorthin innerhalb von zehn Minuten drei Mal nass geworden. Überforderte Arzthelferinnen und Regentropfen die auffordernd an die Fensterscheibe klatschen. Ich sitze auf einem quietschblauen Stuhl, schaue mich um und entdecke den typischen Querschnitt der Morgensnichtszutun-Gesellschaft. Ein begekiffter Student, der so fertig aussieht, dass man sich fragt, wie er es überhaupt geschafft hat, sich einen teuren Carhartt-Pulli zu kaufen und das auch noch in der richtigen Größe. Zwei Hausfrauen. Eine italienisch. Eine türkisch. Eine alte Dame mit Mohairpullover und ein alter Herr mit zu großen Ohren und zu langem Nasenhaar. Ein gestresster Geschäftsherr, der wage an Harry Potters Version von Dudley in älter aussieht. Mit blondem, fast gelben Haar, so viel Übergewicht, dass er gleich zwei der quietschblauen Stühle beansprucht und einer teuren Rolex, die fast echt aussieht und dem gestressten Mann alle dreißig Sekunden die Uhrzeit verraten muss. Er will zumindest den Eindruck erwecken, als würde er nicht hierher gehören zu dieser Arbeitslosenuhrzeit. Sieben Menschen, alle winterblass, sitzen da und können sich abends nicht mehr erinnern, dass sie einander begegnet sind. Ein Bild drängt sich mir auf: ...Die Gesellschaft ist eine Masse aus weißen Punkten und einige nähern sich einem für den Moment. Werden schärfer und zu Gesichtern. Vielleicht für eine halbe Stunde im Wartezimmer, vielleicht für zwei Jahre Freundschaft, vielleicht für zehn Jahre Ehe. Die meisten verblassen irgendwann wieder, treten zurück in die weiße Masse und werden vergessen... Es wird mit den Lesezirkelheften geraschelt. Der ältere Herr wird aufgerufen. Herr Kasper heißt er. Und er bekommt einen Packen Überweisungen und Rezepte in die Hand gedrückt. Beschwingt humpelnd und glücklich verlässt er die Praxis.. Nun hat er die Woche über wieder etwas zu tun. Ich denke, dass Kaspers ein schöner Name ist und es toll wäre, einen Freund zu haben, der so heißt. Mit Vornamen. Und dem könnte man dann in fünfzig Jahren die zu großen Ohrläppchen kraulen und seine Nasenhaare schneiden. Frau Doktor hat für solcherlei unrealistische Romantisirereien keinen Sinn und ruft mich genau in dem Moment auf, als ich in Gedanken bereits bei der Bank im Sonnenuntergang angekommen bin. "Dann stellen wir sie mal auf den Kopf." sagt sie und ich frage mich, ob ich vielleicht darauf hoffen darf, dass all die verworrenen Gedanken dabei in mir einfach rausfallen. Tun sie nicht. Dafür muss ich auf die Waage, die ich nicht verstehe, was mich freut, weil ich hasse Waagen, es reicht schließlich wenn die Hosen immer noch passen. Außerdem erfahre ich, dass ich einen Meter und zweiundsiebzigeineinhalb Zentimeter gr0ß bin, was mir seit Mamas Maßband vor zehn Jahren auch niemand mehr erzählt hat. Ob ich damit einverstanden wäre? Nein, Frau Doktor. Ich wäre gerne fünf Zentimeter kleiner und hätte dafür aber gern eine Körbchengröße mehr. Dafür sind sie nicht zuständig? Schade. Nach einer halben Stunden Aufdenkopfstellen weiß ich, dass ich mich in Zukunft psychischem Stress besser entziehen soll und ruhig die ein oder andere Marzipankartoffel mehr essen darf, wegen des Bodymassindex. Tolles Wort, so was erfinden bestimmt die Amerikaner. "Andere Frauen würden sich sehr freuen, wenn ich ihnen so etwas sagen könnte." lächelt Frau Doktor. Ich denke: "Es reicht mir doch wenn meine Hosen passen. Und apropos Psyche: Können sie mir die morgen gleich zusammen mit dem Blut entnehmen?" Als ich meine Jacke vom Garderobenhaken zerre und mich artig von der Morgennichtszutun-Gesellschaft verabschiede, bekomme ich von allen Seiten ein müdes "Widashn." zugemurmelt. Eine Minute später bin ich nur noch ein weißer Punkt in einer Masse aus vielen Punkten. Kurz denke ich an die vielen weißen Punkten, die für mich mal Gesichter mit Geschichten und Momenten und Vertrautheiten waren und es nun wieder nicht mehr sind. Und dann an Frau Doktor und das mit der Psyche und den Marzipankartoffeln. Und deshalb vergesse ich schnell dieses Vergessen und Vergessenwerden und gehe in den nächsten Supermarkt, geradewegs durch zu den Weihnachtsschnuckereiregalen.


Neue Texte zum Label 'warteschleife':
Textoptionen
Mehr Texte von
moi_judita
Mehr Texte zum Label
warteschleife
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
4 Kommentare

speichern
WieJetztAber
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.12.2007 - 18:11 Uhr
WieJetztAber

wartezimmer machen krank

Monfiwi
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

22.12.2007 - 07:38 Uhr
Monfiwi

***
ich liebe die lebendige melancholie in deinen texten.
wie immer fabelhaft geschrieben.
***

Liaison
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.01.2008 - 19:57 Uhr
Liaison

Weißer Punkt...wie wahr...wie traurig, wenn man es sich bewusst macht. :)

littlehope
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.04.2009 - 20:49 Uhr
littlehope

wie wahr dieser text *hihi* ich bin leider selber einer dieser ( ab und an) überforderten Arzthelferinnen :) Und ich find deine Beschreibung treffend und auf den Punkt gebracht. Mir kommt es ab und zu vor, als würde ich in der größten Hektik versinken und langsam untergehen *g* während die Morgensnichtstu-gesellschaft dabei zusieht.

Ein text der mich wirklich angesprochen hat. Mach weiter so.. deine Art zu schreiben inspiriert und erinnert. ♥


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

moi_judita unbekannt

moi_judita

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

gold.
Köln