12.12.2007 - 20:33 Uhr

21 29 Über Twitter weiterempfehlen

Warum Armut romantisch ist

Text: werauchimmer

Zugegeben finden es heute mit Sicherheit 90% aller Menschen romantischer zu zweit in einer freistehenden Badewanne auf dunklem Parkett zu sitzen als in einer popeligen Wanne aus den 70ern zwischen Wäscheständern. Es ist auf dem ersten Blick auch nicht zu begreifen warum es romantischer sein soll mit einer alten Karre durch die Gegend zu tuckern als mit einem lederbezogenen Audi, BMW oder Mercedes. Die Wahrheit ist aber meist nicht das, was die Masse als Wahrheit empfindet. ------------------------------------------------------------------------------ Armut macht abhängig. Reichtum unabhängig. Und das wollen wir doch alle sein oder? Unabhängigkeit. Man könnte das zum Wort des 20. und 21. Jahrhunderts erklären. Freiheit. Wie weit kann Freiheit gehen? Wie weit kann Unabhängigkeit gehen? So weit das wir niemanden mehr brauchen? Wir rauchen unsere Kohle in den Wind und lassen das was uns lieb und teuer sein sollte darin stehen. Ich möchte abhängig sein. Ich möchte süchtig sein. Ich möchte jemanden brauchen. Ohne jemanden nicht existieren können. Doch wir stampfen trotzig in den Boden und sagen: „Ich brauch das nicht!“, „Ich will das nicht!“. „Ich will unabhängig sein! Ich will frei sein!“. „Du willst alleine sein“, sollte eine traurige Stimme aus dem Off sagen. In einer freien Welt, die so frei ist, dass Begriffe wie Loyalität und Treue praktisch nicht mehr zum Sprachgebrauch gehören sind wir so unabhängig das wir nur noch unseren eigenen Egoismus benötigen. Aber keinen anderen Menschen. Wir können uns selbst den ganzen Tag neue Wunschlisten schreiben. Wie unser neues Auto aussehen soll, unser neues Haus, die neue Frau, der neue Mann, die neue Wohnung und das Handy. Wir konfigurieren uns im „Life-Editor“ unser Leben und zahlen dafür mit Spielgeld ein. Scheine die nichts wert sind, tauschen wir gegen Dinge die uns nicht erfüllen. Na ja, wenigstens hat damit jeder etwas zu tun. Umso weniger Liebe es gibt umso mehr Geld müssen wir besitzen. Und umso mehr Geld wir besitzen umso weniger Liebe benötigen wir. Glauben wir. Und wir kaufen den Laden leer. Alterspflege, Rente, Sozialversicherungen, Lebensversicherungen, Fernseher, Unterhaltungsmaschinen, Erlebnis-Wochenenden, Sex. Lasst es krachen, weil morgen haben wir vielleicht schon nichts mehr zu lachen. Doch umso weniger wir lieben umso größer wird unser Hunger. Das ist so wie mit Salzwasser. Wenn du Durst hast, wird es deinen Durst nicht stillen sondern ihn noch verstärken. Und Süßigkeiten sind genau so. Du wirst so viel davon Essen bis dir schlecht ist und du die Zeit zurückspulen willst um dieses Gefühl zu vermeiden. Und während wir zu zweit und doch alleine durch den Club tanzen und uns zeigen wie wenig wir einander brauchen geht alle Liebe verloren die jemals zwischen uns existierte. Ach! Wie würde ich mir doch wünschen es mir nicht leisten zu können auszugehen und ich kein Geld hätte für Papier auf das ich meine und deine Wünsche aufschreiben könnte. Dann würde ich dir in die Augen sehen und dich fragen wie es dir geht und dir versprechen zu dir zu halten und dich zu stützen in den kalten Zeiten wenn der Wind uns gegen das Gesicht peitscht und wir die Tage, Stunden und Minuten zählen, während wir den Hunger ertragen und unsere Finger zittern und wir nichts mehr haben – einfach gar nichts mehr. Nur noch uns. Und dann würde ich dich brauchen und du mich. Und wir würden uns in die Augen sehen und uns lieben. Aber so, brauchen wir uns nicht.


Neue Texte zum Label 'Romantik':
Textoptionen
Mehr Texte von
werauchimmer
Mehr Texte zum Label
Romantik
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
29 Kommentare

speichern
landratte
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.12.2007 - 22:04 Uhr
landratte

wie recht du hast!!

Melek_et_omnes_sancti
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.12.2007 - 23:18 Uhr
Melek_et_omnes_sancti

...kommt mir im ganzen wie 'ne generalausrede der eigenen planlosigkeit vor. (was nicht unsympathisch ist.) warum nicht das eine (lebensqualität durch besseren lebensstandard) mit dem anderen (teilen mit menschen) verknüpfen? hier sind widersprüchlichkeiten aufgeführt, die keine sind.

übrigens:

"Ich möchte abhängig sein. Ich möchte süchtig sein. Ich möchte jemanden brauchen. Ohne jemanden nicht existieren können."

...tolle vier sätze! der stärkste und ehrlichste absatz, wie ich finde.

Cios
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.12.2007 - 23:35 Uhr
Cios

*Wow. Danke dafür.

seleukos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 06:59 Uhr
seleukos

Warum schließt Freiheit alles andere aus ?

puster
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 11:00 Uhr
puster

melek_et_omnes_sancti bringt es auf den punkt.
sowohl was die kritik als auch was das lob betrifft.

bernweich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 12:47 Uhr
bernweich

boah, das ist ja unglaublich schön geschrieben.
*tiefste verbeugung*

cidra
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 13:10 Uhr
cidra

nicht bezahlte stromrechnung sind ab sofort doppelt romantisch: 1. Kerzenlicht 2. Armut ;-)

Melek_et_omnes_sancti
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 14:42 Uhr
Melek_et_omnes_sancti

cidra sagte:
nicht bezahlte stromrechnung sind ab sofort doppelt romantisch: 1. Kerzenlicht 2. Armut ;-)

hehehe. oder statt händi das fenster aufmachen und rüberschreien.

"ey gabi, die erdnussflips sind fertig. komm rüber, solange sie noch warm sind!!

24_frames_per_second
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 19:35 Uhr
24_frames_per_second

Ich zerbreche mir gerade den Kopf, warum die Erdnussflips warm sind.
Text fand ich aber gut.

finnar
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.12.2007 - 20:36 Uhr
finnar

die frage ist, ob man jemanden findet, der mitzieht. toller text.

elektroschmock
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

13.12.2007 - 22:56 Uhr
elektroschmock

wer armut romantisch findet ist selten selber arm und hat oft noch nicht mal eine vorstellung, was armut bedeutet.

zum beispiel keine zeit für seine romantisch gezeugten kinder haben weil man zwei jobs braucht um sie zu ernähren und ihnen keine ausbildung finanzieren können.

ich würde wütend werden wenn ich diese scheiss emo selbstbweihräucherung nicht so lächerlich fände.

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.12.2007 - 13:25 Uhr
werauchimmer

@melek:
es geht um eine zum leben notwendige "grundkompetenz" die wir alle versuchen sollten zu erlangen: bewusste bescheidenheit.
danke für das lob.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.12.2007 - 13:26 Uhr
werauchimmer

@elektroschmock: siehe mein beitrag an melek (habe deinen leider erst danach gelesen)

Melek_et_omnes_sancti
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.12.2007 - 18:05 Uhr
Melek_et_omnes_sancti

...sehe ich so ähnlich, nur eines: freiwillig auf etwas zu verzichten ist besser als auf etwas zu verzichten, weil man es aufgrund eines ressourcenmangels muss.

denn das heißt armut für mich: zwangsverzicht.

das andere, was du - glaube ich jetzt - meinst ist keine armut. eher eine puristische, minimalistische, vielleicht auch asketische lebensphilosophie. nicht minder sympathisch.

;-

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.12.2007 - 16:07 Uhr
werauchimmer

titel ist etwas provozierend ;)

elektroschmock
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

17.12.2007 - 16:58 Uhr
elektroschmock

in erster linie ist es ein arroganter text von jemandem, der die zwänge der armut mit den privilegien eines frei gewählten einfachen lebensstils verwechselt

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.12.2007 - 17:56 Uhr
werauchimmer

wie du meinst.

elektroschmock
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.12.2007 - 18:21 Uhr
elektroschmock

denk schon, ja.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.12.2007 - 18:21 Uhr
elektroschmock

badewannenromantik für die mittelschicht haha

emmy44
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.12.2007 - 09:42 Uhr
emmy44

es ist sehr schön geschrieben, und recht hast du wohl auch..
aber!
dann tu es doch einfach....

Cios
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2008 - 20:27 Uhr
Cios

Gut!

melancholieunduebermut
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.06.2009 - 15:54 Uhr
melancholieunduebermut

schöner text! *

nettesMaedchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.10.2009 - 23:54 Uhr
nettesMaedchen

gefällt mir gut :)

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.10.2009 - 00:02 Uhr
werauchimmer

danke:)

Amynona
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

29.04.2011 - 23:54 Uhr
Amynona

Ach ist das romantisch, wenn man den Mitbewohner, den man sich nicht ausgesucht hat, im Nebenzimmer schnauben und husten hört und genau weiß, dass die Wand in beide Richtungen durchlässig ist. Wie viel romantische Zweisamkeit hat man, wenn immer jemand mithört? Und das ist nur ein winziges Beispiel dafür, wie es sein kann, wenn das Geld ein bisschen knapp ist. Und ich bin alles andere als arm.
So richtig romantisch, so stelle ich mir vor, wird es erst, wenn man arbeiten muss bis zum Umfallen und trotzdem alle Gedanken darum kreisen, wie man die nächste Stromrechnung, Miete, Winterjacke bezahlen soll. Da bleibt viel Zeit und Kraft für die Liebe(n)...und für Romantik.

(Für provozierende Titel gibt's ätzende Kommentare.)

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.04.2011 - 17:21 Uhr
werauchimmer

wenn du den gedanken einer "selbst gewählten bescheidenheit" nicht kapierst, kann ich dir auch nicht helfen....

Amynona
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.05.2011 - 16:38 Uhr
Amynona

Selbst gewählte Bescheidenheit ist nicht gleich Armut.

werauchimmer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.05.2011 - 11:17 Uhr
werauchimmer

eine "popelige badewanne aus den 70ern zwischen wäscheständer" ist aber auch nicht gleich zwangsweise armut. und selbst einem hartz4 empfänger steht in deutschland eine eigene wohnung zur verfügung.....oder wohnst du in kenia? wenn ja, sorry das ich dein sensibles gemüt getroffen habe, dies hier ist eine heimatgeschichte.

nettesMaedchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.04.2012 - 19:53 Uhr
nettesMaedchen

beeindruckend schön.


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

werauchimmer offline

werauchimmer

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.