12.12.2007 - 19:00 Uhr

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Wenn kleine Geschwister cooler werden als man selbst

Text: dana-brueller - Illustration: lucille-mietling

Im Leben einer jeden älteren Schwester und eines älteren Bruders gibt es einen Wendepunkt: Plötzlich steht man dem jüngeren Geschwister gegenüber und sieht, dass die Institution, die die innerfamiliäre Coolness innehat, nicht mehr den eigenen Namen trägt. Das ist der Punkt, an dem du erkennst, dass du den Zenith deiner eigenen Coolness überschritten hast und deine kleine Schwester plötzlich Vespa fährt, mehr Alkohol verträgt als du und irgendetwas mit Design studiert, aber richtig erfolgreich.

Meine große Schwester traf diese Erkenntnis in der damals hippsten Disko der Stadt. Ich war 16, als ich (Seitenscheitel-Freunde in Lederjacken) auf einem Konzert auf meine große Schwester (Kurzhaarfreunde, Skaterschuhe) traf – und sie als coolste Person der Familie ablöste. Seitdem arbeitet meine große Schwester in einer Bank, trägt immer Stöckelschuhe und geht mit Rechtsanwälten in die Oper. Ich habe mich einige Jahre als legitime coole Nachfolge ihrer Tradition betrachtet, habe mir männliche Freunde, die Make-up tragen, gesucht, und mir das Rauchen angewöhnt. Das Prädikat „coolste Person der Familie“ stand nur mir zu. Bis zu einem gewissen Punkt läuft die kindliche Sozialisation so ab: Das jüngere Geschwister macht alles nach, was das ältere tut. Deshalb habe ich in der vierten Klasse Jungle gehört, als meine große Schwester mit blaugefärbten Haaren zur Loveparade fahren wollte. Aus demselben Grund trennte meine kleine Schwester die Innennähte ihrer Jeans auf – das trug man nämlich in meiner Clique so. Und man selbst schwankte zwischen Hass und Mitleid für das Nachmacher-Nesthäkchen.
Natürlich dauert die Nachmach-Phase nicht ewig. Irgendwann während der Pubertät grenzen sich die allermeisten jüngeren Schwestern und Brüder von ihren Eltern ab. Pferdeschwester wird Rockabilly und Fußballbruder wird Hip-Hopper. In der Regel ist dies jene Zeit, in der man als kleines Geschwister versucht, seinen älteren Geschwistern aus dem Weg zu gehen, seinen Lebenswandel in Nebel hüllt und seine Freunde strikt von den Familienmitgliedern fernhält. Perfide: Die älteren Geschwister interessieren sich immer weniger für das jüngere Geschwister. Sie halten es a. noch immer für eine schlechte Kopie ihrer selbst, oder: b. für jemanden, den sie nie sehen und über den sie deshalb nie nachdenken Und deshalb können sie die Entwicklung, die geschieht, nicht wahrnehmen. Das Nesthäkchen wird langsam erwachsen; leider auch: cool und interessant. Diese Erkenntnis trifft das ältere Geschwister vollkommen unvorbereitet. Deshalb ist der Moment, in dem sich die Geschwister unter den neuen Bedingungen, also unter der verschobenen Coolness-Konstellation, treffen, so erschütternd. Ich wusste damals, dass ich das coolste Familienmitglied war. Aber ich war es leider nicht auf Dauer. Vor ein paar Tagen habe ich mit meiner kleinen Schwester telefoniert. Ich war nicht darauf vorbereitet, in der Disziplin Geschwister-Quartett zu verlieren. Meine kleine Schwester hat in folgenden Kategorien gesiegt: 1. Wohnort Meine kleine Schwester wohnt in Berlin-Kreuzberg in einer Wohngemeinschaft. In einem schicken Altbau. Ich wohne in München neben „Walter’s Wurstladen“. Unter meinem Bett liegt ein Teppich aus Schurwolle. 2. Freunde Meine kleine Schwester hat Freunde, die in Bands singen und auf Vernissagen ausstellen. Meine Freunde bringen zu unseren lustigen Kochabenden gerne selbstgebackene Plätzchen mit. Außerdem trinken sie prinzipiell keinen Wein, dessen Flasche mit einem Schraubverschluss geschlossen wird. 3. Hobbies Meine kleine Schwester spielt in einem Orchester und geht jeden Abend weg. Sie steht auf den Gästelisten von vier Clubs. Obwohl sie immer nur drei Stunden schläft, gibt sie allen, die sie kennt, Nachhilfe. Ich koche ganz gern und sehe fern. 4. Berufliches Meine kleine Schwester hängt mit Kunstprofessoren herum und wird wohl bald auf eine Akademie gehen, und auf einer Werkschau ihr erstes Selbstporträt in Acryl für sehr viel Geld verkaufen. Ich gehe kellnern, in einem Omacafé. Wie soll es weitergehen? Ist meine Schwester jetzt bis an ihr Lebensende die aufregendste Person der Welt? Wird sie Start-up-Gründerin oder Rockstar? Oder: Könnten meine Eltern bittebitte noch eine Schwester zeugen? Damit sie mal weiß wie das ist: erst nachgemacht und dann übertroffen zu werden.


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kulturgut
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2007 - 19:09 Uhr
kulturgut

zeig mal ein foto deiner kleinen schwester. dafür gebe ich dir dann tipps, wie du sie überholen kannst.

Lenjia
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2007 - 19:10 Uhr
Lenjia

ich hätte gere ihre telefonnummer, für wenn ich mal in berlin bin.
haha.

belowlee
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2007 - 19:14 Uhr
belowlee

laß dir nix einreden: bloß keinen wettbewerb, menschen sind doch kein handelbares gut.
besinne dich auf deine handlungsgründe (oder ersinne sie), dann weißt Du, warum Du so bist, wie Du sein willst.

kulturgut
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2007 - 19:16 Uhr
kulturgut

dieser kommentar um 19:14 von belowlee ist übrigens aus der absicht entstanden, in einen wettbewerb um die gelungenste antwort auf deinen beitrag einzusteigen.

dass er darin von wettbewerb abrät ist mehr ein typisches missverständnis seiner denkrichtung.

fhirsch
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12.12.2007 - 19:24 Uhr
fhirsch

Deine kleine Schwester verarscht dich. Jedenfalls scheint sie mir ein wenig möchtegern. Nur weil sie angeblich "mit Kunstprofessoren herumhängt" heißt das noch lang nicht, dass sie eine tolle Künstlerin wird. Und drei Stunden Schlaf machen auf Dauer bestenfalls Falten...

kulturgut
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12.12.2007 - 19:33 Uhr
kulturgut

fhirsch sagte:
Deine kleine Schwester verarscht dich. Jedenfalls scheint sie mir ein wenig möchtegern. Nur weil sie angeblich "mit Kunstprofessoren herumhängt" heißt das noch lang nicht, dass sie eine tolle Künstlerin wird. Und drei Stunden Schlaf machen auf Dauer bestenfalls Falten...


die meisten leute schlafen zuviel und nicht zuwenig. und möchtegern ist gut, denn bevor man was ist muss man es erstmal anstreben, das heisst halt auch die phase des möchtegerns durchmachen. auch ist das umfeld einer person sehr aussagekräftig in hinsicht auf ihr persönliches niveau - selbst wenn sie noch weit davon entfernt sein sollte profitiert sie davon, interessanten umgang zu haben.

Cios
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12.12.2007 - 20:00 Uhr
Cios

Ich würd lieber du sein als deine kleine Schwester =)

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12.12.2007 - 20:00 Uhr
Cios

Ähm, also wenn ich die Wahl hätte meine ich ;)

Bettmenschin
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12.12.2007 - 20:30 Uhr
Bettmenschin

Ein Glück hab ich keine kleine Schwester mehr : )
Und mein Bruder wird nie cool...Obwohl ich mir das wünsche.
Mal ganz oberflächlich gesehen.

Alecsis
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2007 - 20:42 Uhr
Alecsis

Cios sagte:
Ich würd lieber du sein als deine kleine Schwester =)


Dito. Also ich will nicht Mister Oberflächlich und ich bin ja eh der Tollste sein. Dafür ist mir mein Leben zu schade :)

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