10.12.2007 - 19:00 Uhr

0 171 Über Twitter weiterempfehlen

Küssen verboten! Wie die Regierung unsere Sexualität regeln will

Text: roland-schulz - Foto: www.jerzymontag.de

Um Sex geht es diesen Donnerstag im Bundestag: Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD will einen Gesetzesentwurf verabschieden, der das Sexualstrafrecht ausweitet - und dabei stark in die Sexualität junger Menschen eingreift: So werden sich Jugendliche künftig selbst des "sexuellen Missbrauchs" an anderen Jugendlichen strafbar machen können - unter Umständen nur, weil sie einen Gleichaltrigen ins Kino eingeladen haben, um dort mit ihm zu knutschen.

jetzt.de sprach mit Jerzy Montag, Bundestagsabgeordneter der Grünen, über den Gesetzesentwurf, die Privatsphäre von Jugendlichen - und warum die "Bravo" künftig Probleme bekommen könnte.

Am Donnerstag wird der Bundestag über Sex sprechen – genauer gesagt über die Sexualität von jungen Menschen. Um was geht es genau? Es geht darum, dass vernünftige und ausgewogene Regeln im Sexualstrafrecht zu Lasten von Jugendlichen verschoben werden sollen. Wie? Das will ich an zwei Beispielen klar machen. Nach der jetzigen Rechtslage ist es so: Wenn es unter Ausnutzung einer Zwangslage oder gegen Entgelt zu einem Sexualkontakt kommt, dann ist nach jetzigem Recht eine Strafbarkeit gegeben, wenn der Täter erwachsen ist, also über 18, und das Opfer unter 16. Der Sinn ist, dass es zwischen Täter und Opfer ein Machtgefälle gibt, einen Altersunterschied, einen sozialen Druck – ein Erwachsener bedrängt einen unter 16-Jährigen.
Jerzy Montag. Klingt nach einer sinnvollen Regelung. Ja, das ist ja die Gesetzeslage jetzt – aber die neue Lage wird so sein: Die Bundesregierung senkt das Täteralter von 18 auf 14 und das Opferalter wird von 16 auf 18 erhöht. Was heißt das? Wenn jetzt eine 15-Jährige zu einem 17-Jährigen sagt: "Ich lade dich ins Kino ein, wenn du nachher mit mir Petting machst", dann ist das schon eine Straftat. Dazu kommt: Bisher war bei dieser Regelung der Versuch nicht strafbar. Die Bundesregierung wird aber jetzt an diesem Donnerstag den Versuch zu einer Straftat erklären. Das heißt bei unserem Beispiel: Die 15-Jährige lädt den 17-Jährigen unter der Vorraussetzung ins Kino ein, dass er danach mit ihr auf ihr Zimmer geht. Selbst wenn der junge Mann sagt: "Ich hab´ keine Lust", dann ist die 15-Jährige trotzdem strafbar. Das hört sich sehr theoretisch an – als junger Mensch werde ich doch nicht gleich zur Polizei rennen. Moment, das ist doch nicht unsere Debatte. Stellen Sie sich mal vor, irgendwelche Eltern oder Erzieher erfahren davon – und erstatten Strafanzeige, aus irgendwelchen Gründen! Uns geht es darum: Welches Signal sendet der Bundestag gegenüber jungen Menschen und ihrer Sexualität aus? Welches denn? Puritanismus und Prüderie der 50er Jahre. Das ist der Rückfall in eine Zeit, die ich nur aus meiner Jugendzeit kenne. Was will die Bundesregierung noch beschließen? Die zweite Sache, die ich kritisiere, ist die Sache mit den Fotos. Bisher war es so, dass die Herstellung und der Vertrieb von Fotos unter Strafe standen, die den sexuellen Missbrauch von Kindern – also unter 14 Jahren – dargestellt haben. Die Bundesregierung hat jetzt den Begriff „Darstellung des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ ersetzt durch den Begriff „Darstellung sexueller Handlungen“. Gleichzeitig hat sie das Opferalter, das bisher bis 14 ging, erhöht auf 18 Jahre. Was heißt das konkret? Ein Foto mit einem im Wortsinn innigen Zungenkuss oder ein Foto, auf dem lustvoll eine Frauenbrust geküsst wird – und die Abgebildeten sind 17 – wird jetzt zu einer Straftat. Die „Bravo“ kann dann also zu machen. Sie muss ab jetzt drunter schreiben, was ab 24 Uhr bei den widerlichen Geschichten im Fernsehen läuft: „Bin gerade 18 und super geil.“ Und dabei ist die Krönung: das gilt auch für den Besitz, selbst den Altbesitz. Wenn Sie also zuhause ein Foto haben, auf dem eine 17-Jährige bei einer sexuellen Handlung abgebildet ist – wie gesagt: kein sexueller Missbrauch, sondern bei einer sexuellen Handlung jeder Art –, dann war das bis heute straflos. Jetzt wird es strafbar. Die Große Koalition… … die Große Koalition will in sexuellen Dingen in bestimmten Bereichen dirigierend eingreifen. Das Bundesjustizministerium sagt, es sei nur redlich bemüht, Kinder vor Prostitution zu schützen – aber das ist doch überhaupt keine Frage! Kinder sind jetzt schon vor Prostitution geschützt. Es gibt nur ein Problem: Was sind Kinder? Nach deutschem Recht sind Kinder alle bis 14 Jahre. Danach sind es Jugendliche. Ab 18 sind es Heranwachsende. Nach internationalem Recht sind Kinder, also der Begriff „Kind“, alle unter 18 Jahre. Die Bundesregierung zerstört dieses sinnvoll aufgebaute Verhältnis im deutschen Sexualstrafrecht: Unter 14 – alles tabu. Zwischen 14 und 16 – sehr hoher Schutz. Zwischen 16 und 18 – ein etwas niedrigerer Schutz. Ab 18 – Freiheit. Diese feine Austarierung, die aus dem liberalen Sexualstrafrecht der 70er Jahre stammt, wird jetzt in einem Roll-Back zunichte gemacht. Nochmal konkret: Wenn ich 17 bin und einen guten gleichaltrigen Freund habe, der mit seiner Freundin auf der Wiese einfach nur knutscht, dann darf ich die nicht fotografieren? Genau. Sie dürfen dann kein Foto herstellen, weil das Minderjährige bei sexuellen Handlungen sind. Und wenn sich das Pärchen selber fotografiert, dürfen sie die Bilder gerade noch behalten – aber zum Beispiel nicht an jemand anderen schicken. Das hat mit dem Schutz der Kinder vor Prostitution überhaupt nichts mehr zu tun. Das klingt verrückt. Das klingt nach mehr Staat – nach der Einmischung des Staates in private Dinge von Menschen. Insbesondere in die aufkeimende Sexualität junger Menschen. Das ist ein moralisches Roll-Back in Zeiten, die man längst hinter sich glaubte. Das wird ein Schlag in das Bewusstsein der Menschen – junge Menschen haben doch gar keine Vorstellung, was jetzt für Sachen, die sie für völlig okay halten, ab nun plötzlich unter Strafe gestellt werden. Und das wird am Donnerstag beschlossen? Das werden die durchziehen, ja. Der Rechtsausschuss des Bundestages hat im Juni eine Sachverständigenanhörung zu diesem Thema gemacht – die Sachverständigen haben dieses Gesetzesvorhaben in der Luft zerrissen. Wir Grüne, aber auch die FDP oder die Linke, haben gesagt: Das könnt ihr doch nicht machen. Aber die Große Koalition geht einfach mit dem Kopf durch die Wand. Und dann? Dann wird die Polizei und die Staatsanwaltschaft mit dieser neuen Rechtslage zurande kommen müssen. Das kann zu abstrusen Strafverfahren führen. Wenn die Eltern meiner Freundin mich nicht mögen, könnten sie mich also anzeigen, weil ich meine Freundin ins Kino eingeladen habe und danach mit ihr geknutscht habe? Sie sind 15, ihre Freundin 17 – die einzige Behauptung, die jetzt noch nötig ist, lautet: Haben Sie gesagt „Ich lade dich ins Kino ein und danach knutschen wir“ – oder haben Sie gesagt: „Ich lade dich ins Kino ein und dafür knutschen wir“. Das wäre dann schon strafbar. Jetzt werden die meisten jungen Menschen sagen: Was zum Teufel geht die Bundesregierung mein Liebesleben an? Genau das ist die Frage.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
roland-schulz
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
171 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

ein_oxymoron
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:31 Uhr
ein_oxymoron

muss mein freund jetzt die nacktfotos von mir als 17-jaehriger von seinem computer löschen? kann ich jetzt bald dafuer belangt werden, mit jugendpornographie von meinem frueheren ich zu handeln? hahah... nicht wirklich, oder??

donnawetta
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:36 Uhr
donnawetta

Die Merkel-Partei passt sich immer stärker dem Schwachsinn an, den ihre Freunde im Geiste, die Republikaner, in den USA anrichten. Ich weise nur mal auf den Sechsjährigen hin, der hier ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er eine Fünfjährige geküsst hat...

Höchste Zeit, dass Wahlen kommen und das CDU/CSU-Grauen auf nationaler Ebene wieder ein Ende hat.

@belowlee: Ich nehme an, dass Jerzy Montag einfach einen Versuch unternommen hat, Juristensprech in Anbetracht der im wesentlichen nicht fachkundigen Leserschaft verständliches Deutsch zu übersetzen, und das finde ich grundsätzlich löblich. Und ehrlich gesagt finde ich, dass Du Dich da mit Deinem juristischen Detailwissen gerade ein bisschen aufspielst. Relevant ist doch, dass das Prinzip der angestrebten Gesetzgebung deutlich wird, und um diese Deutlichkeit zu erreichen, ist es vollkommen legitim, Sachverhalte zu vereinfachen bzw. einzelne Aspekte hervorzuheben. Aber Du kannst Dir sicher den Originaltext des Gesetzesentwurfs zu Gemüte führen und uns dann alle en detail auftklären. Als Jurist weißt Du ja sicher, wo und wie Du den Text einsehen kannst.

musicus
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:42 Uhr
musicus

belowlee hat schon recht. so einfach wie es der herr darstellt, ist es nicht. - gehe natürlich davon aus, dass da mehr der politiker als der jurist spricht.

meine frage ist: was hat mit der bisherigen gesetzlichen regelung nicht wie gewünscht funktioniert, dass jetzt eine neue regelung nötig ist?
falls jemand darauf eine antwort weiss, mich würd's interessieren.

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:44 Uhr
alcofribas

wie dagny sagt, es geht um eine EU-richtline, die umgesetzt werden muß. warum die EU sich aber auf einem strafrechtlichen terrain bewegt, daß sie nix angeht, verstehe ich auch nicht. haben da die briten gezickt? wegen charlotte? :)

nostarsabove
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:45 Uhr
nostarsabove

schwachsinn.
gegebenenfalls neuer bürokratismus "irgendwelche[r um jeden preis altmodischen] Eltern oder Erzieher".
der rest gehört wohl nicht zur debatte, wie hr. montag es so schön politisch ausdrückt.

ich hab allerdings auch keine ahnung von beziehungen, die so ablaufen sollen: „Ich lade dich ins Kino ein und dafür knutschen wir“. jugendliche erpressung und vergewaltigung muss natürlich schon staatlich verhindert werden, haha.

musicus
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:47 Uhr
musicus

@alcofribas - danke für den hinweis. EU-richtlinie habe ich als schweizer wohl einfach überlesen...

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:48 Uhr
alcofribas

na ich geb ganz offen zu, wenn ich mit 16, 17 ein mädchen ins kino eingeladen habe, dann natürlich, weil ich mit ihr knutschen wollte.

(mist, wie ist in dem gesetz die verjährungsfrist?)

nostarsabove
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:57 Uhr
nostarsabove

ja, aber das war doch dann sicher nicht deine bedingung um mit ihr in's kino zu gehen. die hintergedanken sind und bleiben (erstmal zumindest) frei, hehe.

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 20:59 Uhr
alcofribas

zack, schon muß ich mich rechtfertigen. :)
so schnell gehts, auch mit dem gesetz.

Manuel89
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2007 - 21:13 Uhr
Manuel89

Man setzt eine EU-Richtlinie um um mehr Anwälte einstellen zu können? die werden nämlich nötig sein, wenn jede Familie den Parter ihrer Tochter/Sohn anzeigt, weil sie persönlich was gegen die Partnerschaft mit dem Sohn/Tochter der benachbarten Familie hat mit der sie schon lange in Familienfehde lebt.
Na egal, positive Wirtschaftsbilanz und Mehrbeschäftigung...bei Anwälten herscht in Deutschland ja noch kein nFacharbeitermangel^^

Zurück Weiter Seite 1 2 3 4 5 ... 18

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

roland-schulz offline

roland-schulz

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.