09.12.2007 - 19:01 Uhr

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Die digitale Kluft

Text: dirk-vongehlen - und Peter Wagner

Die Jungen verlagern ihr Leben ins Web, Eltern und Lehrer verlieren an Einfluss: Wie das Internet die Gesellschaft spaltet

Er hat die Reaktionen auf die Entscheidung des Kölner Oberlandesgericht gezählt: „Es gab 1 500 Zeitungsmeldungen und 80 Radiobeiträge“, sagt Bernd Dicks, einer der vier Macher hinter der Website spickmich.de. Seit Februar geben Schüler dort ihren Lehrern Noten, seit Februar beschweren sich Lehrer darüber. Eine Lehrerin klagte gegen die Veröffentlichung ihrer Daten, die Schüler benoteten sie im Schnitt mit einer 4,3. Das Gericht entschied, dass die Bewertungen vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien. Bernd freut sich, aber das Problem dahinter bleibt: Es gibt da eine Kluft. Am Beispiel von "spickmich" zeigt sich ein wachsendes Missverstehen zwischen Kindern und Eltern, zwischen Schülern und Lehrern. Ein Riss zieht sich durch die Gesellschaft, das Internet hat gar die Bildung einer Parallelgesellschaft provoziert. Die einen verlagern ihr Leben ins Netz, die anderen kratzen sich im besten Fall verdutzt am Kopf. Eine gemeinsame Gesprächs- und Erlebnisbasis geht verloren, die ältere Seite verliert ihre Erziehungsmacht, ihren Einfluss, ihre Kompetenzen. „Erstmals bringt die junge Generation den Älteren etwas bei“, sagt Bernd Dicks und meint den Umgang mit dem sozialen Internet, mit einem Medium, in dem es kaum Informations- oder Deutungshoheit mehr gibt. Die hatten mal die Eltern und die Lehrer inne. Aber diese Zeiten scheinen vorbei zu sein.
Illustration: Katharina Bitzl In der „Bildungsstudie Deutschland 2007“ steht, dass nur 17 Prozent aller Lehrer der Meinung sind, sehr gut für die Anforderungen gerüstet zu sein, die die „neuen Medien“ mit sich bringen. Und immerhin 28 Prozent sind der Meinung, dass Computer und Internet in der Schule die Autorität der Lehrer untergraben, weil sich die Schüler „damit oft besser auskennen als die Lehrer.“ Neue Prominenz Für beide Fraktionen hat sich der Blickwinkel auf die Welt geändert. Der Begriff des „Stars“ zum Beispiel hat heute nur noch manchmal mit Plattenverkäufen oder Auftritten in Hollywood-Filmen zu tun: Der Rapper DeAndre Way, Künstlername Soulja Boy war 16 Jahre alt, als er in gerade einmal einer halben Stunde einen neuen Song samt Tanzschritt erfand und das Ergebnis ins Internet lud. „Crank Dat“ wurde ein Hit. Das Video wurde 15 Millionen mal auf der Videoplattform YouTube aufgerufen und 20 Millionen Menschen besuchten seine MySpace-Seite. Als wir für jetzt.de mit ihm über seinen Erfolg sprachen (er ist mittlerweile bei 50 Cent unter Vertrag), erklärte er: „Ich habe mit ,Crank Dat’ gezeigt, wie es in Zukunft laufen wird. Du brauchst im Internet-Zeitalter nicht mehr auf das grüne Licht irgendwelcher Plattenfirmen-Manager zu warten. Meine Plattenfirma hat ihre Lektion gelernt: Man darf sich nie gegen eine Erfolgsgeschichte stellen.“ Die Geschichte des mittlerweile 17-Jährigen ist ein Beleg für die enorme Aufmerksamkeit, die im Web existiert, von der die Eltern aber oft keine Ahnung haben. Die Zeiten sind vorbei, in denen Vater und Sohn sich auf der gleichen Plattform bewegten und gemeinsam die angeblichen Promis in „Wetten, dass…?“ besichtigten. Till Kreutzer ist Rechtsanwalt und kennt diese Kluft aus eigener Erfahrung. Kreutzer setzt sich für die Rechte derer ein, die im Internet Musik auf ihren Computer laden. Als er sein Wissen bei einer Experten-Anhörung im Bundestag vortrug, sah er in die empörten Gesichter von Bundestagsabgeordneten, die nicht verstehen, wieso junge Menschen ihre Musik nicht mehr auf CD kaufen. Sie argumentierten gegen das Phänomen, für das der Name „Web-Piraterie“ erfunden wurde. Kreutzer erzählte diese Geschichte als wir mit ihm über die Zukunft des Musik-Vertriebs im Netz sprachen. Dabei ergänzte er – und hier öffent sich einmal mehr die Kluft – dass er sich sicher sei, dass die Kinder von vielen dieser Abgeordneten zu Hause genau das tun, was ihre Eltern scharf verurteilen: Sie laden Musik aus dem Internet. Viele Entwicklungen brauchen ihre Zeit, ehe ihr eigentlicher Nutzen allen Menschen bewusst wird. Die SMS, vor 15 Jahren erstmals verschickt, galt bei ihrer Einführung zeitweise als Tod der realen Kommunikation – heute schickt die Kanzlerin ihren Kollegen Textnachrichten. Dieser Umstand und ihr wöchentlicher Videopodcast gelten mittlerweile als Beweis ihrer Kommunikationsfähigkeit – nicht als deren Ende. Nicht die neuen Medien führen zu Spaltung, sondern die Art und Weise, wie sie bewertet werden. Auf der nächsten Seite: Warum unsere Lehrer und unsere Eltern aufgeklärt werden müssen.
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