Ein Fall für Zwei: Ist Nachhilfe Luxus oder Laster?
Über eine Million Schüler nehmen Nachhilfe im Anspruch. 750 Millionen Euro investieren Eltern in die Weiterbildung ihrer Kinder. Werden wir ein Volk von Hilfsbedürftigten, die nichts mehr selber machen? Oder macht die moderne Arbeitsteilung unser Leben nicht viel, viel schöner? Ein Fall für Zwei
Mach's Dir selber! Ich war 14 und sie hieß Ute. Dass ich sie kennenlernen durfte, hatte ich einem Mathe-Fünfer im Zwischenzeugnis zu verdanken. Ute war ein halbes Jahr meine Nachhilfelehrerin. Sie hatte schiefe Zähne und trug immer einen buntgefleckten Wickelrock. Ich glaube, sie hatte auch einen leichten Sprachfehler. Dass ich Ute trotzdem toll fand, lag daran, dass sie 1. mir das Gefühl gab, intelligent zu sein und 2., weil sie ein Jahr älter war als ich. Es gibt nichts Schöneres als Mädchen, die einem das vermitteln können. Jeden Donnerstagnachmittag zwischen 14 und 15 Uhr zeichneten Ute und ich Hypotenusen (und ich glaube, sie sagte „Hypotenufe“), legten Katheden und Ankatheden und berechneten Seitenverhältnisse. Und immer wieder lobte Ute mich, sagte mir „Toll, Du kannst das“ und „Du musst Dich doch nur ein bisschen anstrengen.“ Dafür bekam sie von meiner Mutter zehn Mark in der Stunde. Drei Monate später war aus der Fünf eine Drei geworden und im gegenseitigen Einverständnis beendeten wir das Ausbildungsverhältnis. Unsere Beziehung war von vornherein eine befristete Angelegenheit. Weil Hilfe immer etwas Vorübergehendes ist. Wird die Hilfe zum Dauerzustand, schafft sie Abhängigkeit. Hätte dieses Ausbildungsverhältnis länger angehalten, hätte ich es in Mathematik wohl auf eine Zwei gebracht und mein Leben sähe heute so aus: Ein quirliger Chaka-Mensch würde sich mit meinen sporadischen Komplett-Durchhängern beschäftigen („Ist doch alles gar nicht so langweilig, das macht doch Spaß!“) Eine dunkelhaarige, dunkelhaarige Psychologin mit tiefen Augen würde mir jede unkomplizierte Affären zu einer latenten Bindungsangst auslegen („Wovor sind Sie diesmal geflüchtet?“). Gegen Stimmungsschwankungen und Unkonzentriertheit bekäme ich Ritalin und Antidepressiva von einem spröden Psychiater mit weißem Bart („Dafür müssen Sie sich nicht schämen, das nimmt heute jeder.“). In der restlichen Freizeit würde mich eine muskulöse Fitnesstrainerin mit einem Hintern aus Granit ran nehmen („Streng Dich gefälligst mehr an!“). Außerdem hätte ich noch eine Steuerberaterin, eine Sekretärin, einen Paartherapeut, einen Finanzberater, eine Putzfrau sowieso, und kein Leben mehr. Ich wäre ein hilfloses Bündel an Männchen, angewiesen auf Horden von Beratern, Coaches, Trainern und Optimierern. Alleine nicht lebensfähig. Ein Kind ohne Selbstvertrauen. Eines Tages würde mich meine dunkelhaarige Psychologin mit tiefen Augen anblicken und fragen: „Vielleicht sollten Sie ihr Leben wieder mehr selbst in die Hand nehmen. Fangen Sie mit einfachen Tätigkeiten an, Kartoffeln ernten zum Beispiel.“ philipp-mattheis- Hauptsache Krawall und Remmidemmi? 01.03.2012
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