Weißt du noch?
Heute Nacht habe ich mich tätowieren lassen. Ein Schwarm aufsteigender Vögel auf dem linken Innenarm, so wie ich es immer wollte. Der Schmerz ging erstaunlich tief, so tief dass ich wach wurde. Graues Morgenlicht, das zeigte: Der linke Innenarm war immer noch nackt. Aber der Schmerz war noch da, kam nur nicht vom Arm, sondern irgendwo aus der Körpermitte. Herz und Bauch taten weh. Die Lunge hatte sich zusammen gezogen. Das Atmen fiel schwer. Die Händen waren ins Kopfkissen verkrallt. Es war 7 Uhr 26 und ich musste auf Klo. Dann mit kalten Füßen zurück im Bett und hellwach. Eine Flut von Erinnerungen, die die Panik gleich mitbrachte. Nichtdrandenkennichtdrandenkennichtdrandenken. Irgendwann erneuter Schlaf. Erlösend und vergessend. Aufstehen um 9 Uhr 52. Pfefferminztee aufgesetzt und den Rechner eingeschaltet. Die üblichen Mails im Postfach, die mal wieder einen weiteren Tag regeln sollen. Aber das Postfach ist lahm. Und bei der Ursachensuche entdecke ich die Zahl 356. Ich hab lange nichts gelöscht und wenn nur unwichtiges. Klick zurück auf die allererste Nachricht, die noch gespeichert ist. August 2006. Ausgerechnet. Ein Jahr und drei Monate lösen sich in Luft auf. Ich will es nicht lesen. Ich muss es lesen. Bilder, die sich in brutalen abgehackten Filmcuts vor meine Augen schieben. Nichtsahnende Wörter aus einer anderen Zeit, die schreien: „Weißt du noch noch noch?“ Mit Echoeffekt. Eine Nachricht nach der anderen. Unerbittlich. Ein Drama und noch eins und noch eins. Und dazwischen liegen die guten Momente. Die unendliche Vertrautheit, das Teilen, die Sonnentage, das Lachen, die Gespräche, das betrunkene Tanzen auf überfüllten Tanzflächen, das Umarmen und Küssen und Miteinanderschlafen. Alles was uns ausmachte. Ein dreiviertel Jahre lang. Bis zu den letzten Mails. Ein Wust aus Anfeindungen und Verletztheiten. Aus Verzweiflung und Egalsein. Ein Jahr und drei Monate lösen sich aufaufauf. Zurück im August 2006. Alles dazwischen ist nur unwichtig. Hätte es nur damals schon ein Ende genommen. Hättehättehätte. Bittebittebitte. Das Mausklicken verstummt, der Blick fällt auf die Skizze an der Pinnwand: Ein Schwarm aufsteigender Vögel.
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danke
wundervoll.
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habe gerade keine zeit den text zu lesen, aber du bekommst schonmal ein großes lob fuer die tätowierung ;)
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27.11.2007 - 15:01 Uhr
Scaryle