Absolute Konkretion
G-Flow war durchaus zufrieden. Seine Exzellenzinitiative in der mitteldeutschen Writer-Szene begann Früchte zu tragen. In der praktischen Arbeit stiegen die Standards rasant: Seine eigene Reproduktion von Velázquez' Die Infantin Margarita (Acryl auf Beton, 2,12 x 1,47 m, ICE-Trasse bei Leipzig-Leutzsch) hatte in der Community großen Zuspruch gefunden; die Skizzen für ein vielversprechendes Rooftop, das die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt in der Tradition der akademischen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts darstellen sollte, waren bereits weit gediehen. Auch der AK Theorie hatte ganze Arbeit geleistet: In nur acht Wochen hatte man die klassische philosophische Ästhetik -- Baumgarten, Burke, Kant -- intensiv rezipiert, überaus lebhaft auch Kandinsky diskutiert, zuletzt den jüngeren Avantgardismus einstimmig als unterkomplex verworfen. Es war nun an der Zeit, den dritten Pfeiler der Strategie umzusetzen: die interdisziplinäre Qualitätsoffensive. Durch gezielte Eingriffe würde man Arbeiten von Kollegen, die unter der sozialistischen Diktatur nie das nötige Reflexionsniveau hatten erreichen können, nachträglich auf ein Qualitätslevel bringen, das langfristig im internationalen Wettbewerb bestehen konnte. Die Bronzeplastik an der Pergola im Naherholungsgebiet war ein offensichtlicher Kandidat. Stand denn nicht bei Cassirer überdeutlich zu lesen, dass man Kunst als kontinuierlichen Konkretionsprozess begreifen müsse? Nun, der unbekannte Kollege hatte sich wohl Mühe gegeben, aber ganz offensichtlich noch nicht die reine Form des Gegenstands erfasst. G-Flow hingegen hatte sie glasklar vor Augen, und glücklicherweise würde eine klitzekleine crossmediale Intervention genügen, um sie für jedermann sichtbar zum Ausdruck zu bringen. Ein einziges Wort, aufgebracht in seinem schlichtesten Style, würde absolute Konkretion herbeiführen und das Werk nach so langer Zeit vollenden. Ja, der gesamte Stadtteil Lößnig, auch weite Teile von Marienbrunn und Dölitz würden sich glücklich schätzen ob dieser Wiedergeburt eines großen Kunstwerks, dachte sich G-Flow, als er nach seinem Dosenbeutel griff und hinaustrat in die kühle Dämmerung.

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wie direkt darf Kunst sein um noch Kunst zu sein?
wozu einen Roman schreiben wenn schon die Inhaltsangabe reicht.








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24.11.2007 - 15:10 Uhr
hauschmidt