halb vier.
Kannst du mir nicht nochmal eine SMS schreiben?Betrunken, wie damals, um halb vier?
Damals, als der kleine Briefumschlag auf meinem Display leuchtete und du schriebst, dass das mit mir, dieser Abend - das sei der schönste nächtliche Aufenthalt vor einer verschlossenen Imbissbudentür gewesen, bei dem du dein Gegenüber betrunken sinnlos zugetextet hast, den du je erlebt hast. Und dass du daran fortan immer denken wirst, wenn du von schlechten Parties nach Hause kommst.
Es wäre genau diese Zeit, jetzt. Halb vier. Und ich stehe hier, am Rand der Tanzfläche. Das Handy in der Hand. Aber: Du schreibst nicht. Schreibe ich dir? Eine Flasche Weißwein im Kopf zaubert schöne Worte für dich in meine Gedanken, die ich eintippen könnte, jetzt.
An dich, für dich. Doch: Ich zögere.
Bunte Lichter, spärliche. Warum die Clubs dieser Stadt immer so schlecht beleuchtet sind, hab ich mich schon immer gefragt.
Warum man sich hier durch eine wabernde, dunkle Masse tanzen muss. Warum nicht mehr bunte Lichter der Schönheit der Nacht Form verleihen dürfen.
Und obendrauf, zu allem Überfluss: Machen jetzt Musik und der Mensch, der sie auflegt - gerade eine Schwächephase durch.
Jetzt, gerade. Halb vier. Und ich am Rand der Tanzfläche.
Mit dem Handy in der Hand.
Kannst du mir nicht nochmal eine SMS schreiben?
Betrunken, wie damals, um halb vier?
Als du schriebst, du würdest dich seit über vier Jahren überproportional zu mir hingezogen fühlen. Obwohl du mich als Mensch so wenig kennen würdest.
Wie sollst du auch. Mich kennen. Als Mensch. Du darfst nicht. Willst nicht? Denn da ist: Der Mann, mit dem du schon so viele Jahre deines Lebens verbringst. Am Stück. Ohne Unterbrechung. Erkenntnis kann schmerzen.
Da ist kein Platz. Kein Platz und kein Mut für Initiative.
Um herauszufinden, was da ist, was da wäre, was da sein könnte, zwischen uns, für uns.
Getroffen hast du mich trotzdem gern. Und dann saßen wir da, eines unserer unregelmäßigen, sporadischen Treffen - aber wie immer von nachmittags bis spät in die Nacht, in diesem Café, das immer so leer ist. Immer so leer. Immer das gleiche Café. Unser seltenes Ritual. Unser seltener Ort. Wo kaum Menschen zarte Rauchringe in die Luft entlassen oder gedankenverloren Löcher in Luft und Zeitung starren.
Wir sprechen. Stundenlang. Die Zeit wird unwichtig und wir lachen, blicken zum Boden, drehen unsere Haarsträhnen auf unsere Finger. Drehen die Löffel in den Tassen, mal mehr, mal weniger verlegen. Spüren, was da ist, was da wäre, was da sein könnte. Zwischen uns. Aber: Nicht ist. Nicht und nie sein wird.
Kann ich dir nicht nochmal eine SMS schreiben?
Betrunken, aber nicht wie damals, um halb vier.
Schreiben würde ich dir anders, jetzt. Schreiben würde ich, dass der Gedanke eines pragmatischen Zweckfatalismus in meinem Kopf an Form gewinnt. An Übergewicht gewinnt.
Mein Kopf, der sagt, dass das Bauchgefühl zwar noch so schön sein kann, mit dir, bei dir, von dir. Dass eine SMS von dir, an mich - mit einem Gedanken von dir, an mich, für mich - schön ist.
Mir ein warmes Gefühl macht, im Bauch.
Aber: an Flüchtigkeit kaum zu überbieten ist. Eingeatmete Wärme, die nur wenige Momente nach ihrem Genuss in ein unterlauwarmes Nichts zerfällt.
Du sagst: Vier Jahre. Vier Jahre denkst du nach. Über mich.
Über uns?
Und ich sage, mein Kopf sagt: Vier Jahre. Vier Jahre in denen du es nicht geschafft hast, nicht schaffen wolltest, nicht schaffen konntest - diesem Gefühl zwischen uns eine erste, vorsichtige Form zu verleihen. Dem unsichtbar-unfassbar präsenten Etwas eine zarte Definition zu geben. Vier Jahre, in denen du zuviel Angst hattest, mich kennenzulernen. Zuviel Angst vor der Unordnung, die ich in dein Leben bringen könnte.
Kann man das überhaupt Angst nennen? Oder sind es einfach vier Jahre, in denen es einfach nicht gereicht hat? Wo alles gemeinsame Haarsträhnendrehen, Kaffeetassenrühren, Breitgrinsen, Sanftlächeln zwischen uns nicht mit letztendlicher, unbedingt wollender Konsequenz das auslösten, was wir im Subtext miteinander diskutierten, zwischen uns, lang und ausdauernd, mit erwartungsvoll lauernden Augen?
Kann ich dir nicht nochmal eine SMS schreiben?
Betrunken, aber nicht wie damals, um halb vier.
Schreiben würde ich, dass mich der Zweckfatalismus flutet.
Meine Kiefer aufeinander reiben, pressen, wenn ich über dich, über uns nachdenke. Dass ich scheiße aussehe, wenn ich verbissen gucke. Und dass ich das nicht mehr will. Schreiben würde ich, dass ich unsere gegenseitigen SMS retroperspektiv mit notwendig-selbstschützendem Zynismus lese.
Dass das Schöne, das Eine - wohl nie sein wird, nie sein kann - zwischen uns.
Und jetzt: Mehr bunte Lichter. Mehr Musik. Und das Tanzbein geschwungen und fröhlich transpiriert, als ob es kein morgen gäbe. Für uns zwei ganz bestimmt nicht.
Tanzend zieht halb vier an mir vorbei, auch die Zeiger von halb fünf, halb sechs, halb sieben drehen mit mir ihre Runden auf dem Tanzparkett, das von vergossenem Bier und emotionalen Unsicherheiten ganz rutschig geworden ist. I don't fucking care.
Vier Jahre nach halb vier und jetzt relativiert, irgendwie.
Und am Ende, im ersten Licht - bleibt nur das Rumpeln und Rauschen in meinen Ohren, als ich mich nach dieser durchtanzten Nacht auf mein Bett werfe.
Mit einem Lächeln auf den Lippen. Mit bunten Lichtern im Kopf. Glücklich - für den Moment. Für diese Nacht.
Kein Applaus für Herzscheiße.
Und daher: Mein Leben - ohne dich.

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Kein Applaus für Herzscheiße.
genau.
guter text
*
..und sich nicht trauen. ich erleb übrigens grad selbst hautnah eine glückliche 3erbeziehung mit, sprich, muss ja nicht immer sein, dass eine(r) zu gehen hat, wenn noch jemand dazu kommt. zumal männer oftmals eine freundin der freundin weniger als konkurrenz wahrnehmen. möglicherweise hält sich die unentschlossene da aus anderen gründen zurück.. aber 4 jahre, wow.. na viel glück.
*
abgesehen davon: dein text ist der hammer!
liebe grüße.
es kommt mir alles so bekannt vor. nur hab ich mich entschieden und versucht dem ganzen eine form zu geben. ohne erfolg. es ist bis jetzt "formlos" geblieben. sehr seltsam.
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18.11.2007 - 20:01 Uhr
mrsbratmaxe
das ist ganz wunderbar und ganz furchtbar zugleich herr jott.
was wäre wenn... der gedanke schmerzlich wenn man so an ihm hängt.