18.11.2007 - 02:58 Uhr

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Schimpf und Schande

Text: rene

Von Natur aus zur Sanftmut neigend, hege ich schon seit einiger Zeit eine große Faszination für schimpfende Menschen. Groß war meine Anerkennung, als mir am heutigen Abend erzählt wurde, Keith Jarrett, der ja nun wirklich nicht für grobschlächtiges Klavierspiel bekannt ist, habe kürzlich bei einem Konzert in der Alten Oper in Frankfurt fünf Mal seine bekanntermaßen hochfiligranen Improvisationen unterbrochen, um Leute zu beschimpfen, die für seinen Geschmack zu laut gehustet haben. Mangelnde Kinderstube soll er ihnen sogar vorgeworfen haben, die Improvisation war darauf natürlich erstmal gegessen. Man möchte nicht gern zu den Menschen gehören, die durch ein kurzes impulsives Körpergeräusch eine womöglich traumwandlerische Improvisation einer veritablen Klavierlegende, die nur alle 120 Jahre zu horrenden Preisen öffentlich auftritt, zum Stillstand gebracht haben, aber man freut sich auch ein wenig des fundamentalen Denkzettels, der durch solches Künstlerverhalten verpasst sein dürfte. Deutsches Konzertpublikum steht in notorisch schlechtem Ruf, was aber will man auch anderes erwarten, wenn selbst bei Jazzkonzerten in philharmonischen Hallen ein Benehmen wie auf einer Bauernhochzeit im Spätmittelalter vorherrscht? In puncto Konzertverhalten bin ich in nahezu widerwärtiger Weise konservativ. Man geht doch nicht, bevor der letzte Klatscher verhallt und die Bühne durch das Aufblenden des Lichtes in deutlich wahrnehmbare Abschiedsstimmung gehüllt ist! Menschen, die schon vor der Zugabe gedanklich im Parkhaus sind, gehören beschimpft. Da ich dies so schlecht kann, sollte es das Personal an der Garderobe übernehmen. Wer da auch nur eine Minute zu früh dem Konzertsaal entweicht, soll bei Abholung seiner Jacke rückhaltlos angefaucht werden und seine Oberbekleidung überdies erst nach offizieller Beendigung des Konzerts zurückerhalten. Warten muss er in einem kleinen Karzer, das Parkhaus wird überhaupt erst eine halbe Stunde nach Konzertende vom Künstler höchstpersönlich wieder aufgeschlossen. Mit melancholisch wirkendem Abblendlicht fahren diese Menschen dann geläutert nach Hause und werden sich womöglich in einer stillen Stunde Gedanken über den nötigen Respekt gegenüber der künstlerischen Entäusserung machen. Dabei hören sie alte Live-Aufnahmen von Keith Jarrett mit anderthalbstündig fortlaufen Improvisationen und rührenden Zugaben und geraten in eine fragwürdige Stimmung, die ich in diesem Fall für völlig gerechtfertigt halte. Andererseits ist unbedingt darauf zu achten, daß der Respekt nicht ins Gegenteil umschlägt. Notorisches Zugabenschnorren sollte ebenfalls geächtet werden. Wer kein Gespür dafür hat, wann die mühevoll ausgetüftelte Dramaturgie eines Konzerts behutsam den Schlussbogen anskizziert, soll bitte erst die komplette HAMBURGISCHE DRAMATURGIE von Lessing auswendig lernen. Wer nach einer herzzerreissenden Zugabenballade oder gar nach den signifikanten Worten Thank you and good night noch grölschreierische Laolawellen anzuzetteln versucht, um für Konzertverlängerung zu sorgen, sollte ebenfalls bei Abholung seiner Garderobe einen mittelschweren Rüffel kassieren. Unbedingt ist sicherzustellen, daß die Ermahnung mit dem nötigen Ernst vorgetragen wird: dezidiert und klar, aber nicht beleidigend. Ich biete mich gerne zur entsprechenden Schulung des Personals an, solange ich nicht selber schimpfen muss, denn das traue ich mich leider nicht.
Korrektes Schimpfen: Paderborn macht es vor! Es gibt eine CD von Keith Jarrett mit dem Titel Up for it , die vor einigen Jahren auf einem Open Air-Jazzfestival in Frankreich aufgenommen worden ist. In das CD-Heft schaut man allerdings besser nicht hinein, das Konzert fand nämlich bei fortwährendem Regen statt, so daß man dort ein Foto sehen kann, das sicher nicht gerne betrachtet, wer am Konzerterlebnis eine gewisse Erhabenheit schätzt. Jarrett, Gary Peacock und Jack deJohnette sitzen in Regenjacken an ihren Instrumenten und werden vor dem Niederschlag durch Aufstellpavillone billigster Provenienz geschützt, so wie man sie vom Pfarrfest oder vom Flohmarkt kennt. Wie in solchen Fällen mit der Konzertetikette zu verfahren ist, muss freilich noch geklärt werden.
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5 Kommentare

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isidor_zangenfeind
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Mag ich Mag ich nicht

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18.11.2007 - 10:58 Uhr
isidor_zangenfeind

Jene Aufgabe, die Menschen ob ihrer Unflat zu rüffeln, ist die allein für mich ausersonnene, vom Herrgott - Kardinal Jospeh Ratzinger - allein!

melan
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Mag ich Mag ich nicht

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18.11.2007 - 20:02 Uhr
melan

Schonungslos! Super!

amac
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Mag ich Mag ich nicht

0

19.11.2007 - 12:40 Uhr
amac

Radikalstens.

Melek_et_omnes_sancti
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Mag ich Mag ich nicht

-1

21.11.2007 - 01:48 Uhr
Melek_et_omnes_sancti

affektierter sprachgebrauch aber unterhaltsam.

isidor_zangenfeind
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Mag ich Mag ich nicht

1

25.11.2007 - 17:21 Uhr
isidor_zangenfeind

"affektierter sprachgebrauch" ist in bedienungsanleitungen von rasierapparaten oder reiskochern


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Lokalkorrespondent beim Hornberger Schießen
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