16.01.2008 - 14:00 Uhr

0 9 Über Twitter weiterempfehlen

Der Film "Once" - Crack für Melancholiker

Text: roland-schulz

Ein Zyniker sei er, sagt der Straßenmusiker.
Ein alter, schlimmer Zyniker.
Und an Romantik glaube er schon lang nicht mehr.

So gesehen müsste der Film „Once“ seinem Hauptdarsteller, einem namenlosen Straßenmusiker aus Dublin, ganz und gar nicht gefallen: Da geht es um eine einsame namenlose Blumenverkäuferin, die stets zur Mittagsstunde in einen Laden für Musikinstrumente geht, um dort Klavier zu spielen, denn ein Klavier, das kann sich die arme einsame namenlose Blumenverkäuferin, die alleinerziehende Mutter ist und nur Kleider aus dem Altkleider-Laden trägt, nicht leisten. Diese Blumenverkäuferin trifft den einsamen namenlosen Straßenmusikanten, es ist Zufall oder Schicksal oder auch nur die Idee eines melancholischen Drehbuch-Schreibers, ihr gefällt seine Musik, sie gefällt ihm, sie gehen zusammen in den Klavierladen, gemeinsam singen, und dann – Feuer frei, Pathos: Dann sprießt die Liebe zwischen den beiden wie ein gar zartes Pflänzlein.
Die einsame namenlose Blumenverkäuferin (rechts), Seit an Seit des einsamen namenlosen Straßenmusikanten Bild: Kinowelt Wer jetzt mit dem Klischee-Warnschild winkt, der soll sich mal schön schämen gehen, denn im Falle des Filmes „Once“ ist das nicht erlaubt: Der ganze Film besteht aus Klischees. Straßenmusiker tragen hier selbstverständlich Lederbänder um den Hals, an die kleine Dingelchen geknüpft sind, Blumenverkäuferinnen tragen natürlich fehlfarbene Strickjacken und fingerlose Wollhandschuhe (wg. Kälte! In den Straßen, in den Herzen, ach, in der ganzen Welt!), die Gitarren sind hübsch abgeschrammelt und selbstverständlich akustisch, die Lieder zum Schaudern schwermütig und schön. Wohlmeinende Menschen würden sagen: „Once“ ist ein Großstadtmärchen für Gutmenschen, die das Herz am, ächz, rechten Fleck haben und ansonsten schwer für Singer/Songwriter schwärmen, denn in „Once“ wird pausenlos gesungen. Zyniker dagegen – wie der namenlose Straßenmusiker vorgibt einer zu sein – würden sagen: „Once“ ist Crack für Melancholiker – knallt ordentlich rein, ist blitzschnell vorbei und hinterlässt eine schwere Depression, weil die Wirklichkeit eben doch nicht so ist wie während des Highs. Wegen der wehmütigen Lieder um Liebe und alles andere, die einem in „Once“ ständig um die Ohren geblasen werden, ist der Film von Kritikern flugs zum „wohl besten Musikfilm unserer Generation“ ausgerufen worden, beim Filmfestival von Sundance gewann er den Publikumspreis, und selbstverständlich, vermeldet der Filmverleih, sei die irische Produktion „längst für den Oscar gehandelt“. Darauf einen Kümmerling!, sagt der Zyniker, aber das ist böse und gemein. Natürlich funktioniert „Once“ als Musikfilm vorzüglich, die Lieder sind in der Tat gut, und auch die Liebesgeschichte ist, nun ja, auf eine märchenhafte Weise schön. Was „Once“ aber wirklich zu einem sehenswerten Film macht, ist das Ende: Da sprießt dieses gar zarte Pflänzlein der Liebe zwischen einer Blumenverkäuferin und einem Straßenmusikanten einen ganzen Film lang, es wird in einer Art gesungen, gemenschelt und sich näher gekommen, dass man sich spätestens zur Hälfte des Films wünscht, ein netter kleiner Krieg möge ausbrechen oder dieser Straßenmusikant wenigstens auf elektrischen Gitarren spielen – und dann ist der Film auf einen Schlag zu Ende. Und alles, alles ist gut. Für den Melancholiker, aber mehr noch für den Zyniker.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
roland-schulz
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
9 Kommentare

speichern
musikmaedchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.01.2008 - 14:29 Uhr
musikmaedchen

Der Film ist wirklich schön. Ich habe ihn vor einem halben Jahr in Kanada gesehen und war begeistert. Er ist etwas außergewöhnlich, aber gerade das macht ihn so gut und natürlich auch die Musik. Ich bin nur nicht wirklich Fan von den Frames aber was Glan Hansard und Marketa Iglova singen ist fabelhaft und berührt unglaublich.
Für mich der Film des Jahres 2007.

dem_osten_so_nah
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.01.2008 - 15:32 Uhr
dem_osten_so_nah

den film habe ich nicht gesehen, aber dafür den soundtrack im regal stehen. und der ist sehr zu empfehlen.

rockerking
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.01.2008 - 16:55 Uhr
rockerking

Musik & Film einmalig gut.
*

JenButzel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.01.2008 - 20:26 Uhr
JenButzel

Gerade läuft im Radio die Musik dazu und die läßt sich hören, auf den Film bin ich dann mal gespannt. (vor allem wie ich an den rankomme)

monni
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.01.2008 - 23:44 Uhr
monni

Ich fand den Film echt gut. Muss aber sagen, dass mir die Musik im Film besser vorkam, als dann auf CD. Weiß auch nicht warum.

nachtvogel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2008 - 09:09 Uhr
nachtvogel

Wer einmal länger in Irland war, der weiß, dass es sie dort in Scharen gibt, die Lederbänder tragenden Melancholiker, die auf abgeschrammelten Gitarren schwermütige Lieder zupfen, Klischee hin oder her. (Oft sind sie dann auch noch sehr hübsch, so wie Glen).

musikmaedchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2008 - 14:17 Uhr
musikmaedchen

Hm habt ihr alle den Soundtrack ? Ansonsten versuchts mal mit der CD , die Glen Hansard und Marketa zusammen rausgegeben haben. The Swell Season heißt sie.

-wolkenkatze-
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2008 - 22:31 Uhr
-wolkenkatze-

nicht umsonst sieht hansard aus wie damien rice oder umgekehrt. was freu ich mich auf den film. (melancholie, ja. nostalgie auch.)

jbo007
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.01.2008 - 00:17 Uhr
jbo007

der Film ist wunderbar und der Soundtrack genauso. Jawohl.


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

roland-schulz offline

roland-schulz

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.