Eigentlich ist er gar nicht mein Typ...
Text: regenstuermerin
Aber seitdem ich ihn getroffen habe, denke ich:
Ich will keinen Mann, der mir Gedichte schreibt, ich will einen, der beim Stichwort Themenwechsel nicht schweigt, sondern einen Witz reißt und mich zum Lachen bringt, immer wieder, 2 Tage lang. Einen, der nicht auf den ersten Blick mein Typ ist, aber mir nach dem xten über der Pizza auffällt und dessen zweites Gesicht mich mit allem Ernst umhaut. Einen, der mir Daumenkinos malt für schlechte Tage und mich hält, eine halbe Stunde lang nur umarmt und zwischendurch meine Stirn küsst, bis ich allein nach Hause gehen kann. Einen, der mich nicht schnell mal aufreißt, obwohl er es könnte, weil ich angetrunken bin oder angetan von ihm, sondern mich ganz langsam gewinnt...
Zu hohe Ansprüche?
Irgendwann im Januar wurde mir ein Heiratsantrag gemacht: „Wenn ich groß bin, heirate ich die P,“ schallte es durch den Raum nach meiner Performance. Ich lachte, fühlte mich geehrt, weil der Kerl wirklich ein verflucht guter Slammer ist, ging kurz darauf den alten ausgetretenen Pfad der Herzbrüche, schleppte mich auf eine Party und: vergaß.
Ein paar Monate später lese ich die Vorankündigung für die Slams in Bozen und München und denke: diese Slam-Tour wird furchtbar! 3 der ganz großen an meiner Seite. Und einer davon: er, der größte. Der, den ich letztens noch im Kato traf, wie immer witzig und so verflucht gut, dass er nonchalant das Publikum im Sturm eroberte, der, bei dem ich nie weiß, wie ernst ich ihn nehmen darf und ob er mich nicht einfach die ganze Zeit verarscht. Super.
Treffen uns ein paar Tage später also in Bozen beim Frühstück, bin noch vorsichtig, weiß eben nicht, wie er so drauf ist, und dann ist alles ganz einfach: Witze reißen zusammen können wir gut, zum Lachen bringt er mich allein noch viel besser und weicht mir kaum mehr von der Seite. Oder ich ihm. So geht es den ganzen Tag. Bis zum Abend. Nach dem 2. Slam. Wo mir über der Pizza, als wir irgendwie die Kurve im Witz nicht kriegen, also in einem der Blicke landen, die einfach viel zu lang dauern und zu tief gehen, plötzlich auffällt: Eigentlich ist er ganz süß. Irgendwie.
Verwerfe den Gedanken schnell, denn eigentlich ist er überhaupt nicht mein Typ, und wende mich wieder meiner Pizza und meinen beiden anderen Kollegen zu.
Später im Hotel sehe ich zum ersten Mal seine ernste Seite. Und die ist verdammt schön. So schön, dass ich nicht schlafen kann und denke: ich würd gern an seiner Tür klopfen und mit ihm Comedy Central schauen.
Natürlich tue ich das nicht. Schlafe irgendwann ein und werde ab 6 Uhr in regelmäßigen Abständen von den Kirchturmglocken geweckt.
12 Uhr treffen wir uns, beide hinter Sonnenbrillen, denn in Bozen ist irgendwie Frühling, zur Weiterfahrt.
Auf dem Weg zum Bahnhof fällt mir ein, dass ich noch einen Schlüsselanhänger besorgen muss für meine Mutter, die neuerdings aus jeder Stadt einen Schlüsselanhänger haben will. So ist das mit Ticks. Irgendwann brechen sie aus. Aber wenigstens weiß ich jetzt immer, was ich ihr schenken kann.
Schicke die anderen vor, Bahnhof ist nicht mehr weit, finde ich schon, aber er wartet, begleitet mich, und irgendwie... fällt das Wort: Freundin. In seinem Satz, dass er seiner Freundin nie was mitbringt.
Denke: Verdammt. War ja klar. Und warum kommt das erst jetzt raus?
Reagiere: „Du bringst Dich ja immer wieder mit. Das zählt schon.“
„Aber ich bin ja nicht ihr Tick.“
„Vielleicht ja doch ein bisschen.“ Jungs sind doch immer irgendwie der Tick der Ladies.
„Vielleicht hast Du recht,“ grinst er und scheint zufrieden. Danach steht er mir beim Bäcker bei, wo ich allen irgendwie im Weg stehe, stehe eben ein bisschen neben mir.
Zugfahrt. Hasse Züge. Nach spätestens 2 Stunden gehe ich die Wände hoch und will raus. Werde aber so charmant unterhalten, dass diese Fahrt sehr viel länger dauern könnte, mit Drum n Bass-Tracks, die er mir überspielt, und charmanten Flirtereien, denen ich versuche auszuweichen, aber es irgendwie nicht schaffe, sie sind einfach überall. Wir schauen Fargo und er macht mir schon wieder irgendein Kompliment. Ich fühle mich geehrt.
„Das hast Du damals auch gesagt.“
„Was?“
„Dass Du Dich geehrt fühlst.“
„Worauf?“
„Dass ich Dich heirate, wenn ich groß bin.“
Erinnere mich dunkel, frage mich, warum er sich daran erinnert und warum er es erwähnt und mich daran erinnert und warum selbst unser Gastgeber schon davon weiß.
Will keine Flirterei mehr. Will ankommen. Will essen. Will auf die Bühne und wieder runter an die Bar. Will was trinken. Und danach schlafen.
Schlafen.
Kommen in München an, essen irgendwas irgendwo, müssen aber gleich schon wieder los, keine Zeit zum Ausruhen, eine Studentengruppe will irgendwas aufzeichnen, wir sitzen daneben, reißen zuerst Possen, danach langweilen wir uns, setzen uns raus, trinken Tee, er bringt mich, weil ich abbaue, zum Lächeln, schon wieder.
Und er zieht mich auf, denke ich.
Sehe es nur noch als aufziehen. Nehme nichts mehr ernst.
„Bist Du Löwe?“
„Nein, warum,“ frage ich. Er hält mir eine Tüte Zucker hin. Da ist das Sternzeichen Löwe drauf. Dann dreht er die Tüte um. Da steht groß Zucker drauf.
„Dann bist Du Sternzeichen Zucker.“ So geht es die ganze Zeit.
Finde es irgendwie sehr süß. Finde es aber auch sehr anstrengend. Fühle mich geschmeichelt. Und gleichzeitig verarscht.
RAH!
Der Typ macht mich fertig.
Brauche meine Ruhe, ziehe mich in den Keller zurück, halte mir die Ohren zu, weil trotzdem so laut alles, und gehe meine Texte durch. Er ist schon wieder da oder immer noch, muss lächeln, will ihn eigentlich wegschicken, aber er setzt sich schon und ist ruhig. Malt irgendwas, ich bin rastlos, Augen zu, Ohren zu, auf und ab, Texte, vergesse die Hälfte, fluche leise, noch mal, bin verwirrt und müde.
„Hier, schau mal.“ Er hält mir einen Block hin.
„Ein Daumenkino?“
Er beginnt zu blättern: ein ernstes Gesicht, das sich erst in ein lächelndes Gesicht verwandelt, dann in ein Herz.
Was will uns der Autor damit sagen?
Will mich nicht mehr geschmeichelt fühlen und auch kein Zucker mehr sein und antworte: „Super, wenn Du mir jetzt noch aus dem Herz ein P machst, bist Du der Mann!“ Weiß nicht, ob ich so ironisch klinge, wie ich es meine, aber er geht.
Kann nicht klar denken, vergesse meine Zeilensprünge einen nach dem anderen, will schlafen, als er schon wieder auf meine Schulter tippt: wortlos spielt er das Daumenkino noch mal ab... und es endet in einem großen P. Oh, what the hell...
„Darf ich das haben?”
„Klar, für schlechte Tage…”
Danach ist er auf der Bühne und so gut, so verflucht gut!, dass er natürlich gewinnt, den 1. Platz und ein Stück von mir, wir uns danach in die Arme fallen vor Glückwünschen, uns wieder lösen. Bald wieder umarmen und einfach eine halbe Stunde so stehenbleiben, weil es so schön ist.
„Bis uns jemand auseinander reißt,“ sagt er in so einem Ton, dass ich unseren Gastgeber frage, ob ich ihn nicht einfach mitnehmen kann. Der meint, das ginge schon okay, aber wir verneinen beide.
„Warum denn nicht?“
„Weil er seit 3 ½ Monaten eine Freundin hat,“ antworte ich für ihn. Unser Gastgeber nickt. Und schaut tragisch. So wie unsere Kollegen uns anschauen wie eine große Tragödie.
Wir bleiben noch ein bisschen länger umarmt stehen, flüstern irgendwas, keine Ahnung, leise, harmlose, aber schöne Dinge. Bis es Zeit ist zu gehen, ich mich entschuldige, wie immer, er sagt, das ist okay, keine Entschuldigung, wofür denn.
„Wir sind so vernünftig. So erwachsen. So gut.” Denke ich laut. Rein rhetorisch. Im Gehen.
„Das verdammt böse Gutsein,” antwortet er und lächelt. Sage nichts mehr, er umarmt mich draußen noch mal, wir verpassen ein Taxi, da stehlen sich noch kurz Finger in Finger.
Mehr nicht. Das ist alles.
Danach fahre ich in die eine, er in die andere Richtung. Am nächsten Morgen fliege ich viel zu früh zurück nach Berlin, die beiden Drinks vom Vorabend und der Lärm der Tram vor dem Fenster stecken mir noch in den Knochen. Er tourt weiter. Oder so.
Was weiß ich.
Bin definitiv nicht verliebt, denn verlieben braucht Zeit, denke auch, dass wir uns außerhalb des Rahmens, in dem wir gehalten waren, wohl nicht viel zu sagen haben, und weiß ja, dass er eigentlich sowieso gar nicht mein Typ ist.
Aber irgendwie war das schon verdammt schön.
Steige in Berlin ein bisschen gelabsalt aus dem Flieger, fahre ins Büro und nehme meinen Alltag wieder auf.
Und irgendwie vermisse ich ihn.
Ich will keinen Mann, der mir Gedichte schreibt, ich will einen, der beim Stichwort Themenwechsel nicht schweigt, sondern einen Witz reißt und mich zum Lachen bringt, immer wieder, 2 Tage lang. Einen, der nicht auf den ersten Blick mein Typ ist, aber mir nach dem xten über der Pizza auffällt und dessen zweites Gesicht mich mit allem Ernst umhaut. Einen, der mir Daumenkinos malt für schlechte Tage und mich hält, eine halbe Stunde lang nur umarmt und meine Stirn küsst, bis ich allein nach Hause gehen kann. Einen, der mich nicht schnell mal aufreißt, obwohl er es könnte, weil ich angetrunken bin oder angetan von ihm, sondern mich ganz langsam gewinnt...
Zu hoher Anspruch?
Nein.
Nur ein Haken: solche Kerle haben in der Regel eine Freundin. Oder sind eigentlich nicht Dein Typ.
Neue Texte zum Label 'Tagebuch':
Textoptionen