„Boom! Du bist tot!“
Text: james-hagengruber - Fotos: Brian Plonka
Eine Reise aus der Kindheit in den Krieg: Wie aus den Zwillingen Matthew und Robert Shipp aus Idaho US-Marines wurden.
Die Zwillinge haben jetzt zwei Wochen frei, ehe die eigentliche Ausbildung beginnt. Robert geht nach Camp Pendleton, Kalifornien, in eine Heeresschule. Matthew geht nach Oklahoma und lernt, wie man Geschütze bedient. Mutter Leslee mag nicht an die Zukunft denken. „Ich will nicht, dass sie fort gehen“, sagt sie, da sind ihre Jungs gerade einmal eine Stunde lang echte Marines. Sie weint. „Das sind meine Babies!“
"Proud Father of two Marines": Papa Shipp zeigt seinen Söhnen das Tattoo, das er sich bereits zwei Wochen vor der Aufnahme seiner Söhne bei den Marines hat stechen lassen.
Robert legt seinen Arm um die Schulter seiner Mutter und sagt, dass jetzt erst einmal Urlaub sei. Familie Shipp steigt ins Auto. Sie wollen den Zoo in San Diego besuchen und vielleicht Sea World. Robert und Matt können es kaum erwarten, ihre gestärkten Uniformen auszuziehen: Zum ersten Mal in ihrem Leben schwimmen sie im Meer.
An Heiligabend 2006 fragt Matthew seine Freundin Jessica – er hat das vorher mit Robert durchgesprochen – ob sie seine Frau werden will. Jessica ist 21 Jahre alt und fast drei Jahre mit Matt zusammen. An eine Heirat hatte sie eigentlich noch nicht gedacht. Aber die Trennung von Matt fällt ihr jetzt schon schwer und wenn sie nicht mit ihm verheiratet ist, darf sie Matt während der Ausbildung im kommenden Jahr noch weniger sehen. „Eigentlich hätten wir noch ein paar Jahre warten wollen, aber wenn du nicht verheiratet bist, bist du den Marines genaugenommen scheißegal“, sagt Jessica.
Im Mai 2007 lassen sich Jessica und Matthew trauen. Unter den Gästen der Feier sind viele Marines, Matthews neue Freunde. Einer von ihnen kommt gerade aus dem Irak zurück: Auf seinen Unterarmen haben die Splitter einer Explosion mehrere Narben hinterlassen.
Heirat am See: Jessica und Matthew auf der Tanzfläche.
Braut und Bräutigam tanzen, es gibt Spanferkel und eine Hochzeitstorte und jeder versucht, diesen kühlen Frühlingsabend so gut zu genießen wie eben möglich. Dann aber kippt die Stimmung doch. Der DJ legt eine neue CD ein und Louis Armstrong singt „What a Wonderful World“. Eine seltsame Stille legt sich über die Feier und es gibt einen Grund dafür. Kurz vor der Hochzeit klingelte Jessicas Telefon. Matthew war dran und sagte, dass er sich freiwillig für einen frühzeitigen Einsatz im Irak gemeldet habe.
„Ich hab geheult“, erinnert sich Jessica. „Natürlich! Eine ganze Stunde lang – der Anruf kam drei Tage vor unserer Hochzeit!“
Wir reden nicht darüber
Jessica wusste, dass Matthew irgendwann in den Krieg gehen würde. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass es schon so bald der Fall sein würde. Schon ehe die beiden überhaupt zusammen kamen, machte ihr Matt klar, dass er eines Tages zu den Marines gehen werde und dass er außerdem bereit sei, alles für sein Land zu tun. Aber auch wenn Jessica ihren Mann über alles liebt, heißt das nicht, dass sie die Gründe für den Irak-Krieg nachvollziehen kann. Die Kriegs-Diskussion ist für die beiden ein rotes Tuch. Matthew ist in Sachen Politik sowieso konservativ und bleibt nach wie vor bei der Überzeugung, dass dieser Krieg geführt werden muss, wenn die Amerikaner ihn nicht irgendwann zu Hause führen wollen. Jessica ist hin- und hergerissen, sie weiß nicht, was sie von dem Irak-Einsatz halten soll. „Wir reden da nicht besonders viel drüber“, sagt Jessica im Oktober 2007, wenige Tage bevor Matthew in den Irak aufbricht. „Das Ganze ist ziemlich emotionsgeladen.“ Jessica hat bei der letzten Wahl nicht für George W. Bush gestimmt.
Matthew wird auf der Militärbasis von Twentynine Palms, Kalifornien, ausgebildet. Jessica darf gleich neben der Kaserne wohnen und sieht, wie sich auf der Basis ständig Marines fertig für ihren Einsatz machen, wie ständig Einheiten aus dem Krieg zurück kommen. Jessica hat sich mit Frauen von Soldaten angefreundet, deren Ehemänner schon im Irak waren. Sie erzählen ihr von Männern, die mit dem Leben davon kamen, als neben ihnen am Straßenrand wieder eine Bombe in die Luft ging. Sie erzählen ihr von den Verletzungen an Körper und Psyche. Einer der Ehemänner wurde schon ein paar Mal „in die Luft gejagt“, erzählt Jessica. Ein anderer traute sich nach seiner Rückkehr kaum mehr Auto fahren, weil er Panik bekam, wenn er am Rande einer Straße auch nur einen Müllhaufen sah, unter dem er eine Bombe vermutete.
„Ich verlange nicht viel“, sagt Jessica. „Es soll nur ein okayer Trip sein. Er soll mit allem dran zurückkommen und noch klar im Kopf sein. Mehr will ich nicht.“
Im Gegensatz zu vielen anderen US-Soldaten im Irak wird Matthew wohl keinen Zugang zum Internet oder zu Satellitentelefonen haben. Er hat Nachrichten auf Jessicas Handy gesprochen, so dass sie zumindest seine Stimme hören kann, wenn er nicht da ist. Sie will ihm schreiben. Jeden Tag. Wie im Boot Camp.
Matthew und Robert Shipp.
Am Morgen, an dem Matt in den Krieg zieht, steht er Hand in Hand mit Jessica auf einem Parkplatz. Kurz nach elf Uhr biegen drei Busse auf den Platz, ein Pfarrer spricht ein Gebet. Jessica hält sich an Matts Arm. Neben den beiden wiegt ein Sergeant ein Baby in seinen Armen, während seine Frau versucht, das erste Kind der beiden zu beruhigen.
„Ich bin schon nervös“, sagt Matt, kurz angebunden. Er macht eine Pause. „Ich gehe in den Irak!“
Kurz nach halb zwölf Uhr, ein Sergeant schreit „Fünf Minuten noch!“. Jessica drückt ihr Gesicht in Matts Uniform. Die Busfahrer starten die Motoren. Matthew küsst seine Frau und drückt sie für Sekunden an sich. Er sagt, dass er sie liebe. Dann greift er nach seinem Gewehr, nach seinem Helm und nach seiner kugelsicheren Weste und steigt in den Bus.
---
Fotograf Brian Plonka und Autor James Hagengruber arbeiten als Reporter für die Tageszeitung "The Spokesman-Review" in Spokane, Bundesstaat Washington, USA. Für ihre Heimatzeitung und für jetzt.de begleiten beide das Leben von Matthew und Robert Shipp.
Übersetzung: peter-wagner