28.10.2007 - 19:00 Uhr

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Kopfnoten: Brauchen wir Zensuren fürs Benehmen?

Text: eva-schulz - Illustration: katharina-bitzl

Seit diesem Schuljahr wird in Nordrhein-Westfalen das Arbeits- und Sozialverhalten von Schülern benotet. „Kopfnoten“ heißen die Zensuren, die eigentlich in den meisten Bundesländern abgeschafft waren und die es nun auch an meinem Gymnasium in Borken-Burlo gibt. Warum wurde eine solche Maßnahme, die einst für unnötig gehalten wurde, nun erneut eingeführt?
Einerseits, heißt es, weil Schulen einen Lehr- und Erziehungsauftrag haben. Und weil der immer wichtiger wird, sollen die Ergebnisse dieser Erziehungsarbeit auch sichtbar werden. Andererseits pocht die Wirtschaft darauf. Arbeitgeber möchten nicht nur wissen, wie gut ein Bewerber in Mathe oder Geschichte ist, sie möchten sich auch ein Bild seiner Persönlichkeit machen. Deswegen soll die Zensur in „Arbeits- und Sozialverhalten“ sechs Bereiche zusammenfassen, die das nordrhein-westfälische Schulministerium vorgibt: Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit. Wie sie dieses Gesetz umsetzen, bleibt den Schulen überlassen. Und da beginnen die Probleme. Die Verwirrung ist groß, sowohl unter Schülern als auch Lehrern. Das merkt bei uns die ganze Schule: „Ich habe das Gefühl, die Regierung hat da etwas in den Raum geworfen, aber sich dann nicht weiter drum gekümmert“, sagt etwa meine Mitschülerin Ramona Bünte, 17. Auch unsere Lehrer fühlen sich mit der neuen Vorschrift alleingelassen. „Wenn man die Vergabe dieser Note wirklich ernstnimmt, ist das ein Wust von Arbeit“, erklärt Helga Baecker, meine Englischlehrerin am „Gymnasium Mariengarden“: „Hier haben mehrere Kollegen eine Arbeitsgruppe gebildet, die verschiedene Bewertungsmodelle entwickelt.“ Aber wie soll ein Lehrer das Konfliktverhalten seiner Schüler bewerten? „Das geht vielleicht in Sonderfällen wie Mobbing, aber allgemein bekommen wir davon und auch vom sonstigen Sozialverhalten nur wenig mit“, sagt Frau Baecker. Sie bemängelt außerdem, dass Lehrer gar nicht für solche Bewertungen ausgebildet seien. „Aus- und Fortbildung im pädagogisch-psychologischen Bereich wären eine wichtige Voraussetzung, finden aber kaum statt.“ Ganz andere Fragen diskutieren meine Mitschüler. Was soll das überhaupt heißen: Kooperationsfähigkeit? Dem Lehrer die Tasche hinterher tragen? Müssen wir jetzt alle supersozial werden, damit wir nicht Gefahr laufen, dass ein Lehrer uns nicht leiden kann und eine Drei statt einer Zwei vergibt? Zudem sind die Vorlieben der Lehrer verschieden. Die einen mögen Schüler, die wenig kritisieren und nicht zu Konflikten neigen, andere sind begeistert, wenn wir auch mal Kontra geben, diskutieren wollen. Um zu verhindern, dass die Kopfnoten von diesen Neigungen einseitig geprägt werden, versuchen unsere Lehrer momentan, ein faires Bewertungsmodell zu finden. Weil nicht das gesamte Kollegium über jeden Schüler diskutieren kann, sollen in der Oberstufe ein Leistungskurslehrer und der Sportlehrer des jeweiligen Schülers über die Kopfnote entscheiden. Denn der eine verbringt überdurchschnittlich viel Unterrichtszeit mit uns, während der Sportlehrer aufgrund seines Faches mehr vom Sozialverhalten mitbekommt als andere Kollegen. Die Empfehlungen der beiden sollen dann auf Listen ausgehängt werden. Die übrigen Lehrer stimmen diesen entweder zu oder machen alternative Vorschläge. Das klingt natürlich immer noch schrecklich kompliziert und aufwendig – und schafft längst nicht alle Kritik aus der Welt. „Ich sehe in diesem System einen Versuch, den Musterschüler einzuführen. Da sind die Schüler ,gut’, die ins System passen, und alle Individualität geht verloren“, sagt mein Mitschüler Julian Schmeing. „Man sollte am besten allen Schülern die gleiche Note geben und nur in besonderen Fällen nach oben oder unten abweichen“, schlägt er vor. „Besondere Fälle“ sind für Julian Schüler, die sich in AGs oder in der Schülervertretung engagieren. Meine Lehrerin Frau Baecker hält die Kopfnoten prinzipiell für eine gute Sache. Vor allem als Disziplinierungsmaßnahme. „Das wird besonders in der Mittelstufe zum Tragen kommen, wo Schüler oft ausgelacht, nicht respektiert oder gar gemobbt werden.“ Die 14-jährige Isabell Wüst aus der neunten Klasse stimmt ihr zu: „Wir haben einen in der Klasse, der baut wirklich nur Mist und die Lehrer konnten bisher nicht viel dagegen tun. Jetzt gibt es die Kopfnoten, und wenn unser Klassenclown deshalb ein bisschen ruhiger wird, ist das auch für mich gut – er sitzt nämlich genau hinter mir.“


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dem_osten_so_nah
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Mag ich Mag ich nicht

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28.10.2007 - 19:33 Uhr
dem_osten_so_nah

kopfnoten sind die dümmste idee seit dem versuch aus stroh gold spinnen zu wollen.

kopfnoten sagen garnichts über eine persönlichkeit aus. wirklich ein aberwitziges vorhaben, ein individium mittels noten in schubladen stecken zu wollen. allein schon normale noten tragen diesen makel mit sich. die sind keinesfalls intelligenz- oder wissensmesser.

aber ja, gebt den leuten ruhig noch effektivere instrumente um freidenker und kritiker abstrafen zu können. auf dass sich arbeitgeber auf vollends angepasste, persönlichkeitslose, unkreative ja-sager freuen können.

indietheater
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28.10.2007 - 19:36 Uhr
indietheater

"Sozial"

farilari
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28.10.2007 - 19:42 Uhr
farilari

die wirtschaft verlangt das?!

wäre ich arbeitgeber, dann würde ich nicht viel darauf bauen, welche kopfnote ein schüler in der 13. klasse erhalten hat, der danach noch eine ausbildung oder ein studium absolviert hat, und sich vermutlich ziemlich geändert hat.

pragmatisch betrachtet: wen interessieren schon die noten, die man in der mittelstufe dafür bekommt? die schüler in der mittelstufe werden sich eher von arrest und strafarbeiten, oder schlechten mündlichen noten, abschrecken lassen. die note im fach "verhalten" in der neunten klasse sieht später doch eh niemand mehr.

sportlehrer: das ist eine interessante idee, dürfte aber die schüler bevorzugen, die eben gut in sport sind. was ist mit dem schüler, der immer hausaufgaben abschreiben lässt, anderen schülern hilft, wenn sie mal was erklärt brauchen, etc.? am ehesten sollten lehrer schülern eine art empfehlungsschreiben mitgeben. wäre mehr arbeit, aber besser, weil es nicht nur eine zahl ist.

kulturgut
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29.10.2007 - 02:58 Uhr
kulturgut

ist natürlich unsinn. lehrer einer staatlichen schule sind aus meiner sicht nur als menschen wie alle anderen menschen auch zu respektieren, aber dürfen vom kind nicht als autoritäten mit über die elterliche erziehung hinausgehender weisungsbefugnis betrachtet werden.

die "kopfnoten" sind aber nichts anderes als eine benotung dieser besonderen unterwürfigkeitsbereitschaft.

diedrossel
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29.10.2007 - 03:05 Uhr
diedrossel

ich bin ja für die wiedereinführung des rohrstocks - wenn man schon kopfnoten wieder aufgreift, dann bitte aber konsequent. und schönschreiben.

suesswarenabteilung
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29.10.2007 - 07:49 Uhr
suesswarenabteilung

ich bin in rheinland-pfalz zur schule gegangen. wir hatten epochal und benehmensnoten [bei benehmen bin ich mir nicht ganz sicher] bis zur 10. klasse auch bis vor 5 jahren noch.

mushummel
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29.10.2007 - 11:17 Uhr
mushummel

kopfnoten gibts auch an meiner schule in bawü.

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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29.10.2007 - 11:35 Uhr
farilari

mushummel: bis zu welcher klasse?

ShesSoHigh
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Mag ich Mag ich nicht

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29.10.2007 - 11:55 Uhr
ShesSoHigh

ich hatte in der mittelstufe auch kopfnoten (Hessen). War immer totaler Schwachsinn, vor allem eben weil - wie meine Vorredner ja auch schon sagten - Mittelstufennoten nie wieder jemand sieht.
Ach und mir fallen noch 20 andere Gründe ein, warum das absolut sinnlos ist.

der_ingenieur
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29.10.2007 - 12:19 Uhr
der_ingenieur

Ich bin gegen Kopfnoten. Nicht weil ich es gut finde, dass es keinerlei Dokumentation oder Konsequenz hat, wenn sich ein Schueler daneben benimmt oder faul ist, sondern weil sich gesellschaftlich einiges Veraendert hat, und sie nicht mehr zeitgemaess sind.

Eltern haben vor Lehrern viel weniger Respekt als frueher. Wenn ein Kind eine schlechte Note (4-6) bekommt, so ist es Schuld des Lehrers, der etwas gegen das Kind habe. Selbst bei Schularbeiten, die der ganzen Klasse gestellt werden und objektiv korrigiert werden, so dass ein direkter Vergleich moeglich ist! (Also z.B. in Mathe, in dem alle Schueler im selben Unterricht gesessen haben und die selbe Arbeit geschrieben haben).
Kopfnoten hingegen sind nicht objektiv belegbar. Das vervielfaeltigt die Beschwerdemoeglichkeiten der Eltern, daher sollten sie im Interesse der Lehrer abgeschafft werden.

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eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz