Fünfhundertirgendwas für dich.
Und wieder ein Tag am Rhein. Fernab der kleinen Sandbucht in der Mittagshitze. Fernab von den fünfhundertirgendwas Chancen, die ich dir gegeben habe. Jeden Tag eine. Die du weggeschmissen hast. Jeden Tag eine. Eindreiviertel Jahre umsonst. Jetzt: Winterjacken und Betonufer. Neben mir kalte Jungshände, die einen Stein ins Wasser plumpsen lassen. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein glücklich kindliches Grinsen zwischen einem fremden Vollbart. Mein Vanillemilchshake von Mc Donalds zwängt sich zäh durch den zu engen Strohhalm und kommt mit einem eisigen Blitz im Kopf an. Gehirnfrost, würdest du jetzt sagen und das Gesicht verziehen. Ich gehe sonst nicht zu Mc Donalds. Das ist ein Prinzip. Aus Prinzip habe ich auch Chancen verschenkt. Oder besser: geschenkt. Verschenkt gewesen sind sie erst später. Ich habe dir Chancen geschenkt. Immer und immer wieder. Mein Prinzip: Das Gute tief drin. Irgendwo muss es ja sein. Und ich wollte es finden. Der kaputte Mensch vor mir, der sollte ganz werden. Sollte dieses Du und ich - wir beide begreifen. Sollte begreifen, dass nichts umsonst war. Dass das alles einen Sinn machte. Dieses schnöde „alles“ ist mit der Zeit sehr viel geworden. Am Anfang war es noch wenig. Nur ein paar Nächte und ein paar Gespräche. Aber es begann sich von Tag zu Tag zu häufen. Da gab es jede Menge Auseinandersetzungen und einsame tränenreiche Nachhausewege durchs nachtleere Viertel. Es gab so viele Verletzungen, so viele Enttäuschungen, so viele Unverschämtheiten, so viele Streits, Schuldgefühle, Vorwürfe. Es gab Wegstoßen und Zurückwollen. Es gab Versöhnungen und Verzeihen. Es gab Strandtage und Auskitzelabende. Es gab kindische Kosenamen und erneute zaghafte Berührungen. Es gab uns. Es gab uns nicht. Das alles machte einen Sinn. Jedenfalls für diesen einen kleinen Moment, in dem du betrunken warst und plötzlich eine Zukunft sahst. Eine Zukunft, die du nach fünf Wochen beendet hast. Fünf gute Wochen. Fünf schlechte Wochen. Fünf Wochen ohne den einsamen Nachhauseweg. Stattdessen genau acht Minuten von meiner zu deiner Haustür. Ich habe immer acht Minuten gebraucht. Vorbei an den italienischen Mafiosi, über den Spielplatz mit knutschenden Pärchen und quasselnden Türkinnen, den Bahndamm entlang bis zu dem kriminellen Autohändel, den Gürtel überquert, durch die Unterführung, über den spätsommerabendlichen Biergartenplatz vom Café Goldmund und hinein in deine kleine Straße. Zwei Stufen hoch, durch den Flur, Hinterhofidylle und deine 37m². Acht Minuten. Ich habe sie geliebt. Später, als ich sie in diese Richtung laufen durfte und nicht nachts alleine den umgekehrten Weg zurück. Bis dahin hat es lange gedauert. Bis dahin hat es nur diesen einen Moment gedauert, in dem du dir sicher zu sein schienst. Ein kleiner Moment auf einer Tanzfläche, aus dem fünf Wochen wurden. Fünf Wochen sollten erst der Anfang sein. Nichts war perfekt. Aber perfekt ist langweilig. Es war perfekt in seiner Unvollkommenheit. Ich ignorierte, ich investierte, ich hoffte, ich bangte, ich fluchte, ich sagte nichts. Ich gab dir Zeit. Zeit, die du nicht zu nutzen wusstest. Letztendlich hast du sie einfach weggeschmissen. Hast sie weggeschmissen, die Wochen, die wir hatten. Die Wochen, die wir haben sollten. Fünf Wochen reichten für deinen Versuch, reichten für dein Alibi. Abgesessen und ausgehalten hast du sie, damit du endlich einen einfachen Grund für das finale Todesurteil hast. Einfach ist eben einfacher. Einfacher sind Ende, Schluss, Aus und Vorbei. Schwieriger sind die Probleme, Ängste, sich fallenlassen, Verantwortung übernehmen, Vertrauen schenken, Initiative zeigen, Alltag teilen, zueinander stehen, Fehler hinnehmen, Pläne machen und treu sein. Du wählst mal wieder den einfachen Weg, auf dem es sich schneller wegrennen lässt. Es reicht eben nicht, sagst du. Deine Gefühle reichen nicht. Ich reiche nicht. Die Vergangenheit und die Zukunft reichen nicht. Ganz einfach: Die echte Welt gemessen an deinem Kopfkino wird nie reichen. Egal wer kommt, egal was ist. Du bist schneller. Und ich bin zurück auf Null. Eine Trotzträne fällt in das prinziplose Milchshake. Neue fünfhundertirgendwas Chancen für jemand anderen. Irgendwo muss es ja sein. Das Gute tief drin. Noch ein Stein plumpst ins Wasser. Noch ein Grinsen. Ein paar Kilometer weiter südlich liegt eine verwaiste Sandbucht im Herbstsonnenschein.
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und wie ich das kenne mit diesen chancen... =/








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15.10.2007 - 17:37 Uhr
kathrinaa