Fernfahrer-Kolumne (IX): Grenzverkehr mit der schönen Frau Chen (für viel Geld)
Text: moritz-baumstieger
Moritz Baumstieger hat gerade Magister gemacht. Jetzt fährt er mit einem alten VW-Bus von Köln nach Kairo. Jede Woche berichtet er darüber hier bei jetzt.de. Heute: Grenzwertige Grenzen - wie man von Jordanien aus- und nach Israel ein-, dann von Israel aus- und endlich nach Ägypten einreist.
Auf der Straße nach Süden, äh, Ägypten
Fotos: Patrick Desbrosses
Auf der Welt gibt es viele Länder. Und weil es davon viele gibt, muss es – ist ja klar – dazwischen Grenzen geben. An denen haben wir uns ein wenig aufgehalten. Um aus Jordanien raus und nach Ägypten rein zu kommen. Um dazwischen einen Blitzbesuch in Israel zu machen. Dauert nicht mal eine Stunde, spart Geld für die Fähre. Und schraubt unsere Länderbilanz um ein weiteres nach oben.
Die Stacheldraht-Zäune um den Streifen Niemandsland zwischen Jordanien und Israel sind nicht zu übersehen. Die Grenzstation schon. Hat man sie nach fünf Runden „Großer Preis von Aqaba“ gefunden, ist alles ganz einfach. Wir sind keine Anfänger mehr. Dem filzenden Beamten noch kurz erklären, dass Tampons nur für „Madame“ sind und dass Kondome schützen. Dann weg.
Eine im Schritttempo gerollte Minute später: Die Grenzstation von Israel. Die coolen MG-Schützen in Zivil gucken lieber angestrengt durch ihre Sonnenbrillen, als dass sie zurückgrüßen. Dann halt nicht. Kurz hinter ihnen: Müssen wir den guten, grauen Bus ausräumen. Komplett, bis auf den letzten Kugelschreiber. Die israelischen Grenzbeamten helfen so lange mit Plastiksäcken aus, bis alles, was wir drei Leute in sieben Wochen in den Bus hinein gestopft haben, auf sechs Flughafen-Rollwagerl gepackt ist, die dann wie der Bus durchleuchtet werden. Die Ladung eines weiteren Rollwagerls wird in die herumstehenden Mülleimer verteilt. Angebrochene Kekspackungen aus Ungarn und so.
Dem Baumstieger sein Reise-T-Shirt für die arabischen Länder. Geschenkt bekommen. Aber, ganz ehrlich: nicht so oft angehabt.
Fotos: Patrick Desbrosses
Dann Marathon-Befragung bei der Frau Chen, die ihre Fragen nur ganz, ganz leise gegen die schusssichere Verglasung ihres Schalters haucht. Frau Chen ist sehr jung und auch sehr schön, was nach drei Wochen in Ländern mit verschleierten Frauen natürlich auffällt. Hier ein – bezogen auf die Gesamtdauer des Verhörs – sehr kurzer und übersetzter Auszug:
Die schöne Frau Chen: Was haben Sie in Syrien gemacht?
Ich: Urlaub.
Die schöne Frau Chen: Warum gerade dort?
Ich: Äh.
Die schöne Frau Chen: Also?
Ich: Wir fahren von Deutschland nach Kairo.
Die schöne Frau Chen: Was wollen Sie in Israel?
Ich: Nichts. Durchfahren. Nach Ägypten.
Blick zur Seite. Patrick versucht gerade am Nachbarschalter zu erklären, warum er mehr als eine E-mail-Adresse hat. Der Depp.
Die schöne Frau Chen: Wie lange waren Sie in Syrien?
Ich: So zehn Tage.
Die schöne Frau Chen: Sie wissen das nicht genau?
Ich: Nein. Müsste ich in meinem Pass nachschauen.
Die schöne Frau Chen: Bitte. Also?
Ich: Zehn Tage.
Die schöne Frau Chen: Sie können Arabisch lesen?
Ich: Ja.
Die schöne Frau Chen: Warum?
Ich: Ja, so halt.
Die schöne Frau Chen: So halt?
Ich: Ja.
Die schöne Frau Chen: Ihre Handynummer?
Ich: Plus-four-nine-one-seven-sechs…
Die schöne Frau Chen: What?
Oh Gott. Wie peinlich. Ins Deutsche zurückgefallen. Freudscher Versprecher? Sechs, das klingt ja wie „Sex“! So etwas zur schönen Frau Chen sagen!
Ich: Ähh. Hm. Sorry, I wanted to say six.
Die schöne Frau Chen schaut ganz böse.
Die schöne Frau Chen: Was wollen Sie in Israel?
Ich: Nichts. Nur durchfahren.
Die schöne Frau Chen: Wie lange möchten Sie in Israel bleiben?
Ich: Gar nicht lange. Nur durchfahren nach Ägypten. 30 Minuten.
Die schöne Frau Chen: Wie hieß ihr Großvater?
Ich: Welcher?
Die schöne Frau Chen: Egal.
Ich: Harald. Harald Uhlig.
Die schöne Frau Chen: Was wollen Sie in Israel?
Ich: Immer noch nichts. Nur Durchfahren. Nach Ägypten.
Die schöne Frau Chen: Und der andere?
Ich: Patrick will auch nur durchfahren.
Die schöne Frau Chen: Großvater!
Ich: Baumstieger. Wie ich.
Die schöne Frau Chen: Vorname?
Ich: Oh.
Wie hieß der gleich noch mal? Nicki-Opa halt. Aber mit Vornamen? Scheiß Verhör, hier. Nicki Opa, Nicki Opa. Was mit „M“, wie ich. Und der Name klang französisch, kam ja aus dem Elsas. Maurice? Nee, so heiße ja ich auf Französisch. Marcel? Auch nicht, da war doch was mit meinem Vornamen. Max und Moritz oder so. Ja, genau! Max! Oder? Klingt gar nicht französisch. Auch egal.
Ich: Max!
Die schöne Frau Chen: Was wollen Sie in Israel?
Ich: Nee! Marcel!
Die schöne Frau Chen: Max-Marcel also.
Ich: Hm. Ja.
Die schöne Frau Chen: Gut. Bitte warten Sie dort zehn Minuten.
Wie lange zehn Minuten sein können – und wie viel Wasser man währenddessen um die Wette trinken kann: Auf der nächsten Seite.