Mitleid für die Ex-Prinzessin? - Ein Fall für Zwei über Britney
Text: dana-brueller
Britney Spears lieferte uns Skandal auf Skandal. Jetzt wurde ihr auch noch das Sorgerecht für die beiden Söhne entzogen und alle Welt zeigt spöttisch mit dem Finger auf den verlotterten Ex-Star. Soll man mitlachen oder mitleiden? Zwei Meinungen.
Wäre ich Britney Spears, wäre ich auch so. Ein Plädoyer für Mitleid
Ich bin nicht Britney Spears. Ich habe Eltern, die mir einen Kuchen vor die Tür stellen und mir Geld leihen. Ich gehe bei schönem Wetter in den Park und lese Bücher.
Britney Spears hat einen Mann, der sie schlecht behandelt und den sie schlecht behandelt. Sie ist Mutter zweier Kinder, für die sie aber nur Besuchsrecht hat. Sie ist stets von vielen Menschen mit Handykameras umringt, selbst wenn sie aufs Klo geht. Ein paar Stunden später erscheinen dann die Bilder von ihrem Toilettenbesuch im Internet und im Fernsehen und alle sagen demütigende Dinge über sie.
Als sie noch ein Teenager-Idol war. Bild: ap
Ich musste als Kind in die Grundschule an der Nadistraße gehen, nachmittags habe ich mit meinen Freunden gespielt, und abends mit meinen Eltern gegessen.
Britneys Tage waren währenddessen länger und härter als meine je sein werden: Sie wurde von einem Talentwettbewerb zum nächsten gezerrt, drehte Werbespots und moderierte im Disney-Channel. Mit 17 Jahren war sie die erste Künstlerin in Amerika, die mit ihrem Debütalbum auf Anhieb Platz Eins der Billboard-Charts erreichte. Die nächsten Jahre waren sehr erfolgreich, Britney Spears galt als der größte Popstar ihrer Generation. Es ist unzweifelhaft, dass Britney für diese Karriere seit vielen Jahren sehr, sehr hart arbeitete. Außerhalb der Teenagerwelt wurde sie wenig beachtet, um als Wunderkind zu gelten, war ihre Musik zu simpel, um Skandalnudel zu sein, ihre angebliche Jungfräulichkeit und ihr neckisches Auftreten zu lahm.
Ich versuchte parallel bestenfalls die Schule abzuschließen oder schlechtestenfalls linksruckverteilend die Welt zu verbessern. Ich nahm von Britneys Existenz Kenntnis, wie man von Parteiaffären und Terroranschlägen Kenntnis nimmt. Ich dachte kurz darüber nach, aber mein Weltbild blieb unberührt. Manchmal war ich ein bisschen eifersüchtig - Britney Spears hatte mit Justin Timberlake einen lieben, talentierten Freund und konnte sich viele niedliche, kleine Hunde kaufen.
Ob Britney einige Zeit später einem Imagewechsel oder den Folgen ihrer bizarren Karriere erlag, weiß ich nicht.
Am Valentinstag 2003 überredete Britney ihre komplette Crew, sich Brustwarzenpiercings stechen zu lassen. Im Sommer küssten sich Madonna und Britney während der MTV Video Music Awards. Januar 2004 heiratete Britney Jason Allen Alexander, ließ die Ehe aber nach 58 Stunden wieder annulieren. Im September des gleichen Jahres heiratete Britney ein zweites Mal, diesmal Kevin Federline, gegen den sie zwei Jahre später die Scheidung einreichte, und der der Vater ihrer zwei Kinder ist. Im Dezember 2006 wurden Fotos aufgenommen, die zeigen, wie Britney angetrunken, ohne Unterwäsche, aus einem Auto aussteigt. Bald darauf rasierte sie sich eine Glatze und ließ sich tätowieren. Britney Spears gilt spätestens seitdem als alkoholabhängig, manchmal auch als drogensüchtig, ihre Suchtklinikaufenthalte brach sie sehr zeitig ab. Der Auftritt, der zu einem Comeback verhelfen sollte, scheiterte grandios: Britneys Performance bei den MTV Video Music Awards wurde wochenlang von den Medien verhöhnt.
Auch wenn ich persönlich nur durchschnittliches Interesse an der Person Britney Spears aufbringe, verstehe ich, dass Britneys Fehler eigentlich ganz gewöhnliche Fehler sind, nur im größeren Ausmaß.
So großartig wie ihre Erfolge gelangen, so furchtbar sind ihre Abstürze, die Dimensionen sind bizarr verzerrt. Die meisten jungen Menschen begehen Idiotien, lassen sich mit den falschen Männern ein, nehmen Drogen und trinken viel Alkohol, manche lassen sich schwängern, viele tragen seltsame Kleidungsstücke. Was Britneys Fall so speziell macht, ist die Tatsache, dasse ihr Fehler, die ein Dutzend Menschenleben mit peinlichen Anekdoten füllen könnten, innerhalb kürzester Zeit gelingen und sie sich nicht lernfähig zeigt.
Dennoch verstehe ich viele der Dinge, die sie tut, denn ich bin auch ein Mädchen in ihrem Alter, das manchmal gerne in einer rosa Villa in Los Angeles wohnen, auf Oscar-Parties gehen und Fotos von mir selbst auf Zeitschrifterncovern sehen würde.
Mein Leben würde nicht weniger katastrophal verlaufen, wenn meine Mutter aus ihrer Tochter einen Star hätte machen wollen, und wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, die mir Gutes wünschten.
Warum ist es so schwierig, Empathie für Britney Spears zu zeigen? Reagiert man so gehässig auf Britney Spears, weil sie den Erfolg, das Geld, das vermeintlich bedeutsame Leben hatte, auf das man immer ein bisschen geschielt hatte? Gönnt man ihr die Katastrophe, um all den Neid, den sie hervor gerufen hatte, zu nivellieren?
Ich glaube, die Prinzessin in der Gosse hat als Opfer von viel Hass, Missgunst und Bevormundung Mitleid verdient.
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