19.09.2007 - 19:00 Uhr

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Fernfahrerkolumne (VI): Durchs wilde Winnetouistan

Text: moritz-baumstieger

Moritz Baumstieger hat gerade Magister gemacht. Jetzt fährt er mit einem alten VW-Bus von Köln nach Kairo. Jede Woche berichtet er darüber hier bei jetzt.de. Heute: Raus aufs Land, ab in die tiefe Türkei - durchs wilde Winnetouistan.

Nach viel zu viel ausgegebenen türkischen Lira: Raus aus Istanbul, raus aufs Land, raus in die echte Türkei. Die echte Türkei ist gleich so echt, dass man hinter jeder Bergkuppe wahlweise die Filmcrew eines Spaghetti-Western oder einen Sioux-Häuptling erwartet. Die sind da aber nicht. Sondern dicke, alte Frauen, die sich selbst zum Trampen einladen, sobald das Auto einmal steht. Zahnlose Männer mit Pullis, auf denen „This is a lack of education!“ steht.
Landschaft im wilden Winnetouistan (teilweise verdeckt von jungem Eheglück) Fotos: Patrick Desbrosses Und: noch mehr Berge, noch mehr weites Nichts, noch mehr Höhlen, noch mehr Schluchten. Viel zu sehen. Deshalb meine neue Fahrtaktik: Fünf Sekunden Landschaft gucken, eine Sekunde auf die Straße schauen, fünf Sekunden Landschaft gucken, eine Sekunde Straße. Klappt gut. Nur einmal, bei einer kurvenreichen Passstraße, neben einer Schlucht, nicht ganz so gut. Mit dem Schrecken davon gekommen, versuchen wir uns zu erholen. Da bot sich ein Sonntagsmarkt auf einer Wiese an, auf dem die Bewohner der Region zusammenkommen. Obwohl früher ein Viehmarkt, wird hier inzwischen alles verkauft. Auch Tiere, die aber nur in Einzelteilen. Am Ende des Geländes die Open-Air-Schlachterei, für ganze Lastwagenladungen Schafe und Ziegen der letzte Halt vor dem Tierhimmel. Das ging so: Erste Station: Schnitt in die Kehle. Zweite Station: Kopf und Beine ab. Dritte Station: Aufhängen. Fell ab. Ausbluten lassen. Vierte Station: Ekelige Sachen mit den Innereien machen. Fünfte Station: Weiteres Zerhacken. Sechste Station: Durch die Blutsuppe Fleischtransport zum Metzgerei-Stand, dann Verkauf. Siebte Station:Grill.
Die Open-Air-Schlachterei Fotos: Patrick Desbrosses Bis auf die eine Streber-Ziege, die freiwillig-freudig über die niedrige Mauer der Schlachterei in ihren Tod sprang, haben uns die süßen Ziegen und Schäflein fast Leid getan. Aber nur fast: Denn dazu waren sie einfach zu lecker. Besonders am Abend: Musa und Ayshe Ötztürk haben uns zu sich nach Hause eingeladen. Das Zuhause waren zwei Zelte in den Bergen Anatoliens, in denen wir uns hoffnungslos verfahren hatten. Um uns herum: das Moped und der immer fressende Esel der Familie, wildestes Winnetou-Gebirge, Sterne und die hundert Ziegen von Musa. Außerdem: Ümit, der Satansbraten von Sohn und ein Hundewelpen. Damit der kleine Hund von seiner Mama das Ziegenhüten vernünftig lernt, wurde er immer wieder mit Steinen verscheucht, obwohl wir ihn gerne gestreichelt hätten. Aber nur so kann Musa in Ruhe Tee trinken und sein Bein hochlegen. Das ist etwas dick, seit er mit dem Moped hingefallen ist. Ayshe kocht in der Zeit auf dem Holzfeuer leckeren Eintopf aus der ehemaligen 101. Ziege, dazu Reis mit Ziegenstreifen und Nudeln und Joghurt ganz ohne Ziege.
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moritz-baumstieger

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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