28.09.2007 - 19:00 Uhr

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Im Warenkorb: Hitler reloaded - zwei Bücher über den Mann mit dem komischen Bart

Text: kathrin-hagemann

Der Mann mit dem komischen Bart schon wieder: Zwei gerade ins Deutsche übersetzte Bücher beschäftigen sich auf unkonventionelle Weise mit dem Phänomen "Hitler".

Ein Buch mit Adolf Hitlers Gesicht auf dem Cover – das könnte ein Grund sein, es nicht zu lesen. Diejenigen, die die „Holocaust education“ in Deutschland erreicht hat, haben meist nach überstandener Schulzeit das Gefühl, es könne ihnen über das Dritte Reich nicht mehr viel beigebracht werden, oder sie sprechen sogar von einer „Überdosis“. Fernsehdokus zu gewissen Jahrestagen, deren Reiz entweder in der Schilderung blutiger Szenen oder im Hervorkramen privater Details der Beteiligten besteht, bestätigen diesen Eindruck. Mit der Feststellung, Hitler sei "eben ein Monster“ gewesen, haben sich viele zufrieden gegeben - und können auf krampfhaft detaillierte Beschreibungen dieser Monster-Natur verzichten.

Interessant und verdächtig

In zwei gerade ins Deutsche übersetzten Romanen (und nur auf einem der beiden Buchtitel ist Hitlers Visage zu sehen) wird aber etwas Neues versucht. Allein dadurch, dass sie keine Sachbücher sind, machen sich „Das Schloss im Wald“ von Norman Mailer und „Adolf H. – Zwei Leben“ von Eric-Emmanuel Schmitt gleichzeitig verdächtig und interessant. Verdächtig: Fiel denen nichts mehr ein, oder warum mussten sie ausgerechnet Hitler als Romanfigur verwursten? Aber interessant: Mailer und Schmitt rekonstruieren die Biografie Adolf Hitlers jenseits vom Anspruch auf historische Ernsthaftigkeit und ohne den Adrenalinpegel ihrer Leser durch einschlägige Beschreibungen in die Höhe treiben zu wollen. Sie schreiben streng genommen sogar beide am Thema vorbei. Mailer beschäftigt sich hauptsächlich mit Adolfs Vater, dem schnauzbärtigen Grenzbeamten und Hobby-Imker Alois, während Schmitt dem Diktator eine Alternativ-Karriere als surrealistischer Maler auf den Leib schneidert. Und gerade durch dieses Weniger an Fixiertheit auf die bekannten Diskussionspunkte können diese beiden Bücher wirklich etwas Neues sagen über die Frage, wie Hitler zum Diktator wurde – und in welchem Fall er es vielleicht nicht geworden wäre.

Bild: Langen/Müller Verlag

Die beiden knapp 500 Seiten starken Romane ergänzen sich gut: „Das Schloss im Wald“ beschreibt furchtbar detailgetreu die Hitlersche Familiengeschichte voll Armut, Patriarchat und inzestuöser Verbindungen. Am Ende des Buches ist Adolf siebzehn Jahre alt, voller Wut auf die Welt und hält sich seit längerer Zeit für ein verkanntes Genie; mit seiner gescheiterten Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunsthochschule beginnt dann „Adolf H. – Zwei Leben“. Eric-Emmanuel Schmitt wagt das Gedankenexperiment, einen gewissen „Adolf H.“ in einem zweiten Erzählstrang die Prüfung bestehen zu lassen, während „Hitler“ durchfällt. Der Werdegang des Letzteren ist eigentlich bekannt, liest sich aber durch die Schilderung aus der privaten Perspektive auf eine neue Art beklemmend. Während diese Existenz zwischen Angst und zerstörerischer Wut, in der die Freundschaft zu einem Hund zu den positivsten emotionalen Erlebnissen zählt, ihren Lauf nimmt, landet der junge „Adolf H.“ sehr bald auf der Couch eines gewissen Dr. Freud, zieht als Soldat in den Krieg gegen Frankreich, belebt später als Maler die surrealistische Szene in Paris und lebt unter anderem mit einer Frau mit dem wohlklingenden Namen Elf-Uhr-Dreißig zusammen, bevor er Familienvater wird.

Muss das sein?

Das klingt sehr einfach und irgendwie auch ketzerisch. Schließlich deuten beide Autoren an, erklären zu können, was Hitler zum Diktator machte – wobei Schmitts Version, die das Scheitern an der Kunstschule zum zentralen Erlebnis macht, wenig spektakulär erscheint gegen Mailers Entwurf, in dem göttliche und teuflische Mächte im Kampf um die Seelen der Menschen liegen und der Ich-Erzähler ein Angestellter des Satans höchstpersönlich ist. Freunde der Psychologie werden hier abserviert; den Namen Freud hat in den österreichischen Provinzorten, in denen Hitler aufwächst, noch niemand je gehört.

Muss das sein – mit solchen unterkomplexen Mitteln versuchen, etwas zu erklären, das nach allgemeiner Ansicht nicht verstanden werden kann und für das auch kein Verständnis geweckt werden sollte? Gerade dieses Tabu sollte wohl langsam relativiert werden. Denn wenn irgendeine Beschäftigung mit Hitler Sinn macht, dann ist es eine, die Fragen aufwirft, wo in unserem Bewusstsein sonst nur Fakten und historische Gewissheiten stehen. Hätte es ohne ihn keinen Antisemitismus, keinen Nationalismus und keinen Krieg im Europa der dreißiger Jahre gegeben? Was kann soziale Abweisung aus einem Menschen machen? Und hatten Gott und der Satan vielleicht auch als bloße Einbildungen der Landbevölkerung ihre Finger mit im Spiel?
Auch aus der Geschichte des Dritten Reiches wird jedenfalls nach und nach ein quasi-religiöses System mit seinen eigenen Tabus. Um die aufzubrechen, muss man nicht am Stammtisch die Meinung vertreten, Hitler habe wenigstens Arbeitsplätze geschaffen. Man kann stattdessen ein Buch lesen, in dem er ausnahmsweise nicht von vorneherein ein Monster ist und klar wird, dass Geschichte nicht von einzelnen Menschen geschrieben wird, sondern von den Gesellschaften, die sie prägen.




++++++
Das Schloss im Wald von Norman Mailer ist gerade im Langen/Müller Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro.

Eric-Emmanuel Schmitts Buch "Adolf H. – Zwei Leben“ erscheint Anfang 2008 auf Deutsch,


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kharmapolizei
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Mag ich Mag ich nicht

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29.09.2007 - 00:16 Uhr
kharmapolizei

Man kann stattdessen ein Buch lesen, in dem er ausnahmsweise nicht von vorneherein ein Monster ist und klar wird, dass Geschichte nicht von einzelnen Menschen geschrieben wird, sondern von den Gesellschaften, die sie prägen.


dem ersten teil des satzes kann ich zustimmen, dem zweiten nicht. mir gefällt der gedanke (ein gerade unter historikern sehr verbreiteter, wie mir scheint) nicht, dass historische ereignisse NUR das produkt von gesellschaftlichen strömungen sind. sicher ist das wichtig, und sicher haben wir den nationalsozialismus zu 99% prozent der deutschen gesellschaft zu verdanken, die es damals gab. aber aus 99% wird eben nicht von allein ein ganzes, es braucht die menschen, die zur 'richtigen' zeit am 'richtigen' ort sind, die entscheidungen treffen, die den lauf der dinge verändern. sonst wird kein schuh draus. hoffe ich.

wer weiß, vielleicht stimmt das nicht. aber mir gefällt der umkehrschluss nicht: der besagt nämlich, dass der lauf der dinge unveränderlich ist. dass es die ns-zeit geben MUSSTE, von anfang an, und wenn es hitler und seine kuriose clique an der spitze nicht gegeben hätte, tja, dann halt wen anders. weil das auch bedeutet, dass es nichts bedeutet, GUTE entscheidungen zu treffen, ein GUTER mensch zu sein oder sein zu können. macht ja eh jemand anders, irgendwer ist schon da. sind ja so die gesellschaftlichen konstellationen, nich. grauenhafte vorstellung, und furchtbar relativistisch für meinen geschmack.

da ist das böse dann gleich von anfang da, weil es ja da sein muss (die gesellschaftlichen umstände, die prägen - wovon sind die denn geprägt? von denen davor. und die von denen DAVOR. undsoweiter.), und ist das die art, auf die man geschichte sehen möchte?

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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29.09.2007 - 08:21 Uhr
farilari

Da hat die Autorin mal wieder wirklich gar keine Ahnung von Geschichtsschreibung. "Muss das sein – mit solchen unterkomplexen Mitteln versuchen, etwas zu erklären, das nach allgemeiner Ansicht nicht verstanden werden kann und für das auch kein Verständnis geweckt werden sollte?" Welch grandioser Unsinn. Legionen von (oft nicht-deutschen) Historikern beschäftigen sich sehr gut mit der Frage, warum es zur Machtübernahme der Nazis kam. (Ich gehöre im Übrigen dazu.) "Man kann stattdessen ein Buch lesen, in dem er ausnahmsweise nicht von vorneherein ein Monster ist und klar wird, dass Geschichte nicht von einzelnen Menschen geschrieben wird, sondern von den Gesellschaften, die sie prägen." Das ist einerseits richtig, aber dafür braucht man keine Romane; noch sind die meisten Bücher über den NS als Bücher über das "Monster" Hitler geschrieben. Im Gegenteil, solche Romane sind geradezu prädestiniert dazu zu beizutragen, dass sich der Blick auf Hitler verengt und eben von all den kleinen antisemitischen Volksgenossen weggelenkt wird. Ich kenne die Romane nicht, sie mögen interessant sein, aber nach dem, was die Autorin geschrieben hat, tragen sie wohl kaum dazu bei, irgendwelche neuen Erkenntnisse über den NS zu gewinnen. Kontrafaktische Geschichtsschreibung (so nennt man das) ist problematisch, aber durchaus interessant -- aber doch nicht so, bitte.

Zu meinem Vorredner: Der Umkehrschluss besagt mitnichten, dass der Lauf der Dinge unveränderlich ist. Er legt nur nahe, dass es nicht "einzelne" sind, sondern eben die Vielzahl der Menschen, die eine Gesellschaft ausmacht, die entscheiden ist. Letztendlich geht es bei der Determinismusfrage ja danach, welche Handlungsspielräume Menschen haben, und wann diese sich verengen bzw. erweitern, so dass so etwas wie der NS eine Möglichkeiten wird, und dann zur Realität wird. Niemand wird bestreiten, dass Hitler dabei eine wichtige Rolle spielte, aber eben auch Hitler konnte nur in einem bestimmten Moment wichtig werden.

maybe_tomorrow
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Mag ich Mag ich nicht

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29.09.2007 - 12:16 Uhr
maybe_tomorrow

Ich habe vor kurzem "Anmerkungen zu Hitler" gelesen. Den Autor habe ich leider vergessen. Aber das war nach der "Überdosis" zu Schulzeiten wirklich nochmal interessant!

daniel-erk
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29.09.2007 - 14:10 Uhr
daniel-erk

Der vergessene Autor ist Sebastian Haffner.

weltherrrschaft
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Mag ich Mag ich nicht

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29.09.2007 - 16:30 Uhr
weltherrrschaft

Alles Schwachmaten, die da denken, sie hätten in der Schulzeit eine "Überdosis Hitler" bzw. "Nazi-Zeit" verabreicht bekommen. Geht scheißen und lest Walserreden!

kathrin-hagemann
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29.09.2007 - 16:57 Uhr
kathrin-hagemann

hallo farilari,
deine kritik kommt aus einer anderen perspektive als der artikel. du magst mehr historisches detailwissen über den ns haben als ich. das habe ich dann aber mit der bevölkerungsmehrheit gemeinsam, die sich dämliche spiegel-cover und zdf-dokus zum thema anschauen muss. die beiden romane sind eine bereicherung, weil sie festgefahrene vorstellungen über hitler auf den kopf stellen, ohne ihn zu verharmlosen. und das ist wichtig. weil nicht immer anhand von historischen fakten, sondern von vorstellungen gedacht und argumentiert wird, und weil es wichtig ist, dass diese vorstellungen nicht zu einem klischee erstarren, das keinen mehr zum nachdenken bringt.
dass es sehr umfangreiche geschichtsschreibung zum thema gibt, ist mir klar, aber hier geht es eben um eine andere sorte bücher.
zumindest in das von schmitt würde ich an deiner stelle mal reinschauen.

_gk
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Mag ich Mag ich nicht

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29.09.2007 - 21:37 Uhr
_gk

Eben. Mir geht auch schon die Begrifflichkeit "Hitler-Zeit" und so weiter auf den Geist. Darin steckt doch schon eine latente Entschuldigung: ja, der Österreicher kam halt und dann war's so. Mit Kriegsende war dann die "Stunde Null" und in der BRD sind Freiheit, Gleichheit und so hübsch erneuert worden, nachdem "Hitler-Deutschland" ja besiegt worden ist..

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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30.09.2007 - 16:16 Uhr
farilari

na, wenn du immer spiegel und zdf liest und schaust, dann bist du wohl selbst schuld.


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kathrin-hagemann offline

kathrin-hagemann

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.