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Leben

| Leipzig | 02.09.2007 20:06  

Freunde für's Leben

Vor sieben Jahren hat Obie Weathers zwei Menschen umgebracht. Nun sitzt der 26-Jährige im Todestrakt von Texas und schaut seinem eigenen Tod entgegen. Über die Freundschaft zu einem Mörder – und Menschen.
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"To walk alone in
life is to die with each step
over and again."

Es sind Semesterferien - meine Freunde lernen für die Zwischenprüfung oder liegen in Spanien am Strand. Ich müsste eigentlich drei Hausarbeiten schreiben, aber stattdessen sitze ich am anderen Ende der Welt hinter meterhohen Stacheldrahtzäunen und elektronisch verriegelten Türen. Meinen Urlaub verbringe ich im Knast und wenn man so will, habe ich erste Klasse gebucht: Polunsky Unit, Texas Death Row. Mehr Gefängnis geht nicht. In stillen Momenten habe ich mir selbst einen Vogel gezeigt. „Noch nie in einer deutschen JVA gewesen, aber Ferien im texanischen Todestrakt machen.“ Im Angesicht der Todesstrafe hilft manchmal nur Galgenhumor.

Vor der Abreise bekomme ich eine Email von meinem Cousin. „Alles Gute“ steht darin und: „Verstehen tue ich dich nicht. Wonach suchst du eigentlich?“ Eine Frage, über die ich lange erfolglos nachdenke. Denn eigentlich habe ich nicht das Gefühl überhaupt nach etwas zu suchen. Ich folge nur einem Grundbedürfnis: ich besuche einen Freund.

Angefangen hat alles im Januar 2006. Ich hatte mich schon länger mit der Todesstrafe beschäftigt, viel gelesen, Filme gesehen, angefangen, mich ein bisschen zu engagieren. Als ich von der Möglichkeit erfuhr, Häftlingen zu schreiben, horchte ich auf und fing an zu recherchieren. Im Internet stieß ich auf eine unüberschaubare Fülle von Brieffreundschaftsgesuchen. „Von drinnen nach draußen“, aus der isolierten Welt amerikanischer Todeszellen ins World Wide Web. Eine lange Nacht verbrachte ich vor dem Computer und las mir die Gesuche von einigen hundert schweren Jungs durch. Bis unter die Haarwurzeln tätowierte Schwerstkriminelle, von der Welt als gefühllose Monster abgestempelt, erzählten hier von ihrem Alltag, ihren Hobbies, ihrer Einsamkeit. Manche der ungewöhnlichen Kontaktanzeigen waren banal, andere fordernd – aber keine berührte mich so tief, wie jene von Obie D. Weathers.

„Ich bin mehr als Nr. 999396. Ich bin ein Individuum, ein Mensch, genau wie jeder andere auf dieser Erde. Aber in meiner kleinen Welt werde ich nicht wie ein solcher behandelt. So bin ich gezwungen, über die Gitterstäbe und den Beton hinaus Ausschau nach Euch zu halten. Denn Ihr könnt mir mehr zeigen als den Tod, der aus den Wänden zu sickern scheint und das Böse, das täglich geschieht...“

Noch in derselben Nacht setzte ich mich hin und schrieb den ersten Brief. Es war fünf Uhr morgens, als ich den Umschlag zuklebte.

Seine Antwort kam drei Wochen später. Vier doppelseitig beschriebene Seiten, die mir zeigten, was ich später noch häufig feststellen würde: dass es unmöglich ist, Emotionen aus dem persönlichen Briefwechsel mit einem Menschen rauszuhalten. Dass ein Täter durch seine Tat nicht zum Tier wird. Und dass ich in Obie eine Person gefunden hatte, die mir vermutlich ähnlicher ist als die meisten rechtschaffenden Freunde in meiner heilen deutschen Welt zuhause.

„Schreiben bewahrt mich davor, verrückt zu werden. Es lässt mich atmen, also auch leben. An diesem Ort, wo die einzige Verbindung zur freien Welt da draußen meine Worte sind, habe ich gelernt sie als entscheidende Antriebskraft meines Lebens zu verstehen.“

Wie wichtig Obie mir mit der Zeit wurde merkte ich daran, dass ich plötzlich aus meinem Zimmer im zweiten Stock hören konnte, wenn auf der Straße die Postbotin ihr Rad abstellte, und sofort die Treppe runterlief, wenn ich die Briefkästen klappern hörte. Dass ich eine Party absagte, weil ich noch einen Brief beantworten wollte. Und ich merkte es daran, dass ich kaum noch Tagebuch schrieb, weil ich Obie ohnehin alles erzählte, was mich beschäftigte - und darauf auch noch eine Reaktion bekam. Themen, die wir aussparten, gab es nicht. Manche Briefe waren 10, einige 20 Seiten lang. Ich schrieb vom Uni-Alltag, von verschlepptem Liebeskummer oder der Fußball-WM, schickte Fotos aus dem Urlaub und zitierte aus Lieblingssongs. Obie schrieb vom Leben auf sechs Quadratmetern, vom Genuss, einmal täglich für eine Stunde aus der Zelle zu dürfen – und von Freunden, die bereits hingerichtet worden waren. Wir diskutierten über Politik, Philosophie und Literatur, rissen Witze oder zogen uns an den Haaren aus seelischen Dreckslöchern heraus. Was man mit Freunden eben so macht.

Und wir sprachen über seine Vergangenheit. Von Anfang an – offen, ungeschönt, immer wieder. Er erzählte mir von einem Leben, das ich bis dahin nur aus amerikanischen Ghetto-Filmen wie „Boyz in the hood“ kannte: Drogenhandel, Teenager-Schwangerschaften und Drive-by-Shootings rivalisierender Gangs vor der Haustür. Irgendwo dazwischen der junge Obie, ein kleinkrimineller Kiffer aus der Eastside von San Antonio, der sagt, dass er weiße Menschen hasst, weil die Erwachsenen in seinem Umfeld es ihm stets so vorgebetet haben. Weil die einzigen Weißen, die er kennt, Lehrer, Polizisten und Politiker sind, die versuchen, ihn klein zu halten. Ein normaler afro-amerikanischer Jugendlicher, der sein Geld mit Jobs im Fast Food-Restaurant und Callcenter verdient. Der mit 15 anfängt, sich auch anderweitig Geld zu beschaffen, um sich damit den Respekt seiner älteren Freunde zu verdienen. Bei einem Einbruch findet er eine Pistole, er steckt sie ein. Beim nächsten Einbruch schießt er, weil er im Dunkeln eine Stimme hört. Er trifft eine alte Frau in den Arm, sie wird später sterben. Geld hat sie kaum welches. Also geht er am nächsten Tag noch einmal los, läuft mit gezogener Waffe in eine Bar, raubt die Kasse aus, will gehen - und wird aufgehalten. Im Handgemenge droht ihm die Kontrolle zu entgleiten, in Panik schießt er. Auch dieser Mann wird später sterben. Innerhalb von 24 Stunden ist Obie zum Doppelmörder geworden. Da ist er gerade 18.

“Die Gründe für meine Taten? Ich war verloren, dumm und ignorant. Das ist alles. Es gibt keine Erklärung für das, was ich getan habe, es war einfach sinnlos. Ich möchte nicht, dass das ‚kalt’ klingt, aber ich weiß, dass es leider die Wahrheit ist: ich dachte damals, ich könnte tun und lassen, was ich will – aber das Leben hat mir gezeigt, dass ich im Unrecht war.“

Bald ist klar, dass ich ihn besuchen werde. Weil ich den Gedanken nicht aushalte, eines Tages zu lesen: „Mörder hingerichtet“ - wissend, dass sich hinter diesem Mörder ein Freund versteckt, den ich niemals lebend habe sehen können. Obie setzt mich auf seine Besucherliste und ich melde die Besuche telefonisch an: dreimal vier Stunden werde ich ihn sehen können.

An einem Morgen im März biege ich mit dem geliehenen Chevrolet in die Einfahrt der Polunsky Unit in Livingston ein. Es ist erst kurz vor acht und schon so heiß, dass mir das T-Shirt schweißnass am Rücken klebt. Unwirklich heben sich die grauen Gefängnisgebäude gegen den blauen Himmel ab. Ringsum auf den saftigen Wiesen grasen Pferde, auf dem hohen Wachturm sieht man einen uniformierten Sicherheitsmann mit gezogener Waffe patrouillieren. Häftlinge in weißer Kluft, solche, denen man noch eine Chance auf Resozialisierung einräumt, mähen den Rasen vor dem Hauptgebäude, leeren Mülleimer, kümmern sich um die Pferde. Sie blicken kurz hoch, als ich vorbeifahre, dann widmen sie sich wieder ihrer Arbeit.
An einem kleinen Wachhäuschen halte ich an. Ein sonnengebräunter Texaner mit Cowboyhut tritt heran, fragt in breitem Südstaaten-Akzent nach dem Grund meines Besuches, nimmt meine Daten auf und inspiziert das Auto. Keine Waffen im Handschuhfach, keine Drogen unter der Motorhaube – alles okay. Ich fahre auf den riesigen Parkplatz, suche mir eine Lücke, atme einmal tief durch und steige aus. Ein paar Schritte und ich stehe vor der Eingangstür von Texas’ berüchtigstem Knast. Drinnen muss ich durch einen Metalldetektor treten, meinen Pass abgeben. Alles, was ich bei mir habe, steckt in einer durchsichtigen Platiktüte: mein Rückflugticket, der Autoschlüssel, 20 Dollar in Münzen. Mehr ist nicht erlaubt.
Die Wärterin nimmt meine Daten auf und schaut auf ihren Bildschirm. Ich sehe meinen Namen und meine Adresse in grünen Buchstaben über den Monitor flimmern. Ein kurzes Nicken, ich stehe auf Obies Besucherliste. Die Frau reicht mir ein Schild: „DR“ steht da drauf, für Death Row – Todestrakt. Und „Visitor No.6“. Dann drückt sie einen Knopf und die erste der sechs Türen, die ich passieren muss öffnet sich mit einem leisen Summen. Ich überquere einen Innenhof. Die Rasenflächen sind akkurat gemäht, die Blumenrabatten penibel gepflegt, die Beete in Sternform angelegt. Für einen Moment frage ich mich, für wen dieser Aufwand betrieben wird. Ich blicke nach links und sehe drei graue Häuserblöcke. Winzig-schmale Fensterschlitze markieren die einzelnen Zellen. Irgendwo dahinter sitzt Obie, zusammen mit rund 400 weiteren Todeskandidaten. Ich stelle mir vor, dass er manchmal durch den Schlitz nach draußen blickt und die Blumen betrachtet, das grüne Gras. Einmal schrieb er, dass er sich danach sehne, barfuß durchs Gras zu laufen. Ein anderes Mal, dass er einen Falken beobachtete, der seine Kreise zog und dabei immer wieder das kleine Rechteck Himmel kreuzte, das er von seiner Zelle aus sehen kann. Ich hebe die Hand und winke unbestimmt in seine Richtung: bis gleich!

Im Besucherraum ist es kalt, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Die freundliche Aufsicht teilt mir einen Stuhl zu. Vor einer Scheibe nehme ich Platz, links und rechts abgeschirmt von anderen Besuchern. Ich blicke in einen leeren kleinen Raum, einen Käfig vielmehr, kaum mannshoch, gerademal genug Platz für einen Stuhl. Hinter der vergitterten Tür ist ein Gang, in dem zwei Wärterinnen auf- und abgehen. Obie ist noch nicht da. Ich gehe zur Toilette, feuchte ein Stück Papier an und wische den Telefonhörer ab, dessen schmierige Spuren noch vom letzten Besucher zeugen, der ihn an sein Ohr presste. Ich warte, laufe auf und ab, setze mich wieder hin, rutsche nervös auf dem Stuhl hin und her. Eine Stunde vergeht. Eine Stunde, in der ich mich abwechselnd freue und fürchte vor dem, was kommt. In der ich mir vorkomme, als habe man mich einfach in einen Film verpflanzt, direkt auf die „Green Mile“ oder zu Sean Penn in „Dead Man Walking“. Doch alles um mich herum ist blanke Realität – realer fast, als ich es verkraften kann.

Schließlich bringen sie ihn. Zwei kleine Frauen führen Obie durch den Gang zur Besuchskabine. Er ist groß und breitschultrig, der ärmellose Häftlings-Overall gibt den Blick frei auf muskulöse Oberarme. Er hat sich den Namen seiner Mutter auf die Schulter tätowiert.
Ein wenig ungelenk stehe ich auf, lege eine Hand zum Gruß auf die Scheibe, lächle unsicher. Obie guckt mich aus großen Augen an, verzieht keine Miene. Sein Blick weicht keine Sekunde von mir, während die Wärterinnen den Raum aufschließen, er leicht geduckt eintritt und wieder eingeschlossen wird. Ich greife nach dem Hörer, vergesse, dass ihm noch Handschellen angelegt sind. Ich setze mich wieder hin und fühle mich wie in einer albernen Blind Date-Show. Obie geht in die Knie und lässt sich durch einen Schlitz in der Tür die Fesseln abnehmen. Noch immer schaut er mir in die Augen, seine Blicke bohren sich in meine Pupillen. Er reibt sich die schmerzenden Handgelenke, wischt den Hörer an seinem Overall ab. Dann spricht er – eine tiefe, warme Stimme. „Hi, what’s up!“ Endlich lächelt er und ich merke, wie die Anspannung langsam von mir abfällt.

Die ersten Sätze plätschern dahin, Small-Talk, Annäherungsphase, vorsichtiges Abtasten mit Worten. Es ist merkwürdig ihn zu sehen – einen Menschen, den man im Lauf des letzten Jahres so gut kennengelernt hat und dessen Gegenwart einem doch zunächst fremd ist. Wir müssen uns erst aneinander gewöhnen, aber Obies ruhige, konzentrierte Art stellt schnell Vertrautheit her. Er spricht, wie er schreibt, in durchdachten, selbst-reflektierten, wohlformulierten Sätzen. Man merkt ihm an, dass er Zeit hat, über sich und andere Menschen nachzudenken, dass er über die Jahre eine tiefe aus der Einsamkeit geborene Menschenkenntnis erlangt hat. Wenn ich rede, entgeht ihm nicht das kleinste Detail von dem, was ich sage. Er hört dann mit großen Augen zu und überrascht mich hinterher mit seinen Fragen. Ich sage, es sei gut, ihn zu sehen. Er fragt: „Warum?“ „Weil du mir wichtig bist“, sage ich, „und weil sich nun ein letztes Teil ins Puzzle fügt, oder zumindest ein ergänzendes.“
„Was denn nun: ergänzend oder abschließend?“, hakt er nach und ich stutze, sage, die Metapher sei aus dem Bauch gekommen, ich hätte es mir nicht so genau überlegt, ich rede mich um Kopf und Kragen - wir lachen. Obie lässt mich mit keinem nebenbei daher gesagten Satz einfach so davonkommen und je länger wir reden, desto mehr weiß ich diese Art zu schätzen. Später wird er die Frage auf seine Weise beantworten: „Ich bin – genau wie du, wie jeder andere Mensch – ein sich ständig veränderndes Bild. Wenn du mich betrachtest, musst du dir bewusst sein, dass ich nie komplett sein werde, egal, wieviele Teile du hinzufügst.“

Bald ist vergessen, dass wir uns noch nie zuvor gesehen haben. Wir verstehen uns bestens, als würden wir uns schon ewig kennen. Mein Besuch ist Entspannung für Obie, weil er für einen kurzen Moment der Isolation entfliehen kann, die seit sieben Jahren sein Leben bestimmt. Kommunizieren kann er normalerweise nur schreiend, von Zelle zu Zelle, gemeinsamen Hofgang mit anderen Häftlingen gibt es nicht. Auch keinen Gemeinschaftsraum, keine Arbeit, keinen Fernseher. Menschliche Berührung spürt Obie nur, wenn eine Hand ihm Essen durch einen Schlitz in der Tür schiebt, ihm Handschellen anlegt oder die Pobacken zum „Strip Search“ spreizt. Selbst seine Mutter wird ihn erst wieder berühren können, wenn sie seinen Leichnam in Empfang nimmt. Wie sehr ihm der physische Kontakt fehlt, merke ich, als er sich während meines Besuchs einmal blitzschnell umdreht und die Finger an die vergitterte Tür presst, um einen Freund zu berühren, der in die Besuchszelle neben ihm geführt wird. Während wir sprechen, gestikuliert er viel, berührt sein Gesicht, verschränkt die Arme, faltet die Hände, als wolle er sich seiner Lebendigkeit vergewissern.

Der erste Besuch vergeht wie im Flug. Als ich aus dem klimatisierten Gefängnis nach draußen trete empfängt mich die heiße texanische Luft mit schwüler Wucht. Mein Kopf rattert, die vielen neuen Eindrücke überwältigen mich. Ich kann noch immer nicht begreifen, was ich hier gerade tue, worauf ich mich eingelassen habe. Ich rase in unglaublichem Tempo durch eine emotionale Achterbahn und weiß nicht, ob es mich nicht bald schon aus der Kurve schmeißen wird. Seit ich Obie kenne, stehe ich in einem ständigen Konflikt mit mir selbst. Traurig und entsetzt über das, was er getan hat, kann ich doch nicht umhin, seine anderen Seiten zu sehen. Der Obie, den ich kenne, ist kein schlechter Mensch. Doch der Schatten seiner Taten fällt auf die gemeinsame Gegenwart, die wir durchleben, und zwingt mich zur ständigen Rechtfertigung. „Wie kannst du dich auf die Seite eines Täters stellen?“, werde ich oft gefragt – als würde ich durch meine Freundschaft zu ihm auch seine Fehler gutheißen. Als würden wir nicht ständig über seine gewalttätige Vergangenheit sprechen und uns die Situation seiner Opfer ins Bewusstsein rufen. Aber je mehr ich über ihn und seine Vergangenheit weiß, desto ratloser werde ich. Würde ich genauso mit ihm befreundet sein können, wenn er ein Kindsmörder, Sexualmörder, Massenmörder wäre? Wäre ich noch in Kontakt mit ihm, hätte ich ihn vor seinen Taten gekannt? Doch trotz dieser Fragen und ohne auszublenden, dass er eine gerechte Strafe verdient hat, bleibt mir der Sinn und Zweck, den sein Tod erfüllen soll, verschlossen. Ich möchte nicht daran denken, aber es ist unumgänglich: was würde ich Obie sagen, wenn er mich fragt, ob ich seiner Hinrichtung beiwohne? Könnte ich es jemals verkraften, einen Freund sterben zu sehen?

Doch Obie lebt noch. Und bei meinen nächsten beiden Besuchen merke ich, wie sehr er am Leben hängt. Im Besucherraum stehen Automaten, ich darf ihm etwas zu essen kaufen und die Wärterin bringt es in einer großen Papiertüte in seine Kabine. Er bittet mich um Obst, Salat und Nüsse, um Schokolade, Chips und ein Stück Kuchen. Behutsam greift er in die Tüte, holt eins nach dem anderen heraus und breitet es vor sich aus. Ich habe Weintrauben gekauft und beobachte ihn nun, wie er die Verpackung öffnet und eine Traube vom Stengel zupft. Sie ist groß und grün, er hält sie zwischen zwei Fingern und schaut sie lange an. Keiner von uns sagt etwas. Vorsichtig beißt er in die Traube, kaut, hält inne, beißt noch einmal ab, schluckt. Dann huscht ein Ausdruck kindlichen Erstaunens über sein Gesicht. „Weißt du was?“ Er grinst, als er in mein fragendes Gesicht schaut. „Das ist seit sieben Jahre das erste Mal, dass ich Weintrauben esse. Ich hatte schon fast vergessen, wie sie schmecken.“

Verdrängt man die äußeren Umstände, dann ist Obie nur ein ganz normaler 26-Jähriger. Er erzählt, dass er seinen High School-Abschluss nachholen und danach Soziologie und Psychologie studieren möchte. Er habe angefangen, Swahili zu lernen und schreibe an einer Autobiografie, um sich selbst besser kennenzulernen und um der Welt zu zeigen, dass er mehr ist als das Monster, für das man ihn hält. Kürzlich ist ein Gedichtband erscheinen, an dem wir gemeinsam gearbeitet haben und mit dem er sich Geld für seine letzte Berufungsmöglichkeit im September zu verdienen erhofft. Er schmiedet Pläne für die Zukunft – ohne zu wissen, ob er sie jemals erreichen wird – und schaut dennoch immer wieder zurück. Kürzlich habe er Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gelesen, sagt er. Es sei anstrengend gewesen, weil sich in der komplexen Schreibweise die Anstrengungen des Protagonisten offenbaren, sich seiner Schuld bewusst zu werden. Eine Anstrengung, die er nur zu gut kennt. Er sagt er habe in letzter Zeit häufig darüber nachgedacht, die Angehörigen seiner Opfer zu kontaktieren um mit ihnen über das, was er ihnen angetan hat, zu sprechen. Doch solange sie sich nicht selbst an ihn wenden würden, sei es ihm gesetzlich verboten diesen Schritt zu tun.

„Mein eigener Blickwinkel auf das, was ich getan habe, richtet sich nicht so sehr auf das, was passiert ist und nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Ich überlege lieber, was ich tun kann, um weiteres Leid zu verhindern. Die Angehörigen meiner Opfer leben noch und darauf liegt mein Fokus. Meine Familie und Freunde leben, die ganze Welt um mich her ist lebendig und darauf richten sich alle meine Bemühungen. Ja, ich habe zwei Menschen getötet und das tut mir wahnsinnig leid. Aber ich muss nach vorne schauen – was bleibt mir anderes übrig?“

Nach vorne schauen – wissend, dass es die letzten Jahre seines Lebens sind: ich bewundere Obie für seine Kraft und seinen unerschütterlichen Lebenswillen. Und doch, es gibt sie, die schwachen Momente, in denen die Angst vor dem, was kommt, ihn lähmt. Ich sehe sie in seinen Augen, die, selbst wenn er lacht, einsam und traurig sind. Und er spricht davon in seinen Gedichten: „Der kalte Atem des Todes spannt die Haut meines Nacken an und lässt mich frösteln – jeden Tag.“ Es quält ihn, zu wissen, welche Belastung seine Situation für seine Familie ist, dass es ihm unmöglich ist, Verantwortung zu übernehmen und für sie da zu sein. Wissend, dass auch mich der Gedanke an seinen Tod ängstigt, vermeidet er es während meiner Besuche direkt darauf zu sprechen zu kommen. Wir umschiffen das Thema, obwohl es ständig präsent ist. Machen uns gegenseitig Hoffnung, dass seine letzte Berufungsmöglichkeit ein positives Ergebnis haben wird. Und selbst wenn das Wort Tod fällt, so nur in Verbindung mit seinem Gegenstück: Leben.

„Ich bin süchtig nach dem Leben, süchtig danach zu atmen und die Luft in meinen Lungen zu spüren. Ich klammere mich ans Wachsein und nur weil ich weiß, dass ich wieder aufwachen werde, ertrage ich es schlafen zu gehen.“

Einmal redet Obie fast eine Viertelstunde, ohne dass ich ihn unterbreche. Er hat den Kopf seitlich auf seinen Oberarm gelegt, ruht auf dem schmalen Sims vor der Scheibe. Sein Blick geht an mir vorbei, ist auf einen fernen Punkt gerichtet. Er redet, als sei er allein mit sich und seinen Gedanken, die er laut ausspricht. Während er redet beobachte ich sein Gesicht, so dicht, als könnte ich es berühren, sehe seine Augäpfel hin- und herwandern. Seine braune Haut wirkt blass, fast durchsichtig. Unter seinen Augen liegen dunkle Schatten. Seine Nase zuckt sachte beim Sprechen.

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. „Noch fünf Minuten“, sagt die Wärterin und wir schauen uns hilflos an, mitten aus dem Satz gerissen. Wie sagt man jemandem „auf Wiedersehen“, wenn man nicht weiß, ob man ihn nochmals lebend sehen wird? Ich habe einen Kloß im Hals, versuche eine fröhliche Fassade aufrecht zu halten. Erfolglos. „Kopf hoch!“, sagt Obie. Wir legen die Hände auf die Scheibe, schauen uns lange an. Dann drehe ich mich um und gehe. Ich möchte nicht, dass Obie mich weinen sieht und weiß doch, dass er die Tränen in meinen Augen längst gesehen hat.

Kaum habe ich die Polunsky Unit verlassen, fahre ich fluchtartig davon, die Landstraße Richtung Huntsville - immer geradeaus. Ich ignoriere das lästige Speed-Limit, drücke auf’s Gas und lasse die Klimaanlage zum geöffneten Fenster hinaus pusten. Der Fahrtwind trocknet die letzten Tränen. Die Musik ist laut aufgedreht, ich singe lauthals mit und bleibe an dieser einen Zeile hängen, schreie sie heraus, weit über den spiegelglatten Lake Livingston hinweg und in die endlosen Nadelwälder hinein: „I’ll be here for you! I’ll be here for you! I’ll be here for you!!“

Denn wir sind Freunde für’s Leben – was immer das auch heißen mag.

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Wer mehr über Obies Fall wissen oder ihn vielleicht unterstützen möchte: www.obieweathers.com

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Scaryle 02.09.2007 | 19:47
Ich bin begeistert, soviel Mut, soviel Energie... das würde nicht jeder tunt! und ich gebe dir Recht, das ist eine Freundschaft fürs Leben!

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krawallmieze 02.09.2007 | 22:26
Ich bin beeindruckt.....schöner Text :)

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meereswind 02.09.2007 | 22:54
sehr mutig, sehr edel, sehr schön. eine wundervolle tat und ein dazu berührender text.

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farilari 02.09.2007 | 23:00
seit langem der beste text, den ich hier gelesen habe.

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calimera 02.09.2007 | 23:43
wow. respekt. schade, dass ich ihn erst nach meiner übersicht gelesen habe. aber ich empfehle ihn auf jeden fall weiter.

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nestroy 03.09.2007 | 01:32
guter text.
nur, leider verstehe ich nicht, was eine junges mädchen so grundsätzlich bewegt, kontakt mit einem völlig fremden verurteilten mörder (egal ob 1. oder 2. grades) am anderen ende der welt zu suchen.

einsamkeit, helfersyndrom, sehnsucht nach "echten, großen" gefühlen ?

auch gefällt mir die opfer-selbststilisierung des verurteilten auf seiner homepage nicht.

ach, mit wachsendem abstand zum text wird mir das ganze immer mehr fremd.

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GaensebluemchenImSonn… 03.09.2007 | 02:05
Sehr krasser Text. Klasse geschrieben und respekt für den Mut! Ich glaube bei mir würden Angst und Unwohlsein überwiegen.


@ nestroy: sie beschreibt doch, dass sie sich mit dem Thema beschäftigt hat und mehr erfahren wollte. insofern kann ich sie gut verstehen. Wir haben das selbe mal in der Schule gemacht und dann auch einen Briefwechsel mit einem "Death Row Kanidaten" gehabt. Es ist schon wahnsinn mal "dahinter" zu blicken!

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Cola13 03.09.2007 | 06:30
ich habe mal eine hausarbeit über die todesstrafe geschrieben und hab, auch wenn das bescheuert und nach blödem gutmenschentun klingt, regelmäßig beim schreiben geheult. im zuge der recherchen bin ich auch auf eine brieffreundschaftsgesuchliste gestoßen, aber ich hatte nicht die kraft, zu schreiben. nach drei versuchen habe ich aufgegeben, weil mir das wohl zu viel realität gewesen wäre, die reine theorie war mir schon schrecklich genug.
ich finde dich mutig!

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QuoteTheRaven 03.09.2007 | 11:09
sehr schoener text. und gluecklicherweise wird nicht zu viel gemenschelt. moerder hin oder her, die amerikanische gefaegnispraxis ist verwerflich. in der todesstrafe laesst sich durchaus ein sinn sehen: man erkennt die tat des taeters an. allerdings sitzen in den amerikanischen todestrakten mit sicherheit mehr unschuldige als schuldige (fuer die todesstrafe reicht im zweifelfall der tatbestand des "schwarz und am falschen ort" sein aus). immer wieder werden - auch in deutschland - vermeidliche moerder nach 10 oder 15 jahren rehabilitiert. toten hilft das nur wenig. die verteidiger der todesstrafe setzen m.e. viel zu viel vertrauen in die justiz bzw. gehen sogar von der unfehlbarkeit derselben aus.

warum muss man an einem helfersyndrom leiden nur weil man sich mit einem gefaengnisinsassen anfreundet. am anfang steht sicher neugier wie bei jeder nicht erzwungenen kontaktaufnahme. und dann findet man ueberraschend einen freund oder eine freundin.

ich finde es immer beeindruckend wenn menschen sich dingen oder situationen stellen, die andere nur aus dem fernsehen kennen. respekt!

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pinkcashmere 03.09.2007 | 12:08
ich bin beeindruckt. wünsche dir/euch kraft& glück!

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