27.08.2007 - 19:00 Uhr

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Fleischpflanzerl gegen Buletten: Der Briefwechsel München-Berlin

Text: johannes-boie - klaus-raab

Städtetausch: Johannes kommt nach München, Klaus geht nach Berlin. Zwei Briefe aus der neuen Heimat

Neulich bin ich in einem Wirtshaus namens „Obermaier“ gewesen. Es liegt in in Berlin-Kreuzberg, man bekommt dort Schweinsbraten und Mühldorfer Weißbier, sitzt an Biergarnituren und trifft Kellnerinnen und Kellner, die „Ein Weißbier, bitte“ bei der Bestellung nicht in „Also ein Hefeweizen“ übersetzen. Das „Obermaier“ sei Berlins münchnerischster Biergarten, hat man mir gesagt – und eingeladen wurde ich von zwei Süddeutschen, die schon eine halbe Ewigkeit in Berlin leben. Wir tranken Weißbier, unterhielten uns, und plötzlich fiel die Frage: „Wie gefällt dir Berlin?“ Ich antwortete, eher aus dem Bauch heraus: „Ich denke, man kann sich an Berlin gewöhnen.“ Und die Reaktion war: „Genau. Das trifft den Punkt.“
Ich bin jetzt seit ein paar Wochen hier. Und in manchen Momenten fürchte ich, dass das wirklich schon das Beste ist, was ich über Berlin sagen kann: dass man sich schon daran gewöhnt. Das sind die Momente, in denen Klaus Wowereit sich zu Wort meldet und, wie kürzlich, allen Ernstes behauptet, Berlin sei „manchmal nicht selbstbewusst genug“. Interessante These von Berlins Regierendem Bürgermeister. Leider vollkommener Schwachsinn. Wenn es eine eingebildete Stadt in diesem Land gibt, dann ja bitte immer noch Berlin. Die Mitte der Welt „Arm, aber sexy“ so lautete der letzte Berlin-Slogan. Was damit eigentlich gesagt werden sollte, war: „Wir sind geil. Gebt uns Zuschüsse.“ Und nun wird es schlimmer. Nun gibt es ein neues Berlin-Board, das Werbung für die Hauptstadt machen soll. Darin sitzen irgendwelche Kultur- und Medienkrampen, die Sachen sagen wie: „Wenn aus Berlin nichts wird, wird aus Deutschland nichts.“ Auch das: vollkommener Schwachsinn. Klar, dumm geschwätzt wird überall. Aber tatsächlich scheint es mir manchmal, als hätte sich die PR-Attitüde, Berlin als die Mitte der Welt zu betrachten, durchaus ins Leben vieler Berliner hinein ausgedehnt. Berliner Plattenlabels glauben, sie könnten eine Berliner Band damit vermarkten, dass sie aus Berlin kommt. Berliner Bürgermeister halten sich für besonders wichtig, weil sie zufällig in der Stadt regieren, in der auch Politiker arbeiten. Und Berliner Friseure glauben, sie könnten ihren Kunden beknackte Frisuren schneiden und es damit rechtfertigen, dass die aus Berlin sind. Dieser Aspekt an Berlin macht mich kirre. Vor allem immer dann, wenn ich mich wehmütig daran erinnere, dass ich eigentlich verliebt in München bin. In die Sprache, die Biergärten, die Isar oder in die Tatsache, dass Münchner Winter charmant kalt sind. Berliner Winter sind ausschließlich kalt. Es spricht noch mehr gegen Berlin: die großen Entfernungen, die unübersichtlichen Veranstaltungsmagazine, die Tatsache, dass Umsteigen von einer U-Bahn in die andere am Alexanderplatz eine Viertelstunde Fußmarsch mit sich bringt, oder dass sich viele so wahnsinnig viel darauf einbilden, dass Berlin so billig ist. Das stimmt ja durchaus – Berlin ist billiger. Aber diese daraus resultierende „Geiz-ist-geil“-Attitüde geht mir echt auf den Zeiger. Dann aber gibt es auch die guten Tagen in Berlin, und an denen kann ich sagen: Alles ist in Ordnung. Berlin ist so heterogen, wie ich mir München manchmal gewünscht habe. Das kann natürlich auch anstrengend sein, weil man in Berlin eben auch mit mehr Leben konfrontiert wird. Schwerst Drogenabhängige, zum Beispiel, die einen in manchen Gegenden alle zehn Meter auf der Straße anmachen – in München sind die aus der Stadt verbannt. Das ist nicht besser, ich finde es sogar schlechter, denn München lügt sich da eins in die Tasche. München gibt einem manchmal das Gefühl, es gebe gar keine Probleme auf der Welt. Berlin ist ehrlicher. Ausgehen mit Würde Nachts um drei in einem türkischen Süßspeisenladen, der für Muslime geöffnet hat, die bald zum Beten gehen wollen, drei Frucht-Schoko-Teilchen zu kaufen – ich wüsste nicht, wo es das in München geben soll. Es gibt in Berlin genauso spitzenmäßig barsche Busfahrer wie in München und genauso hervorragend knorrige Bäcker, die auf ihren lokalen Bezeichnungen bestehen. Es gibt keine Alpen, aber die Ostsee. Man kann auf der Straße grillen. Berlin hat zudem, was das Nachtleben angeht, etwas Originäres, das München abgeht. Wenn in München ein neuer Club aufmacht, der ein wenig abgetakelt aussieht und keine bissigen Gesichtskontrolleure beschäftigt, heißt es: Jetzt wird München wie Berlin. Und immer, wenn das jemand in München sagt oder schreibt, hat das etwas von einem Minderwertigkeitskomplex. Weil vieles von dem, was in München im Sektor „Ausgehen mit Würde“ an Neuem entsteht, in Berlin einfach tatsächlich schon längst vorhanden ist. Jedenfalls, um nun einmal zum Punkt zu kommen: Wenn ich die Momente, in denen ich Berlin bescheuert finde, und die, in denen ich extrem gerne hier bin, nebeneinander stelle, muss ich feststellen, dass sich letztere immer mehr häufen.Ich bin fast schockiert. München und ich – wir wollten doch heiraten. Aber es ist so. Klaus Raab Illustrationen: katharina-bitzl
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