Fleischpflanzerl gegen Buletten: Der Briefwechsel München-Berlin
Städtetausch: Johannes kommt nach München, Klaus geht nach Berlin. Zwei Briefe aus der neuen Heimat
Ich kann nicht sagen, dass man mich nicht gewarnt hatte. „München?“, fragten mich meine Berliner Freunde, „bist du irre?“ Sie fragten es mich so oft, bis ich selber kaum noch hinwollte. Zur Ablenkung und weil in München nur lahme Anzugträger in langweilige Clubs gehen, sind wir vor meinem Umzug noch eine Woche lang von einem Berliner Club zum nächsten gefahren. Zum Abschluss aßen wir Schawarma für je 2,50 Euro beim fantastischen Babel-Imbiss neben meiner Wohnung, und dann stieg ich – zugegebenermaßen etwas übermüdet – in einen schwarzen Audi des Autoverleihers Sixt. Der Wagen sah in Berlin aufs Dekadenteste edel aus. Aber die Freude währte nur rund 500 Kilometer.Willkommen in Bayern
Kurz vor München wurde ich geblitzt – der Schein ist vermutlich einen Monat weg. „Willkommen in Bayern“, sagte ich leise zu mir selbst und dachte: ein kleiner Vorgeschmack, auf das, was mich „dort“ erwarten wird. Dort, wo die Leute Fleischpflanzerl sagen, wenn sie Buletten meinen. Dort, wo man nur willkommen ist, wenn man Geld hat. Dort, wo die Leute Edmund Stoiber gewählt haben. (Und Christian Ude, ja, aber den nur, weil sie eigentlich gerne coole Berliner wären und daher von Zeit zu Zeit ihre sozialdemokratischen Neigungen unter Beweis stellen möchten.) Der geneigte Leser erkennt hier vielleicht, dass ich nicht vollständig vorurteilsfrei in die Landeshauptstadt fuhr.

Andererseits: den Werteverfall im Nord-Süd-Gefälle bemerkte ich sofort. Mein geliehener Wagen wirkte zwischen all den Porsches und BMWs ziemlich armselig. Noch erstaunter war ich allerdings über die eigene Münchner Währung. Geld, liebe Leser außerhalb Bayerns, heißt hier ebenfalls Euro und Cent, ist aber verwirrenderweise ungefähr zwei Drittel weniger wert. Besonders paradox wird diese Umrechnung durch den Fakt, dass trotzdem alle Menschen offensichtlich reicher sind als im Nordosten. Naja, ich ja leider nicht. Trotzdem bin ich dem Ratschlag einer ebenfalls zugezogenen Studentin noch nicht gefolgt: Nach günstigen Restaurants gefragt, empfahl sie mir den Hauptbahnhof.
Aber um ehrlich zu sein: Der Reichtum hat vor allem positive Auswirkungen. Die Menschen hier sind gepflegter, besser angezogen und höflicher. Man kann U-Bahn fahren, ohne um Geld oder Essen gefragt zu werden. Und die Stadt ist – anders als Berlin – keine Baustelle. Wenn hier etwas kaputt ist, wird es nicht zur Kunst erklärt, sondern repariert. Auf der anderen Seite fehlt manch’ technische Errungenschaft vollständig: in der Münchner U-Bahn gibt es kein Handynetz! Das ist nicht distinguiert, das ist rückständig. Und dass eine so kleine Stadt in zwölf Tarifzonen aufgeteilt ist, beweist, dass der zuständige MVV-Planer einen eigenen BMW besitzt. Schlicht lächerlich ist das Format meiner zwei Zentimeter breiten Monatskarte, die immerhin 50 Euro gekostet hat: aus Versehen habe ich einen alten Kaugummi darin eingewickelt.
Sonst aber waren die Warnungen meiner Freunde bislang wenig gerechtfertigt. Übrigens auch die Frauen betreffend: Berlin mag arm und sexy sein, München aber ist reich und sexy – vor allem in Schwabing und in Uni-Nähe. Frauen: super! Aber muss man deswegen gleich einen Radiosender „Arabella“ nennen? Von Zeit zu Zeit, scheint es mir, beweist der Münchner doch gerne, dass er Provinzler ist – durch und durch. In die Kategorie gehören auch die zahlreichen Hinweisschilder. Wer hier lebt, mag sie nicht bemerken. Aber wer neu ist, wundert sich durchaus darüber, dass ein Schild in jeder U-Bahn-Station über die „Benutzungsordnung dieses Gebäudes“ aufklärt. Man nimmt's hier mit Recht und Ordnung doch sehr genau.
Die „Ja, mei“-Kultur
Gleichzeitig gibt es hier eine Lässigkeit, um die die Münchner zu beneiden sind. Besonders liebenswert ist die Formel „Ja, mei". Die ist bestens geeignet, typische weiß-blau Aufreger angemessen zu kommentieren. Der Max Straß ist unschuldig? Ja, mei. Die Parkhaus-Millionärin soll von ihrem eigenen Neffen ermordet worden sein? Ja, mei. Ein vermutlich betrunkener Pädagoge ist im Eisbach ersoffen? Ja, mei. Ob der Reichtum neben der Lässigkeit auch für die Freundlichkeit der Münchner verantwortlich ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall aber sind sie nett. Und wie! Als ich – unfähig, das Parkhaus für Mietwagen zu finden – den Wagen im absoluten Halteverbot vor einer Polizeiwache abstellte und den nächstbesten Passanten um Hilfe fragte, entpuppte der sich als zivil gekleideter Polizist. Noch nie hat mir jemand so höflich den Weg erklärt. Und am nächsten Morgen, auf dem Weg zum ersten Arbeitstag, gab mir ein älterer Herr im Anzug mit Einstecktuch eine halbe Stadtführung. Ganz zum Schluss fragte er mich, wo ich denn bislang gewohnt habe. „In Berlin“, sagte ich. „Ja, mei“, erwiderte er – voll Münchner Freundlichkeit bemüht, sein Mitleid nicht herausklingen zu lassen. Es war offensichtlich: Berlin ist für ihn Wilderniss, Unzivilisiertheit, Sodom und Gomorrha. Nach einer Woche in München, beginne ich, ihn zu verstehen. Obwohl ein Schawarmateller beim Libanesen hier 14 Euro kostet. Johannes Boie
Auf der nächsten Seite liest du die Geschichte von Klaus, der aus München nach Berlin zog.
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