24.08.2007 - 18:55 Uhr

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Natürlich zahl ich - eine neue nervige GEZ-Kampagne

Text: dirk-vongehlen

Die Gebühreneinzugszentrale hat sich was Neues ausgedacht, um die Bevölkerung von Rundfunkgebühren zu überzeugen. Die Kampagne geht am eigentlich Problem weit vorbei

Es ist schon eine ganze Weile her, dass man sich gesehen hat. Man jagte in alten Autos durch die Stadt, sie saß auf der Rückbank und trug einen Cowboyhut. Ja, es war eine wilde, gute Zeit damals. Alle Jungs waren ein bisschen in sie verliebt. Dann erzählte irgendwer, sie mache jetzt Musik. Man selber quälte sich mit Seminararbeiten und sie war unterwegs mit umgehängter Gitarre. Das passte. Was nicht so recht passt: Dass man sich jetzt wieder trifft. An einem verregneten Montagmorgen auf dem Weg zum Zahnarzt steht sie plötzlich da und sagt: „Die Fahrscheine bitte.“ Und es ist kein Witz: Julia Hummer, das Mädchen aus wilden Zeiten, macht jetzt Werbung für die Gebühren-Einzugszentrale (GEZ).
Die Schauspielerin, die in dem Film „Absolute Giganten“ mit Cowboyhut und hübschem Lächeln dafür sorgte, dass sich alle Jungs in sie verliebten, ist in einem aktuellen Werbespot zu sehen, wie sie sich Brötchen kauft und zum Essen allein in ein menschenleeres Restaurant geht. Dabei spricht sie in die Kamera und erklärt, dass sie Brötchen-Diebstahl und Zechprellerei nicht gut findet, „wär doch auch peinlich“. Dann sieht man, wie sie auf einem Küchentisch sitzt und Jogurt aus einem großen Glas löffelt. Sie erzählt, dass sie Radio und Fernsehen besitze und dafür auch bezahle; und zwar Rundfunkgebühren - „weil ich unabhängige Medien brauche, weil ich Vielfalt brauche“. Zum Abschluss sagt sie: „Weil das jeder braucht“. Die Kamera zoomt auf ihre Brust. Sie öffnet ihre graue Trainings-Jacke. Man sieht, dass sie ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Natürlich zahl ich“. Das T-Shirt (das man übrigens nicht bekommt, wenn man zahlt) und der Spot sind Teil einer neuen Kampagne der GEZ, deren Aufgabe es ist, für die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten die Rundfunkgebühren einzusammeln. Jene Betrag also, der im dualen Rundfunksystem sicherstellen soll, dass die so genannte Grundversorgung durch öffentlich-rechtliche Sender auch unabhängig von Werbeeinnahmen garantiert ist. Das ist an sich eine gute Sache und mit der Erklärung zu den „unabhängigen Medien“ und der „Vielfalt“ hat die vernünftige Julia auch absolut Recht. Dass die Kölner Institution dennoch ein schlechteres Image hat als U-Bahnkontrolleure und Journalisten zusammen, liegt auch nicht an ihr, sondern an der GEZ selber. Deren Mitarbeiter und ihre (bisherigen) Kampagnen zeichnen sich nämlich vor allem durch ein unübertroffenes Maß an Arroganz (Mitarbeiter) und Dummheit (Kampagne) aus. Oder um es in der Werbespot-Sprache von Julia Hummer zu sagen: Die GEZ benimmt sich wie ein Kellner, der jeden Gast, der das Restaurant betritt, zunächst mal der Zechprellerei bezichtigt und deshalb vorsorglich mit einer Waffe bedroht. Der Gedanke dabei: Wer ein Besteck vor sich liegen hat, wird auch essen. Deshalb lassen wir jeden Gast schon fürs Besteck zahlen, egal, ob er bestellt oder nicht. Dabei haben die unverschämten Hilfskellner ihren Job nur aus einem einzigen Grund: Weil es eben Gäste gibt, die dort zahlen. Die GEZ hat das Prinzip von Kunden und Dienstleistern aber umgedreht und ihre Mitarbeiter zu Ermittlern gemacht, die sich nicht wie Service-Personal verhalten (was sie zu sein hätten), sondern wie Spürhunde, die für jeden Fund ein Leckerli bekommen und Männchen machen. Zudem hat sich diese Institution, die eigentlich lediglich das Geld für die Sendeanstalten einnehmen soll, zu einem fetten Appart aufgebläht, der teure Werbeagenturen und Prominente (wie Julia Hummer) dafür bezahlt, dass diese wiederum auf teuren Sendeplätzen im Kino und im Fernsehen Werbung machen: für die GEZ. Und das, obwohl die allermeisten Menschen überhaupt nicht auf die Idee kommen, die Zeche zu prellen: 96 Prozent aller privaten Rundfunkteilnehmer - so meldet die GEZ im Rahmen der neuen Kampagne - zahlen ihre Gebühren bereits. Merkwürdig, dass man dennoch eine Agentur beschäftigen muss, um eine Werbekampagne zu entwicklen. Über die der zuständige Agenturchef (in der aktuellen Ausgabe der W&V) sagt: „Die militanten GEZ-Gegner werden wir nicht umstimmen können.“ Man hätte also all das schöne Werbe- und PR-Geld (das die GEZ übrigens nur hat, weil wir unsere Gebühren zahlen) durchaus auch in „unabhängige Medien“ oder „Vielfalt“ investieren können. Damit sind wir beim zweiten Problem mit den Gebühren: Die Inhalte. Zwar bezahlten wir dafür, wir können aber in keiner Weise Einfluß darauf nehmen. Jedes Restaurant würde mit diesem Modell Pleite gehen: Unfreundliche Kellner, die zunächst Geld einfordern und dann Essen servieren, das man gar nicht bestellt hat. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten leben aber genau von diesem Prinzip. Damit das nicht falsch verstanden wird: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht zum Teil großartiges Programm, für das man auch gerne bezahlt. Trotzdem gibt es Bereiche des Anstaltswesens, die zumindest ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen. So steht beispielsweise auf der Website der Werbekampagne unter dem Punkt „Was bekomme ich“:„Mindestens ein Jugendangebot und eine Info-Welle mit Pop-Musik, je Region im Radio.“ Wer in München das Angebot des Bayerischen Rundfunks durchhört, wird lange und vergeblich nach einem solchen (vollständigen) Jugendangebot suchen. Die Gebühren werden einem deshalb in Bayern übrigens nicht erlassen (nicht mal anteilig). Auch anderweitig kann man nur schwer Einfluß nehmen, auf die Entscheidungen der Programmverantwortlichen. Es hängt offenbar von deren Laune (oder Vernunft?) ab, ob sie ihr Programm konsequent und wirklich hervorragend fürs Web aufbereiten (wie Deutschlandradio und Deutschlandfunk mit ihrem überwältigenden Podcast-Angebot) oder ihre Online-Etats stattdessen in geistarmen Gewinnspiel-Aktionen versenken. Warum in aller Welt muss ich mein Radio oder meinen Fernseher zu einem bestimmten Zeitpunkt einschalten, um eine Sendung zu hören oder zu sehen? Online-Aktivität der Öffentlich-Rechtlichen sollte bedeuten: Die Inhalte webgerecht aufzubereiten und allen zur Verfügung stellen. Und zwar konsequent. Das ist die Grundversorgungs-Aufgabe im Netz und nicht der teilweise traurige Versuch, Angebote nachzubauen, die private Anbieter viel besser können. Diesen Problemen sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland stellen und nicht der Frage, wie man jene vier Prozent der privaten Rundfunkteilnehmer davon überzeugen kann, dass die GEZ doch toll sei. Das übrigens gelänge sehr einfach, wenn man allen Gebührenzahlern positiv darstellen könnte, dass sie etwas davon haben, zu zahlen: Es hätte sicher nicht weniger Wirkung gehabt, hätte man das Budget der Kampagne genutzt und allen Gebührenzahlern ein „Natürlich zahl ich“-Shirt geschickt.


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muc_jetzt
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Mag ich Mag ich nicht

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23.10.2007 - 12:27 Uhr
muc_jetzt

Ich stimme in vielen Dingen mit dem Autor überein.

Aber damit habe ich ein Problem:
"Es hängt offenbar von deren Laune (oder Vernunft?) ab, ob sie ihr Programm konsequent und wirklich hervorragend fürs Web aufbereiten ..."

Warum müssen die öffentlich rechtlichen unser Geld für web-aufbereitete Inhalte zum Fenster hinaus werfen? Das hat meiner Ansicht nach nichts mehr mit einer Grundversorgung zu tun! Wer glaubt, so etwas haben zu müssen, sollte dafür auch extra bezahlen. Genau deswegen steigen die Gebühren auch von Jahr zu Jahr. Mittlerweile könnte ich für das gleich Geld auch ein schönes Premiere Abo kriegen. Also Grundversorgung ja, aber die sollte sich bitte auch wirklich auf TV und Hörfunk beschränken.

tillstill
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Mag ich Mag ich nicht

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30.11.2007 - 13:03 Uhr
tillstill

schön geschrieben! es hätte noch mehr herausgestellt werden können, wie vergleichsweise hoch die gebühren für das teils nicht bestellte programm sind bzw. wo sie statt in vielfalt und unabhängigkeit hinfließen.

ob das modell "gebühren zahlt jeder, der (mind.) ein gerät besitzt" sozial gerecht und zeitgemäß ist, muß an anderer stelle diskutiert werden. hier geht es um die ziemlich monströsen (im vgl. zu ihrem staatl. auftrag) aufwendungen der gez für werbekampagnen.

teils lustig hin oder her - die gez gefällt sich leider mittlerweile immer mehr in tätigkeitsfeldern, in denen sie nichts verloren hat.

pitschi2007
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2007 - 10:50 Uhr
pitschi2007

Wer oder was ist denn dieses Schmierlapp äh Schmidtdepp öhm Schmidtlepp Deppchen? Anderen Neid zu unterstellen ist ist schon arg dumm, dümmer sind nur noch Namenswitze. Aber ich hab ja auch nicht gesagt, daß ich einen Deut besser bin. So ist das Internet. Tja

Gezschreck
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Mag ich Mag ich nicht

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06.12.2007 - 15:49 Uhr
Gezschreck

Einige Nichtzahler sind Alg2 Empfänger deren Unterlagen vom Arbeitsamt bei der GEZ immer "verloren"gehen. So wird ein
Grossteil der Nichtzahler kriminalisiert. Wenn dann auch noch
öfter der Gerichtsvollzieher vor der Türe steht, stellt das schon
eine Bedrohung dar.

Rambo007
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Mag ich Mag ich nicht

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20.10.2008 - 18:56 Uhr
Rambo007

Ich soll für ARD und ZDF bezahlen, was ich nicht schaue. Ich Schalte nur Private Sender ein, dafür muß ich die Werbung ertragen aber die kostet nix. Also warum soll ich Zahlen?

klaraHH
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.03.2009 - 14:20 Uhr
klaraHH

Neu zum Thema: der aktuell angelaufene Spot:

http://www.dafuer-zahl-ich-nicht.de/

... und seine Folgen:

(Pressemitteilung:)
Der Norddeutsche Rundfunk hat am Dienstag mit sofortiger Wirkung
seinen freien Mitarbeiter Holger Kreymeier entlassen. Kreymeier ist
Moderator und Produzent des satirisch-kritischen Online-Magazins
„Fernsehkritik-TV“ (www.fernsehkritik.tv) und damit auch
verantwortlich für die derzeit laufende Kampagne „Dafür zahl’ ich
nicht!“ (www.dafuer-zahl-ich-nicht.de), welche die zunehmende
inhaltliche Verflachung bei ARD und ZDF hinterfragt.

Kreymeier zu seiner Entlassung: „Der Norddeutsche Rundfunk erweist
sich als vollkommen kritikresistent. Ich habe in meiner Kampagne weder
zu einem Gebühren-Boykott aufgerufen noch das öffentlich-rechtliche
System in Frage gestellt, sondern mich auf inhaltliche Punkte
konzentriert. Die Kampagne ist eine FÜR öffentlich-rechtliches
Fernsehen - und zwar so, wie es durch den Rundfunkstaatsvertrag
formuliert ist. Ich komme mir ein bisschen wie die Elke Heidenreich
des Norddeutschen Rundfunks vor. Es tut mir in der Seele weh zu sehen,
in welche Richtung sich ARD und ZDF entwickeln. Aber die Entscheidung
des NDR vom Dienstag zeigt mir, dass das öffentlich-rechtliche System
am Ende ist.“

Kreymeier hat für die Multimedia-Abteilung des Senders gearbeitet.
Außerdem hat er Untertitel für gehörlose Zuschauer getextet.
Kreymeier: „Ich habe darin nie einen Widerspruch zu meinen Tätigkeiten
im Internet gesehen, denn meine Arbeit beim NDR hat sich zu keinem
Zeitpunkt mit den Inhalten des Fernsehprogramms überschnitten.“

Kreymeier weiter: „Ich werde mich jetzt ganz auf meine eigene kleine
Firma Alsterfilm konzentrieren. Wer im Raum Hamburg die Dienste einer
Filmproduktion oder eines Journalisten braucht, soll sich gern melden.
Ob ich weiterhin GEZ-Gebühren zahle, werde ich demnächst entscheiden.“

dirk-vongehlen
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04.03.2009 - 16:43 Uhr
dirk-vongehlen

Klara, danke für den Hinweis. Habe gerade mit Holger Kreymeier telefoniert

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