11.08.2007 - 22:21 Uhr

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Lochstanzen

Text: melan

0 Kennen Sie den Bio-Laden in Trübingen? Dort habe ich mal versucht mein Leben zu retten, durch Konsum. Ich habe mich dort fast ein Jahr lang wie ein Spion aufgehalten und Dinkel in seinen verschiedensten Verarbeitungsformen gekauft. Die Frau dort war furchtbar. Bio-Läden sind furchtbar. Leute in Bio-Läden sind auch furchtbar. Aber wenn es nicht furchtbar ist, dachte ich, schafft es keine Identiät. Haben Sie noch Haut-Creme auf Schlehen-Basis? Schlehe ist aus. Schlehe aus, alles aus. Im Grunde bin ich tragischer Anti-Kapitalist. Im Grunde bin ich Autist. Wir haben Aloe Vera. 1
Erin fragt, ob ich mich auf Berlin freue, ich sage: ich nicht, nur der Rest von mir. Ich sage in Berlin interessiert sich jeder für irgendwas. Ich interessiere mich für nichts. Ich finde Interesse furchtbar. Ich finde es furchtbar, wenn Leute an irgendetwas teilnehmen. Mich interessiert gar nichts, sage ich, aber das ist nicht zufällig so, das ist das Ergebnis langen Nachdenkens. Am wenigsten mag ich Menschen, die sich für gesellschaftliche Probleme interessieren. Wenn ein gesellschaftliches Problem erst mal in das Interesse der Menschen fällt, sage ich, sei es sicher, dass es nicht gelöst werden würde. Noch weniger als Menschen, die sich für irgendetwas interessieren, sage ich, mag ich Menschen die irgendwas verändern wollen. Ich hasse Menschen, die etwas verändern wollen, nicht weil ich glaube, es müsse alles bleiben, wie es ist, sondern weil diese Menschen etwas zu tun haben, was ich nicht verstehe, wovon ich aber weiß, dass es zum Scheitern verurteilt ist. 2
In Berlin würde mich erwarten: Ein Brief des Polizeipräsidenten wegen einer Überschreitung in Neufahrn, eine Benachrichtung des Stromanbieters Lichtblick über eine Rückzahlung von 34 Euro (wird gut geschrieben), eine unleserliche Karte von Sarah, in der das Wort Geburtstag vorkommt, eine Flasche Chateau du Pape meiner Schwedischen Zwischenmieter, ein Bett, das mich hasst. Ich schreibe Erin, ich sei gut angekommen, ich schreibe, ich interessierte mich für Ordnung. Ordnung sei das einzige, was mich glücklich macht, Ordnung und Logik - leider hätte ich für beides kein sonderliches Geschickt. Damit ließe sich leben, sagte Erin, und hatte sicher recht. 3
Ich bewarf mein Bett mit neuen Bettbezügen, aber es ließ sich nicht davon abbringen, mich zu hassen, ich bin umgeben von Gegenständen die mich hassen, von Musik, die mir Schmerzen bereitet, von Büchern, die mich anöden. Bei IKEA fragte der eine dicke Mann den anderen, ob es dieses oder jenes Regal auch im Sorglospaket gebe, gab es aber nicht, sorglos war aus. Normalerweise werde ich schon in der Küchenabteilung depressiv, diesmal aber erst bei den Blumen. Ich kaufte einen Tisch für die Küche, den ich lieblos behandelte, mein Tisch und ich wir hassen uns. Ich hasse alle Tische außer meines Schreibtisches, ich brauche keine Tische, Peter hat mmich gezwungen, einen Tisch zu kaufen, weil man einen Tisch bräuchte, ich brauche keinen Tisch, man bräuchte einen Tisch, um zu essen, ich äße nicht, sagte ich. Mich langweilt essen, ich würde am liebsten jeden Tag dasselbe essen, es müsste ja nicht Dinkel sein. Ich bewarf meinen Tisch mit Essen, ich bewarf mein Bett mit Decken und die Decken mit mir, niemand wollte nachgeben, niemand wollte klug sein. 4
Ich räumte auf, ich finde Aufräumen ist die einzig sinnvolle Tätigkeit, Aufräumen ist gut! Ich schmiss etwas weg, ich möchte gerne jeden Tag etwas wegwerfen, ich trank Fenchel-Thee, ich schmiss den Beutel in die Spüle, ich nahm einen Akku-Schrauber und schraubte die Spüle ab, ich schmiss die Spüle auf den Müll, ich nahm eine Dübelzange und entfernte die Dübel, ich ging zum Baumarkt und kaufte eine Einbau-Spüle, ich hätte aber keine Einbau-Spüle, sondern eine Aufsatz-Spüle kaufen müssen, ich warf die Einbau-Spüle weg und kaufte eine Aufsatz-Spüle, ich baute die Aufsatz-Spüle auf und stellte meinen Tisch daneben. Ich ging zum Baumarkt und verlangte eine Lochstanze, zum Einstanzen des Loches für den Wasserhahn. Lochstanzen waren aus, ich trank das Wasser aus dem Badezimmer, ich las Logik, ich schrieb Erin, wir müssen wieder an die Oberfläche, ich sagte, ich hasse Subversion, ich sagte, ich hasse Kultur, ich sagte, hier in Berlin, versuchen die beiden was zusammen zu machen am Wochenende. Ich sagte, ich hasse die Wochenenden. Ich sagte, ich hasse Alltagsgegenstände, ich kann mit ihnen nicht umgehen, sie hassen mich, die Gegenstände und ich, wir hassen uns. Ich sagte, ich schon bedenklich nahe an Überreizung geraten sei, dass ich des Öfteren emerke, wie ich in den Biliotheken von einem rasenden Zorn gepackt wurde, und Lust und Laune hätte, mit meinem Stuhl eine Schneise der Verwüstung anzurichten, dass ich mehr Theorien über Mimesis kennte, als Möglichkeiten, mich mimetisch zu verhalten, dass hier Gegenstände auf mich warten, die mich hassen, die wollen mir einreden, dass ich einsam bin, die wollen, dass ich glaube, alles falsch zu machen, immer wollen wildfremde Gegenstände in meiner Wohnung etwas von mir, ich sagte, ich müsse nun aufhören, ich wolle etwas wegschmeißen, Erin sagte, das liege alles am Jetlag. 5
Ich ging zum Baumarkt und lieh mir eine Lochstanze für eine Edelstahl-Aufsatz-Spüle aus, als ich heimging regnete es, als ich ankam, stellte ich fest, dass in meinem Bohrer-Set kein geeigneter Bohrer für Lochstanzen-Schrauben gab, ich fuhr zum Baumarkt, Bohrer der Größe 12 seien alle verliehen, ich kaufte einen Edel-Stahl-Bohrer der Größe 12 für 8 Euro, als ich das Loch bohrte, begann die Edelstahloberfläche zu glühen, aber das ist normal, ich goss ein wenig kalten Kaffee auf den Bohrer, das roch gut. Dann kroch ich in den Spülen-Unterbau, um eine Schrauben Mutter zu suchen, währenddessen riss ich das Plastik-Abwasser-Rohrsystem aus seinen Verankerungen, worauf sich Brühe über mein Gesicht goss, die stank, ich fand die Schraube und schraubte den Hahn durch das Loch an der Spüle fest. Ich fuhr zum Baumarkt und brachte die Lochstanze zurück. Dort stellte ich fest, dass es keine Krise gibt, wir leben in keiner Krise, wir leben in Berlin, im Grunde bin ich Autist. 6
In der Skalitzer Straße gibt es einen Bio-Laden, dort kaufte ich Apfel-Möhren-Saft, wenn mich jemand lobt, glaube ich, ihm auf den Leim gegangen zu sein, ich hasse dann das wofür er mich lobt, wenn man mich nicht lobt, glaube ich, dass man mich nicht liebt, ich hasse dann das, weswegen man mich nicht lobt. Ich will stets nur geliebt werden, deswegen gehe ich zum Baumarkt, deswegen gehe ich in den Bioladen, es geht mir nicht um Bio-Produkte oder Baumarkt-Produkte, die Produkte sind mir völlig egal, ich esse auch dünnschalige Eier von ungesunden Hühnern, im Grunde bin ich tragischer Antikapitalist, ich kenne mehr Theorien über den Kapitalismus als Chancen, Geld auszugeben, ich will nur Anerkennung bekomme Apfel-Möhre, ich will Menschen dazubringen, zu sagen, nun reiß dich mal zusammen, denn dann weiß ich, hab ich ihnen einen Stich abgejagt, habe ich ihnen die Zähne gezeigt, ich liebe es, wenn die Leute sagen, reiß dich zusammen, denn das ist ja bereits ein Zeichen ihres Unterganges. 7
Ich möchte aufräumen, ich möchte, das der Unsinn endet, ich bin nicht fähig am Unsinn Freude zu haben, ich mag das Chaos nicht, das Chaos ist beängstigend und böse, böse fickte gut, ich habe keinerlei Verständnis für Leute, die neugierig, sind, wie es weitergeht, ich habe kein Mitleid mit Menschen, die Probleme artikulieren, ich möchte in einem weißen Zimmer sein, ich will doch nur, dass mein kleines Bett mich liebt, ich will niewieder über Mode reden, oder über Musik, ich finde, es gibt nichts faschistischeres, als Geschmack, ich hasse Leute, die Geschmack haben, ich will nie wieder über Politik reden, ich will nie wieder über Bücher reden und schon gar nicht über solche, die einem Freude machen, ich will mich mal für etwas richti begeistern, aber das kann ich nicht, daher hasse ich jeden, der sich begeistern kann, wenn man die Leute dazu bringt, abzuwinken, hat man gewonnen. Ich bin in Canada auf mehrere Berge gestiegen, dort hat mich eine gesäuberte Traurigkeit umweht, sauber ist eine Traurigkeit dann, wenn sie einen selbst nicht noch trauriger macht, dies ist der Zustand höchster Ordnung, die ein Mensch erreichen kann, wer diesesn Zustand nicht erreichen kann oder will, ist kein Mensch, wir nie ein Mensch sein, wird IKEA-Kunde und Bauhaus-Kunde und iTunes-Store-Kunde sein und Apfel-Möhrensaft trinken, aber er ist kein Mensch. 8
Ich will nicht kapitulieren, Kapitulation ist so ein Hetero-Akt, ist Sublimierungs-Scheiße, ist Protestantisch, ist nur retrospektiv erträglich, ist wehleidig, ist Verlierer-Mentalität, ich will mich vom Schlachtfeld stehlen und am Feldrand schlafen, ich will nur hier aufräumen und das mein Bett mich wieder liebt, wenn es mich nicht. lieb, schmeiße ich es weg


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dascory
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.08.2007 - 22:20 Uhr
dascory

ganz großartig.

fatman
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.08.2007 - 22:38 Uhr
fatman

Brillant

clausen
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 00:38 Uhr
clausen

***

virgina
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 08:03 Uhr
virgina

Sprachlos..

daniel-erk
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12.08.2007 - 14:39 Uhr
daniel-erk

Super.

unseensights
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Mag ich Mag ich nicht

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12.08.2007 - 14:51 Uhr
unseensights

hab schon lange nichts mehr gelesen was mir so gut gefällt.

(aber bevor du das als lob auffasst und dich dann der hass überfällt: ich lese nicht sonderlich viel.)

heavenly-jason
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 15:26 Uhr
heavenly-jason

das hat ein gutes tempo. das macht spass, ob man spass will oder erwartet oder nicht, man bekommt ihn. hier. = )

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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 15:26 Uhr
heavenly-jason

achja: wenn du daraus n film machst, lad mich zur premiere ein bitte, ja?

rene
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 16:44 Uhr
rene

Wer spielt denn dann die Lochstanze?

Überhaupt: Schlehen!

AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2007 - 19:03 Uhr
AllesOderNichts

natürlich fantastisch.

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melan offline

melan

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Wen Bier hindert, der trinkt es falsch. (Benn)