Unterwegs als Betthupfer: Was passiert, wenn man bei völlig Fremden in der Küche übernachtet
Text: stefan-biro
Auf Reisen und keinen Platz zum Schlafen? Im Internet gibt es für dieses Problem eine Lösung: Auf Seiten wie couchsurfing.com kann man sich einen Schlafplatz suchen – bei Privatleuten. jetzt.de war in München mal fremdschlafen.
Beim Gastmeister
Ich bin Daniels Gast Nummer 111. Wir sitzen in einer bayerischen Wirtschaft mit den Gästen 105 und 106 (eine Australierin und ein Engländer), 107 und 108 (ein Pärchen aus den USA) und 109 und 110 (zwei winzige Hongkong-Chinesinnen). 105 und 106 erzählen von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Schanghai und wie schwierig es ist, Mandarin zu lernen. 109 und 110, die Chinesinnen, kämpfen schweigend mit einer Portion Käsespätzle, während 108 von „The Oxfleisch“ schwärmt.
Schlechte Erfahrungen habe er mit Couchsurfern nie gemacht, sagt Daniel auf Englisch. Nur einmal habe sich ein Gast sein Fahrrad ausgeliehen und es nicht abgesperrt am Marienplatz stehen gelassen. Das war dann weg. Und ein anderer, ein 18-jähriger Weißrusse, habe nach dem Oktoberfest neben das Klo uriniert. Nur manchmal frage er sich, weshalb ihm Gäste statt der höchsten Bewertung nur die zweithöchste gäben. 111 Gäste in knapp drei Jahren – das macht im Durchschnitt etwa ein Gast alle zehn Tage. Daniel ist 37 Jahre alt. Er arbeitet bei der Telekom in der Buchhaltung. Die Gäste entspannen ihn vom Arbeitsalltag, meint er. Selbst übernachte er nie bei Couchsurfern, nur im Hotel. Wenn ihm etwas nicht gefalle, möchte er sich auch beschweren können. Unter Couchsurfern mache man so was aber nicht.
Gegen Mitternacht gehen wir nüchtern zu Daniel. Auf den roten, blauen und gelben Wänden hängen überdimensionale Gekkos und Bilder von Maya-Pyramiden. Im Bücherregal stapeln sich zerschlissene Lonely Planets und englische Bücher. Daniels Traum wäre es, ein Hostel zu eröffnen, aber er sei „mehr der Buchhaltertyp“, deswegen würde das nicht funktionieren.105 bis 110 besetzen die Matratzen, 111 schläft auf dem Boden. Die Wohnung ist voll – eine imaginäre 112 hätte keinen Platz mehr. In der Nacht werde ich von Daniels Schnarchen geweckt. Kurz nach sieben steht Daniel auf. Er fragt, ob ich gut geschlafen habe. Ich bedanke mich und meine, ich sei nur kurz durch sein Schnarchen geweckt worden. Daniel blickt mich entsetzt an. „Das muss ich unbedingt in meinem Profil erwähnen.“ Dann geht er zur Arbeit.
philipp-mattheis
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