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Leben| München | 16.07.2007 19:00Coole Masche: Stricken ist das neue Yoga
Text: christina-waechter Illustrationen: Katharina Bitzl
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Stricken ist kein Oma-Kitsch mehr: Zu Besuch bei Victors Handarbeitskreis „Stitch ’n Bitch“
An jedem Sonntag treffen sie sich um 17 Uhr in einem Haidhauser Cafe, egal bei welchem Wetter: Immer sitzen sie in derselben Ecke des hohen Raumes, mal zu viert, mal zu zwölft. Sie nennen ihre Gruppe Stitch ’n Bitch und das beschreibt ziemlich genau, was sie in den kommenden Stunden tun. Die jungen Frauen und Männer, fast alle Anfang 20, fast alle sogenannte Expats – ständig im Ausland lebende englischsprachige Menschen – holen nacheinander eine Tasche mit ihrer angefangenen Handarbeit heraus, bestellen sich ein Getränk und dann geht es los. Sehr lebhaft wird von der vergangenen Woche erzählt, gelästert und nebenher entstehen unter ihren Händen Schals, Mützen, Socken, Deckenund was sich sonst noch mit Nadel und Faden herstellen lässt. ![]() Victor ist einer von ihnen. Er ist 25, stammt aus Thailand und studiert in München Politik. Er weiß noch genau, wann er zum ersten Mal Stricknadeln in die Hand genommen hat. Das war im Dezember vor zwei Jahren, als sein damaliger Freund ihm im Streit riet, sich endlich ein Hobby zu suchen. Und genau das tat er: Victor begann zu stricken. „Im Internet habe ich mir mit Hilfe einer Seite die Grundbegriffe selbst beigebracht und losgelegt; innerhalb von vier Tagen hatte ich die wichtigsten Handgriffe drauf.“ Bis er fertig war und feststellte, dass er nicht wusste, wie man ein Strickstück beendet. Wieder im Internet fand er die Ankündigung einer Münchner Strickgruppe, eben jener, die er heute leitet. Er ging hin, ließ sich von den erfahrenen Teilnehmern beibringen, wie man abkettet und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Siegeszug der Wolle Es ist kein Zufall, dass „Stitch ’n Bitch“ von Expats gegründet wurde. Denn die aktuelle Wiederentdeckung der Handarbeit geht von Amerika aus. Dort hat eine Frau fast im Alleingang das Bild der Handarbeit erneuert: Martha Stewart, millionenschwere Unternehmerin. Sie hat in ihren Fernsehsendungen, Zeitschriften und Büchern den Amerikanern gezeigt, dass Selbstgemachtes nicht zwangsläufig kitschig und überflüssig sein muss, sondern modern, individuell und elegant sein kann. Gleichzeitig zu dem Siegeszug von Frau Stewarts Medienimperium entwickelte sich in der alternativen feministischen Szene der amerikanischen Großstädte aus der Riot-Grrl-Bewegung eine Abspaltung, die den Do-It-Yourself-Gedanken weiter entwickelte: Statt Musik und Fanzines selbst herzustellen, begannen junge Frauen, sich ihren Kleiderschrank und ihre Wohnung in Eigenregie aufzumöbeln. Vor allem eine junge Frau, Debbie Stoller, Gründerin des feministischen Frauenmagazins „Bust“, fand ab 1999 Gefallen an dieser Do-It-Yourself-Bewegung (DIY). Sie gründete in New York eine öffentliche Strick-Gruppe und schrieb ausführlich in ihrem Magazin darüber, wodurch sie viele junge Frauen in ihrer Zielgruppe beeinflusste. Der Do-It-Yourself-Gedanke ist für sie und ihresgleichen der Inbegriff dessen, was die Riot-Grrl-Bewegung und Punk-Haltung ausmacht: kritische Konsumhaltung, Anti-Establishment, Dekonstruktion und Rekonstruktion – eine natürliche Reaktion auf die uniformierten H&M-Gestalten, die in den Fußgängerzonen aller Städte auftauchen, sowie auf die uneingeschränkte Vereinnahmung des Underground durch den Mainstream, die es fast unmöglich macht, sich von eben dem deutlich zu unterscheiden. Der Gedanke des Selbermachens ist auch eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass uneingeschränkter Konsum nicht ethisch ist und nie sein kann. Wer dagegen seine Kleidung selbst herstellt, weiß, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist, schätzt den Wert von Arbeit anders und hat vor allem ein völlig individuelles Kleidungsstück am Leib. Noch ein bisschen weiter gehen die Macher von Knitta, Please: Die Gruppe entstand 2005 im texanischen Houston, als frustrierte Handarbeiter beschlossen, ihre angefangenen Strick-Werke für einen guten Zweck zu entfremden: Fortan strickten sie Schals für Ampel-Anlagen, verhüllten hässliche Straßenschilder und bombardierten ihre Städte mit dieser sehr flauschigen Form des Graffiti. Mittlerweile gibt es Handarbeits-Clubs junger Menschen für fast jeden Geschmack: Zirkel, in denen das betrunkene Stricken zelebriert wird, Häkel-Gruppen, sogar eine Strick-Kirche. Handarbeiten ist für diese Menschen Rock'n Roll, auch wenn sie immer wieder mit den alten Vorurteilen zu kämpfen haben. Das kennt auch Victor: „Wir wollen weg von dem alten Stereotyp, dass Menschen, die handarbeiten, zu Hause vor sich hin werkeln und komische Sachen machen.“ Auch deshalb ist es für diese neue Bewegung wichtig, sich an öffentlichen Orten zu treffen und vor den Augen Aller an ihren Stücken zu arbeiten. Auf der nächsten Seite: von Blogger, den olympischen Strick-Spielen und dem großen Unterschied zwischen Deutschland und Amerika Dieser Text von jetzt.de ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen: hier klicken!
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