13.07.2007 - 19:00 Uhr

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"Dann kamen meine Eltern vorbei": Zwei Prostituierte über ihre Arbeit

Text: rudy-novotny

Diese Woche widmen sich jetzt.de und das Online-Magazin daheim dem Thema Ausverkauf.

Zwei Wochen lang versuchte Rudy Novotny an Hamburgs Herbertstraße zu jeder möglichen Tages- und Nachtzeit, eine Prostituierte für ein Interview über ihren Beruf zu gewinnen. „Verpiss dich“, war noch das Freundlichste, was man ihm hinterherrief. Am Ende traf er Sandra und Tatjana. Und musste für das Gespräch zahlen

Worin liegt denn der Unterschied zwischen dieser Straße und der Herbertstraße? Ist es eine Art Privileg, in der Herbertstraße zu arbeiten? Sandra: Nein, ich hätte von Anfang an in die Herbertstraße gehen können. Tatjana: Aber hier hat es den Vorteil, dass wir uns die Männer selber aussuchen können. In der Herbertstraße sitzt man im Schaufenster und kann sie nur mit einem Lächeln anlocken. Euer Laden hat neun Mädels, die an verschiedenen Orten stehen. So etwas wie ein Revier, wie beim Drogenhandel, gibt es bei Euch nicht? Sandra: Doch, doch, wir haben alle unseren Bereich. Wir stehen jetzt auf dem Hans-Albers-Platz, das ist unser Platz. Die anderen Mädels bleiben halt unten in ihrem Bereich. Aber ich habe euch doch gestern hier unten an der Ecke angesprochen? Sandra: Da stehen wir aber nur die erste Stunde. Tatjana: Die erste Stunde, von acht bis neun, ist der Bereich für unseren Laden. Von neun bis sechs ist er für einen anderen Laden. Unsere Arbeitszeit beginnt um 20 Uhr und wir arbeiten dann meistens bis fünf oder sechs durch. Habt ihr eine Art Preiskatalog? Sandra: Nein, es ist nicht wie im Restaurant, wo du eine Speisekarte hast, auf der steht, „Ficken kostet das“ oder „Blasen kostet das“. Wenn jemand kommt und sagt, dass er 500 Euro ausgibt, würdest du dann Nein sagen? Nein – also ich schon, aber ich bin ja auch nicht in dem Geschäft. Tatjana: Wir haben Mindestpreise, aber wir sagen nie, was der Höchstpreis ist, denn vielleicht gibt der Kunde für den Service ja etwas mehr aus. Ist eure Wahl des Freiers und der Preis dann eine Sympathieentscheidung? Tatjana: Ja, aber auch umgekehrt von denen. Sandra: Es gibt welche, denen die Titten nicht gefallen, aber der Po schon, unddann sagen sie o.k., dann gebe ich einen Fuffi aus. Und ich kann dann sagen, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Vielleicht krieg ich ja am Ende auf dem Zimmer doch noch einen Hunderter hin.
Undatiertes Bild einer Prostituierten in Hamburg. (Foto: ddp)
Was unterscheidet euren Beruf von einem „ganz normalen“ Beruf? Sandra: Wir verdienen mehr Geld als andere. Ansonsten ist es ein Job wie jeder andere. Ich sehe das gar nicht mehr als Sex an. Das ist Routine. Du nimmst jemanden mit nach Hause, wichst ihm einen und er gibt dir Geld. Er darf dir ja nicht zwischen die Beine fassen. Küssen ist auch tabu. Ihr seid also nicht neidisch auf jemanden, der den ganzen Tag gemütlich vor dem Computer sitzt? Tatjana: Wenn du mit einem Mann eine Stunde beschäftigt bist, bekommst du vielleicht 400 Euro. Wieso sollte ich dann auf jemanden neidisch sein, der den ganzen Tag im Büro sitzt und dafür nur einen Teil davon bekommt? Sandra: Wenn ich Schluss habe, sehe ich viele, die müde und kaputt zur Arbeit gehen – und ich kann mich den ganzen Tag in die Sonne legen. Glaubt ihr nicht, dass ihr schneller ausgelaugt seid? Sandra: Quatsch. Die Grenzen sind ja gesetzt. Tatjana: Wenn wir einen Gast haben, der uns zu hart anfasst oder aufdringlich wird, dann können wir ihn jederzeit bitten zu gehen. Und wenn er das nicht tut? Sandra: Dann rufen wir ganz einfach die Polizei. Wenn er das Haus nicht verlassen will, ist es Hausfriedensbruch. Wir haben ja keine Chefs; unser Laden ist eine reine Zimmervermietung. Das heißt, ihr seid quasi selbstständig und von dem Geld, das euch der Freier gibt, müsst ihr nur einen Teil für die Miete abführen? Ja. Wenn ihr keinen Chef habt, müsst ihr dann eigentlich auch kein Gesundheitszeugnis oder so etwas vorweisen? Sandra: Nein. Aber eigentlich muss man doch ein Gesundheitszeugnis haben, oder? Sandra: Weißt du’s? Äh, nein. Sandra: Ist eigentlich auch egal. Wir machen eh alles immer mit Gummi. Tragt ihr auch Handschuhe? Tatjana: Auch. Es gibt zum Beispiel Männer, die mögen’s anal. Wir haben auch immer Desinfektionsmittel, wenn wir irgendwas mit Dildo machen. Ein Gummi wird danach weggeschmissen und ein Dildo wird halt desinfiziert. Fühlt ihr euch sicherer, seit es so viele Kameras auf der Reeperbahn gibt? Sandra: Nein, die Kameras bringen eher nichts, aber die anderen Mädels sehen ja, mit wem wir mitgehen und wohin. Wir passen da schon eher gegenseitig auf uns auf. Wenn es Stress gibt, wird es laut und die Mädels kommen alle angerannt, um zu fragen, was los ist. Die meisten kann man ja allein mit Worten schon verscheuchen – und wenn dann so viele Mädels auf einem Haufen sind, möchte man auch nicht dazwischenstehen. Die Zukunftspläne von Sandra und Tatjana? Im zweiten Teil des Interviews auf der nächsten Seite.
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