08.07.2007 - 20:00 Uhr

0 74 Über Twitter weiterempfehlen

Was uns alle antreibt? Der Glaube an das "Funktionieren müssen"

Text: peter-wagner - Illustration: Dirk Schmidt

Wenn wir unser Leben nur dazu verwenden, gut zu funktionieren, läuft was falsch. Gedanken zum Prinzip Leistung und zu dem, was uns treibt

Als Klaus Hurrelmann, wieder ein Sozialforscher, Ende 2006 die Shell-Jugendstudie vorstellte, die er mitbetreute, sprach er von der „pragmatischen Generation“. 2 500 junge Menschen im Alter zwischen 15 und 28 Jahren waren befragt worden. „Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt.“ Hurrelmann definiert unter den Jugendlichen vier Wertetypen: Idealisten, Unauffällige, Macher und Materialisten. Bei den Studenten ist im Vergleich zum Jahr 2002 die Gruppe der Idealisten von 37 auf 31 Prozent geschrumpft. Die Gruppe der Macher wuchs von 22 auf 28 Prozent. Beim Gedanken, weiter durchhalten zu müssen ging es Simone immer schlechter. Sie bekam Migräne, Depressionen, hatte einen Bandscheibenvorfall. Sie besuchte eine Psychologin und kündigte schließlich. Heute arbeitet sie für ein anderes Unternehmen, sie hat Kollegen und sagt: „Der einzige Druck, den du dir machen kannst, kommt aus dir selbst.“ Dass Schüler, Studenten und Berufsanfänger heute mehr mit psychischen Problemen kämpfen, ist nicht ganz neu. Vergangenen Herbst klingelte man beim Deutschen Studentenwerk mit dem Glöckchen und verkündete, dass so viele Studenten wie nie zuvor die werkseigenen psychosozialen Beratungsstellen aufgesucht hätten. Vergangene Woche folgte aus gleicher Quelle die Meldung, dass immer mehr Studierende mit dem Burn-Out-Syndrom kämpften. „Wir haben eine massive Zunahme, was psychische Störungen angeht. Und Leistung ist dabei ein extremes Thema“, sagt Silvia Uhle, Leitende Psychologin an der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster. Uhle spricht von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Essstörungen und Depressionen. Vor allem die Eltern, sagt Silvia Uhle, haben Angst: Wenn das Kind kein Abitur macht, hat es womöglich keine Chance. Die Eltern wollen, dass es ihre Kinder so gut wie sie selbst haben. „Die Mütter wollen perfekt sein und erziehen mit allen möglichen Erziehungsratgebern“, sagt Uhle. „Die Noten, die die Kinder aus der Schule nach Hause bringen sind dann zum messen da: ’Hat es funktioniert?’“ Woher diese Folgsamkeit, das Leben nach den Prinzipien der Ökonomie zu ordnen? Haben wir keine anderen Ziele? „Händler hier!“ Der Mann am Telefon heißt Ernst-Wilhelm Händler und ist Schriftsteller und Philosoph und hatte einst eine Metallbaufirma. Heute schreibt er Bücher für die Bestsellerlisten. Eines heißt „Wenn wir sterben“ und im Klappentext steht: „Händler zeigt, wie die moderne Industriegesellschaft den Menschen entwurzelt und deformiert: Menschliche Existenz hat nur noch ökonomischen Sinn.“ Händler spricht von Menschen, die in einer Differenz zu sich selbst leben. Sie tun etwas anderes als das, was sie gerne wären. „Sie bekommen Aufgaben, denen man objektiv nicht genügen kann. Denen man aber genügen möchte.“ So wird das Leben bloß zu einem Abarbeiten von Anforderungen. „Im 20. Jahrhundert gab es politische Ideale oder Utopien. Sowas gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch ein Thema: Geld verdienen. Anforderungen.“ Mut zum Mittelmaß Händler glaubt, junge Erwachsene sind in einer Zwischensituation gefangen. In den Köpfen entdeckt er das Erbe des humboldtschen Systems. „Man hat früher nicht studiert, weil man was werden wollte. Man hat studiert, um sich zu bilden.“ Und jetzt, so Händler, „gibt es die volle Dröhnung aus der Wirtschaft.“ Bildungssystem und Wertigkeiten haben sich geändert, zwischen Humboldt und Ökonomie gibt es noch keine Vermittlung. „Wir stellen uns gerade erst um“, sagt Händler und spricht schließlich vom „Erbe der Romantik“, unter dem deutsche Studenten leiden würden. In einer Studie des Hochschul-Informations-Systems für die Wochenzeitung Die Zeit geben 88 Prozent aller befragten Studenten an, ihre Generation müsse flexibler und besser ausgebildet sein. Hingegen wollen nur 26 Prozent Karriere machen. Vielleicht beschreiben diese Zahlen die von Händler besprochene Differenz. Vielleicht redet man deswegen nur auf Partys leise von den Träumen, in denen man etwa mit guten Freunden ein Café betreibt. In Cafés geht das Leben, vermeintlich, einen langsameren Gang. Vielleicht sind Cafés das Gegenteil des Bologna-Prozesses. Silvia Uhle rät, im übertragenen Sinne, zur Café-Gründung. Sie verlangt von ihren Patienten etwas fast Ungehöriges: „Mehr Mut zum Mittelmaß.“ Ned Vizzini lanciert auf der letzten Seite seines Buches - da hat er die Psychiatrie inzwischen verlassen – einen simplen Aufruf. Er ändert sein Leben und fordert sich selbst und seine Leser auf, zu spielen, zu lieben, zu weinen, zu hüpfen. „Nimm diese Verben“, sagt er, „und genieße sie.“
Zurück Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
peter-wagner
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

peter-wagner unbekannt

peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München