06.07.2007 - 19:00 Uhr

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Fall für Zwei: Weltrettung oder Weltwerbung - der Fall "Live Earth"

Text: durs-wacker - dirk-vongehlen

Zwei Milliarden Menschen, Konzerte auf allen Kontinenten, ein Lineup mit der Creme de la Creme des Pop - das weltweite Konzert "Live Earth", das in der Nacht auf Samstag beginnt, soll die Erde gegen den Klimawandel mobilisieren. Was soll man davon nur halten?

Es gibt viele Gründe, gegen „Live Earth“ zu sein. Zum Beispiel, dass Shakira dabei singt. Oder dass in acht Städten in der ganzen Welt aberdutzende Künstler auftreten werden, die dafür durch die halbe Welt fliegen, mit ihrer Band, ihrem Manager, ihrem Toningenieur, den Freunden des Managers und deren Hund. Vielleicht lassen sie den Hund aber auch weg. Egal. Sie fliegen, um dann den zwei Milliarden Menschen, die sie insgesamt erreichen wollen, das Hohelied des Klimaschutzes vorzusingen, wofür der Großteil der Konzertgäste wiederum selbst von überallher anreist, mit Zug, Auto oder gar Flugzeug. 1A-Konzept. Ich wünsche mir als nächstes ein weltweites Anti-Hunger-Konzert, auf dem jeder Käufer einer Karte exklusiv mit den originalen letzten Lebensmitteln eines Verhungernden aus Afrika verköstigt wird, und zwar von magersüchtigen Models als Caterer, der Gewinn aber „zu 100 Prozent“ an Bedürftige geht.
Klimaschützer und Konzert-Veranstalter: Al Gore nach der Pressekonferenz im Londoner Wembley Stadion, wo der das Konzept von Live Earth am Donnerstag vorstellte. Foto: AP Auch spricht gegen Live Earth, dass hier ein Haufen Promis einen Almauftrieb des Egos veranstalten, an dem sie via Gutmenschen-Bonus und Image-Transfer selbst am meisten profitieren, selbstverständlich ausschließlich des guten Zwecks wegen. Aber vielleicht bin ich nur ein böser, böser Mensch, der alles zwanghaft zynisch sieht. Deswegen – alles geschenkt. Aber eine Sache, die lässt wirklich die Wut in mir hochsteigen. Das ist die Künstlichkeit dieser Veranstaltung. Was wird da passieren? Typen wie Xzibit, Yusuf Islam oder Jan Delay und Bands wie Linkin Park, die Beastie Boys oder die Red Hot Chili Peppers werden ihre üblichen Lieder in der üblichen Reihenfolge mit der üblichen Professionalität spielen. Nur zwischendrin, da werden sie ein bisschen ins Mikro rufen, dass wir alle die Welt retten müssen, und zwar jetzt, sofort, letzte Chance und so. Nichts gegen diesen Befund. Stehe ich voll dahinter. Aber wie schön diese Künstler und diese Bands das in ihr Alltags-Lineup einfügen werden, in ihre Standard-Playlists und die üblichen Stimmungs-Tricks, das ärgert mich: Hey, was machen wir denn heute? Ach, heute retten wir mal die Welt – und jetzt will ich eure Hände sehen! Ich dachte immer, dass ein Sänger oder eine Band, wenn ihnen etwas wirklich wichtig ist, wenn sie wirklich etwas umtreibt, wenn sie wirklich etwas quält, zu dem greift, was ihr ureigenstes Können ist – zur Kunst. Und dann ein Lied schreibt, zum Beispiel. Ein richtiges zorniges, aufwühlendes, die Menschen erreichendes Stück. Wie „If the kids are united“ von Sham 69 beispielsweise. Wie „Fight the Power“ von Public Enemy. Wie “Killing in the Name” von Rage Against the Machine. Oder wie einer der unzähligen anderen Songs, die jemand schrieb und spielte, weil ihn etwas in Wut, in Trauer, in Rage versetzte. Wo sind denn die Lieder gegen den Klimawandel? Wo ist der Künstler, den dieses Thema tatsächlich so angeht, so ergreift, dass er es zu seinem Thema macht? Wo? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Bei „Live Earth“ sind sie nicht.
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