23.06.2007 - 14:24 Uhr

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Aneckgefahr.

Text: moi_judita

[Eine Geschichte, die zu nichts führt.] Max Goldt hat ein Buch geschrieben: „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens.“ Sie hatte es nicht gelesen, aber letztens am Bahnhof plötzlich in der Hand gehalten. Sie hatte auf den Zug zurück nach Köln gewartet und die Tasche mit den anderen Büchern, die sie nie gelesen hatte, die aber anscheinend zum Studieren dazu gehörten, hatte so schwer auf ihrer Schulter gehangen, dass sie die aufkommende Wirbelsäulenverkrümmung praktisch millimetergenau wahrgenommen hatte. Diesem Zauber würde ich gerne erliegen, hatte sie gedacht und sich gleichzeitig gefragt, ob jetzt irgendjemand, der das Buch kannte, darüber lachen würde, weil es vielleicht völlig am Thema vorbei war. Aber es war tatsächlich so, dass sie sich wünschte, überall einfach seitlich dran vorbeigehen zu können. Ihr ganzes Leben war gerade ein einziger Versuch, sich überall seitlich, mit eingezogenem Bauch und verkrampft, an die Seite gepressten Armen, vorbei zu schieben. Sie eckte trotzdem überall an. In ihrem Kopf. Stieß sich an Nil-Zigaretten und Halstüchern und Sonnenaufgängen auf Terrassen unterhalb von Bahndämmen und letzten Worten und letzten Malen. Irgendwann hatte sie das Buch zur Seite legen müssen – sie hatte sich nur das bunte und recht chaotische Cover angeschaut und noch nicht mal den Klappentext gelesen – um in den Zug 15.52 Uhr nach Köln-West zu steigen. Der 52er war einer der wenigen übrig gebliebenen klapprigen Züge, in denen man die Fenster noch runterschieben konnte und es höllisch laut wurde, wenn jemand vergessen hatte die Abteiltür zu schließen, was eigentlich ständig passierte. Sie saß dann auf einem der durchgesessenen Sitze, die Knie zusammengepresst und hörte viel zu laut Musik durch ihre Stöpsel, deren Kabel sich langsam vom Stecker zu lösen begann. Es störte sie nicht sonderlich, dass das Mädchen in dem Poloshirt und irgendeinem juristischen Vorlesungsskript – natürlich - sie böse anstarrte. Es störte sie nur, dass dieses Mädchen mit den exakt blond gesträhnten Haaren, gleich sehen würde, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie hatte wieder mal die Arme nicht fest genug an sich gepresst und sich gestoßen. Der falsche Song quälte sich gerade digital durch das Kabel, hinauf in ihre Kopfhörer und in ihre Ohren. Das Lied hatte ein Junge geschrieben, über ein Mädchen. Und es war ja eigentlich umgekehrt. Aber sie hatte es vor einem Monat gehört, nachdem sie sich an der Ecke am Backwerk von ihm verabschiedet hatte. Nach fast drei Tagen, in denen sie zusammen die Welt ausgesperrt hatten. Sie kannte den Text auswendig und sang jetzt in Gedanken mit zittriger Stimme mit. In the sky the birds are pulling rain In your life the curse has got a name Makes you lie awake all through the night That's why She's intoxicated by herself Everyday she's seen with someone else And every night she kisses someone new Never you You're waiting in the shadows for a chance Because you believe at heart that if you can Show to her what love is all about She'll change She'll talk to you with no one else around But only if you're able to entertain her The moment conversation stops she's gone Again Das Toxic Girl war zwar ein Toxic Boy und geküsst hatte er sie sehr wohl und zwar viel zu oft, viel zu lange und viel zu gut, aber die Tränen musste sie jetzt trotzdem wegblinzeln, damit das Juramädchen schräg gegenüber nicht aus ihrer rationalen Welt der Paragraphen und reichen Eltern gerissen wurde. Sie hielt durch. Selbst in der U-Bahn, selbst dann als sie am Backwerk vorbei lief. Sie schaffte es den ganzen restlichen Tag, nicht anzuecken. Wohl in erster Linie, weil sie acht Stunden vor ihrem altersschwachen Computer saß und auf ihrer dreckigen Tastatur Geschichten über Menschen schrieb, die noch trauriger waren als sie.
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