23.06.2007 - 14:24 Uhr

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Aneckgefahr.

Text: moi_judita

Den nächsten blauen Fleck holte sie sich dann abends, als sie den Fehler beging, den Fernseher einzuschalten. Beim durchzappen entdeckte sie Dittsche auf WDR. Zuerst wunderte sie sich nur, warum Dittsche mitten in einer Dienstagnacht, die schon fast eine Mittwochnacht war, lief. Denn eigentlich gehörte Dittsche zum Sonntag. Es war eine Wiederholung, aber das war dann auch egal, als sie an einen Sonntag vor fünf Wochen dachte und an das letzte Mal schlafen mit ihm. Als sie fertig waren, hatte sie durch den Spalt der halb geöffneten Schlafzimmertür geschaut und dem Fernseher und Dittsche beim wirklich wahren Leben leben zugeschaut. Und dann fragte sie sich, ob sie die Pille heute schon genommen hatte und dann fiel ihr die Frage ein, ob er auch mit ihr ohne Kondom schlief und daraufhin schaltete sie den Fernseher wieder aus und verbrachte die Nacht damit ihre Tränen wegzublinzeln. Es war tatsächlich erst fünf Wochen her, dass sie in Unterhosen die freien Tage auf seinem Sofa verbracht hatten. Ihr hatte irgendwann der Bauch weh getan, vor lachen, weil er sie ständig auskitzelte. Das tat er gerne und obwohl es anstrengend war und sie kaum noch Luft bekam, mochte sie es aus. Es war ihr kleines Ritual. Andere Paare, wobei sie natürlich nie ein Paar gewesen waren, gingen Sonntag morgens spazieren oder schmierten sich gegenseitig ihre Stullen für die Arbeit, er kitzelte sie aus und sagte ihr, dass sie dann so süß sei und sie sagte ihm, dass sie ihn hasse und meinte natürlich das Gegenteil, was sie aber nicht sagen durfte. Er wusste auch so, was sie meinte. Seit diesem Wochenende durfte sie auch kein Spongebob mehr gucken, keine gebratenen Nudeln mehr essen oder kiffen. Aneckgefahr. Es war tatsächlich erst zwei Wochen her, dass er mit oder ohne Kondom mit einer Anderen geschlafen hatte. Vielleicht aber auch schon vorher, das wusste sie nicht. Seitdem durfte sie nicht mehr an seine Matratze unter dem Baum aus Abtönfarbe denken. Oder an Ikea, da hatte er sie nämlich vor der Wand mit den Ivar-Regal-Teilen mal hochgehoben, was sie nicht mochte, weil sie Höhenangst hatte, aber trotzdem doch sehr, weil sie sich so beschützt fühlte. Oder an ihren kleinen Basilikum im Tontopf auf der Fensterbank, aber sie musste ihn ja gießen, weil er konnte ja auch nichts dafür. Oder an die ungefähr hundert Nächte mit ihm. Verboten waren auch tätowierte Mädchenarme, Musik von Isis, der Supermarkt bei ihm um die Ecke und Pizza backen. Sie dachte in dieser Nacht viel zu oft an die verbotenen Sachen. Und irgendwann, als der Regen draußen langsam in Nieseln überging und unten im Hof die ersten Hausbewohner ihre Fahrräder aufschlossen, überlegte sie sich was sie ihm sagen wollte, wenn sie ihn zum ersten Mal wieder sehen würde. Das würde bald passieren. Denn die Stadt war in den viereinhalb Jahren, die sie hier wohnte, zum Dorf geworden und er war schon immer ihr Nachbarsjunge gewesen. „Arschloch.“ war ein profaner, aber trotzdem guter, Anfang, überlegte sie sich. Weil er es nämlich nicht leiden konnte, wenn sie ihn so nannte, weil er wusste, dass sie Recht hatte. Irgendwie. Mehr viel ihr nicht ein. Sie, die die Tage damit verbrachte, kleine schwarze Buchstaben in virtuelle Dokumente zu setzen, um damit den Leuten, wer auch immer sie waren, etwas zu erzählen – ihr fiel nichts ein. Vielleicht lag es daran, dass sie sich zu dumm vorkam. Sie hatte doch gewusst, dass es wieder passieren würde. Es war schon so oft passiert und sie kannte ihn doch. Nach einer Versöhnung irgendwann vor Weihnachten, als er sagte, er hätte sie vermisst, da hatte sie trotzdem gewusst, dass es wieder andere Mädchen geben würde. Aber es ist nun mal so: Egal wie sehr man sich mental auf so etwas vorbereitet, es ist trotzdem immer so, als würden Bomben aufs eigene Hausdach krachen. Sie mochte eigentlich keine Kriegs-Metaphern. Love is a battlefield – Quatsch. Totaler Blödsinn. Überhaupt war Liebe hier das falsche Wort. Noch größerer Blödsinn. Sie dachte lieber wieder über den „Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“ nach und zog den Vorhang zur Seite. Die Nacht war endgültig überstanden und komischerweise hatte es gerade aufgehört zu regnen. Ein Keil blauen Himmels hatte sich zwischen die Wolkendecke geschoben. Wie scheiß kitischig, dachte sie. Und überlegte gleichzeitig, dass es aussah, als würde das blaue Dreieck von ihrem Haus bis zu seinem hinter dem Bahndamm reichen. Noch kitschiger und schon wieder angeeckt. Also ging sie zum Plattenspieler, ihrem alten Chauvi, der immer gestreichelt werden wollte, damit er funktionierte. Der dritte Song auf der ersten Seite der Platte, endete mit: It’s too late, now.
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