24.06.2007 - 19:00 Uhr

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Ich kann das nicht mehr sehen!

Text: david-weigend - Illustrationen: katharina-bitzl

Die Begeisterung ist groß, die Lust noch größer – doch plötzlich ist alles vorbei: Was man gerade noch großartig fand und stunden-, tage-, wochenlang betrieb, verliert plötzlich den Reiz. Man hat sich sattgesehen, sattgespielt, sattgehört. Ein Streifzug durch verlorene Leidenschaften.

World of Warcraft Vor einem Jahr ist Daniel Matschijewsky ein Mensch gewesen, der mindestens sechs Stunden pro Woche in der „World of Warcraft“ (WoW) gelebt hat. Daniel, 25, ist Redakteur bei der Computerspiel-Zeitschrift Gamestar. Seine berufliche Aufgabe, das Online-Rollenspiel WoW zu testen und zu beobachten, hat sich rasch mit privater Spielleidenschaft vermischt. Zwar war Daniel nie einer jener bleichen Warcraft-Abhängigen, die in letzter Zeit zu beliebten Objekten von TV-Journalisten avanciert sind. Aber Daniel war einer, der sich bis Level 54 hochgekämpft hat. Er hat sich fesseln lassen von einer fantastischen Zweitwelt und diese Fixierung mit acht Millionen Menschen auf der Erde geteilt. Doch dann hat Daniel das Interesse verloren. Im Januar hat er sich abgemeldet. Er sagt: „Ich kann doch nicht zwei Jahre am Stück das Gleiche spielen.“ Daniel war nicht mehr bereit, abends, nach der Arbeit, vier bis fünf Stunden vor dem Rechner zu hocken, um mit seinen Gildenkameraden Drachen zu töten.
Die amerikanische Firma „Blizzard Entertainment“ brachte WoW am 11. Februar 2005 auf den Markt. Eine kleine Revolution. „WoW hat das Online-Rollenspiel salonfähig gemacht und vom Mief des Nerdigen befreit“, sagt Daniel. Das Spiel ermöglicht perfekt programmierte Alltagsflucht, die bei vielen Spielern auch zu Realitätsverlust führt. Den hat Daniel nicht erlitten. Aber er hat erlebt, wie das weitläufige Treiben auf dem Spielkontinent Azeroth seine Zeit mehr und mehr gefressen hat. „Je besser du wirst, desto umfangreicher werden die Missionen, die du erfüllen musst. Und weil dir dein Charakter immer mehr ans Herz wächst, willst du mit ihm alles erleben, was nur möglich ist.“ Drei Feierabendstunden Worldcraft-Klopperei war in Daniels intensiver Spielphase etwas Normales. Im Januar ist „Burning Crusade“ erschienen, die Fortsetzung von WoW. Noch komplexer, noch vielfältiger sollte sie sein. Daniel vermutete vor der Veröffentlichung: „Jetzt geht der ganze Wahnsinn wieder von vorne los.“ Doch der Wahnsinn blieb aus. Natürlich sei das Erweiterungspaket ein hervorragend gemachtes Spiel – „für mich aber eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Ich habe es komplett ignoriert.“ Daniel hatte sich sattgespielt. Zwei Jahre lang hat er in der WoW Aufträge ausgeführt, die er im Nachhinein als eindimensional bezeichnet: „Töte mir diesen, eskortiere mir jenen, sammle mir das da. Die Liste der Aufgaben, die der Computer dir stellt, ist stark begrenzt.“ Zuerst kam die Langeweile, dann die Distanz, schließlich die Abmeldung. Der Kick ist weg. Daniels Bildschirm ist vielleicht ein wenig zu voll geworden mit all den Energiebalken, Chatfenstern, Goldsäckchen und Vergeltungsflammen, die doch alle bloß dem Ziel dienen, in einer Pixelwelt mehr Macht zu erlangen und aufzusteigen. „Das Prinzip von Aufgabenstellung und Belohnung ist zwar sehr einfach und einsteigerfreundlich. Aber es nutzt sich auch relativ schnell ab.“ Daniel ist nicht der Einzige, der sich ausgeloggt hat. In der Gamestar-Redaktion gibt es nur einen, der sich noch ernsthaft mit „Burning Crusade“ auseinandersetzt. Das abnehmende Interesse an WoW hängt aber auch damit zusammen, dass die konkurrierenden Spieleentwickler ständig neue Reize schaffen. Ende April ist das Online-Rollenspiel „Herr der Ringe“ erschienen. Daniel mag es, trotz seiner Warcraftmüdigkeit. „Herr der Ringe ist technisch auf solch einem hohen Niveau, dass WoW dagegen fast schon wieder antiquiert wirkt.“ Wenn man Daniel nach dem Namen seines alten Warcraft-Helden fragt, muss er ziemlich lang überlegen. Dann fällt er ihm doch ein: „Ach ja, Lothrich, der Jägerzwerg. Lang ist’s her.“ Mit diesem Avatar hat Daniel Tage verbracht, Untote getötet und Piratenbuchten durchschwommen. Trotz allem war Lothrich nur eine Figur – deren Name er nach fünf Monaten fast vergessen hat. Momentan ist Daniel damit beschäftigt, seinen Hobbitjäger Nimweis im „Herrn der Ringe“ hochzuleveln. Er ist sich aber sicher, dass auch dieses Spiel eines Tages seinen Reiz verloren haben wird. „Es gibt nur ganz wenige Action-Rollenspiele, die eine bestimmte Zeitspanne überdauern.“ Schließlich sei die Arbeitsweise der Spielemacher seit der Erfindung des schnelllebigen Genres dieselbe geblieben: „Sie warten, bis der Spieler die ganze Welt gesehen hat und liefern dann neues Material.“ Wegen dieser Nachschubstrategie, die in immer stärkerer Frequenz praktiziert wird, sei es auch immer weniger Anbietern möglich, auf dem Markt der Durchzockwelten zu bestehen. Zudem sorgt die Konkurrenz dafür, dass Spiele, in die die Spieler viel Zeit gesteckt haben, plötzlich von der nächsten Leidenschaft abgelöst werden. „In einem Jahr wird wieder der Zeitpunkt kommen, an dem ich das Ding leergespielt habe.“ david-weigend Selbst von Klatsch und Tratsch kann man mal genug bekommen. meredith-haaf erklärt auf der nächsten Seite warum
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