Bis zum Äußersten: Hamburger Studenten verweigern Uni-Gebühr
Text: friederike-knuepling
Nachdem in diesem und dem vergangenen Semester an fast 40 deutschen Hochschulen Studiengebührenboykotts aufgrund zu geringer Beteiligung abgebrochen wurden, haben nun erstmals Studierenden an zwei kleinen Hamburger Hochschulen vor, den ganzen Weg zu gehen: An der Hochschule für bildende Künste (HfbK) und an der zur Hochschule für Musik und Theater (HfMT) gehörenden Theaterakademie wollen die Nichtzahler ihre Gebühren endgültig ihren Hochschulen vorenthalten und sie dadurch zu Verhandlungen über die Hochschulfinanzierung zwingen.
Die 291 Boykottbereiten an der HfbK und die 89 Nichtzahler an der Theaterakademie nehmen damit einerseits die Herausforderung an, etwas gegen die Studiengebührenregelung zu unternehmen, und gleichzeitig ein Wagnis auf sich: formal dürfen die Hochschulen alle Studierenden, die ihre Gebühren nicht fristgerecht zahlen, exmatrikulieren.
Johanna Fülle, 25, studiert Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Ihr Fachbereich, die Theaterakademie, boykottiert mit 89 Nichtzahlern, die zusammen etwa drei Viertel aller Studenten der Theaterakademie ausmachen. Ein Gespräch über Mut, Nebenjobs und Eil-Exmatrikulationen
Ihr wagt jetzt den Boykott. Habt ihr das entschieden, als ihr noch dachtet, ihr hättet einen Riesen wie die Uni Hamburg an eurer Seite, der Euch stärker gegen das Exmatrikulationsrisiko absichern könnte?
Anfänglich waren wir schon davon ausgegangen, dass wir unseren Boykott an den der anderen Hochschulen koppeln. Als dann klar war, dass außer uns nur die HfbK den Boykott durchzieht, haben wir in einer Art Sturm-Vollversammlung entschieden, weiter zu machen. Wir sind momentan eben so etwas wie ein kleiner Stamm von Galliern, der in einer Welt, die Studiengebühren zahlen muss, nicht aufhört, Widerstand zu leisten: Wir sind 89 Studenten, die boykottieren. Das sind drei Viertel der Studenten der Theaterakademie. Solange diese 89 dabei bleiben – und danach sieht es zur Zeit aus – glauben wir nicht, dass die Theaterakademie uns so einfach rauswerfen und damit auch die meisten ihrer Professoren auf die Straße setzen wird.
Wie seid Ihr organisiert?
Die Besonderheit an unserem Boykott ist, dass wir kein gemeinsames Treuhandkonto haben. So etwas einzurichten, hätte Gebühren gekostet, die wir uns nicht leisten können, und dann hätten noch nicht mal alle darauf überweisen können – weil sie die 500 Euro nicht aufbringen können. Darum geht es ja beim Boykott. Wir wollen zeigen, dass sich Manche das Studium einfach nicht leisten können, wenn es noch mehr Geld kostet als bisher schon. Das ist nicht gerecht!
Schauspiel-Studenten protestieren: Christiane Boehleke, Dominik Lindhorst, Alexander Scala und Johanna Fülle (von links). (Fotos: oh)
Eure Boykott-Gemeinschaft basiert also nur auf Vertrauen?
Im Grunde schon. Wir sind nicht unübersichtlich viele wie an den großen Unis, die mit der Vereinzelung der Studenten einen ganz anderen Ausgangspunkt für die Boykottversuche haben als wir: Wir kennen uns sehr gut untereinander. Deshalb können wir Neuigkeiten rasend schnell an alle verbreiten und ständig miteinander sprechen und so dafür sorgen, dass alle zusammenbleiben und das Vertrauen nicht verlieren. Der Solidaritätsgedanke geht so weit, dass wir uns im Notfall gegenseitig mit Geld aushelfen oder mal für ein paar Wochen ein Zimmer teilen können. Dieser Zusammenhalt ist uns wichtig und die Voraussetzung für einen Boykott ohne Absicherung durch ein Treuhandkonto.
Darüber hinaus haben wir aber auch abgemacht: Falls einer Muffensausen bekommt und seine Studiengebühren nun doch an die Uni überweisen möchte, muss er sich vorher melden. So steht es in der Absichtserklärung, die wir alle unterschrieben haben, damit etwaigen Wankelmütigen ein Schriftstück unter die Nase gehalten werden kann, damit sie ihre Meinungsänderung noch mal am Papier überprüfen können. Trotzdem können wir natürlich niemanden zwingen mit zu boykottieren, oder den ganzen Weg bis zum Ende mitzugehen.
Wie groß ist Eure Angst vor Exmatrikulation?
Natürlich haben wir Angst – aber nicht zu große. Schließlich haben wir das Hochschulgesetz auf unserer Seite. Danach kann kein Student, der eine Semesterbescheinigung für das laufende Semester hat, vor dem Semesterende am 30. September exmatrikuliert werden. Zudem muß er oder sie sofort nach Einzahlung der fälligen Gebühren wieder immatrikuliert werden. Juristisch sind wir also ordentlich immatrikulierte Studenten, obwohl wir die Studiengebühren für das aktuelle Semester zurückhalten. Dass der Hamburger Wissenschaftssenator Dräger, wie wir gehört haben, jetzt eine Art Eil-Exmatrikulation aller Nichtzahler durchsetzen möchte, ist deshalb rechtswidrig und könnte ihm große Schwierigkeiten bereiten.
Warum muss die Künstlerausbildung umsonst sein? Und was hat Monica Bleibtreu mit dem Protest zu tun? Teil zwei des Gesprächs auf der nächsten Seite.