20.06.2007 - 19:00 Uhr

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Kann ich das auch? Der Crashkurs in moderner Kunst

Text: lenz-jacobsen

Die Documenta in Kassel, Deutschlands größtes Kunstevent, hat ihre Tore geöffnet, die Art Basel ihre wieder geschlossen, auch sonst ist Kunst auf allen Kanälen. Trotzdem stehen tausende Kunstlaien ratlos vor Installationen und abstrakten Objekten. Dr. Christian Saehrendt hilft: Er erklärt die Absurditäten des Kunstbetriebs und hilft, gute Kunst von schlechter Kunst zu unterscheiden.

Warum hört sich Reden über Kunst immer so geschwollen an? Das liegt an der elitären Haltung des Kunstbetriebs. Das absurde ist ja: Die wollen oft gar nicht, dass man sie versteht. Ihre hochgestochenen Interpretationen verdecken nur, wie flach ein Kunstwerk eigentlich ist. Ein Beispiel: Die Mexikanerin Theresa Margolles hat die gepiercte Zunge eines erstochenen Punks gekauft. Sie hat der Familie das Begräbnis bezahlt und dafür die Zunge bekommen. Die hat sie präpariert und ausgestellt. Damit nutzt Margolles zum einen die Situation der Angehörigen aus und eklig ist es auch noch. Aber man kann natürlich auch sagen: sie will uns mit der nötigen Brutalität auf die elenden sozialen Bedingungen im Norden Mexikos hinweisen. Eine Interpretation findet man immer. Nur hier ist doch offensichtlich, dass es vor allem um den Schockeffekt geht. Man darf sich von diesem Blabla nicht verwirren lassen. Aber steht man nicht als Banause da, wenn man zu einem abgefeierten Künstler sagt: Das finde ich doof, was der macht? Nein, man muss seiner eigenen Meinung vertrauen. Kunst ist ja eine sehr emotionale Sache, ähnlich wie Musik. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann gefällt es mir eben nicht. Punkt. Es ist allerdings ein Problem, gerade in Deutschland, dass Kritik an moderner Kunst tabuisiert wird. Man steht als reaktionär da. Dadurch wird die Lücke zwischen Publikum und Kunst immer größer. Der Kunstbetrieb will mit dem einfachen Volk nichts zu tun haben. Nun boomt der Kunstmarkt ja schon seit Jahren, die Preise steigen stetig. Zu Recht? Ach, mich nervt dieses Abfeiern immer neuer Rekordpreise und die Lobhudelei gegenüber prominenten Sammlern. Es wird so getan, als hätte jeder einzelne Mitspieler im Kunstbetrieb eine kulturelle Mission. Da werden Kunsthändler als besonders geschmackvolle und edle Menschen dargestellt. Dabei ist das vor allem ein Markt, auf dem es um viel Geld geht. Mit dem Kern von Kunst hat das herzlich wenig zu tun. Was ist denn der Kern von Kunst? Kunst ist ein Experimentierfeld für Ideen, und ein Ort geistiger Freiheit. Kunst ist ein Laboratorium für Ideen, die dann später in der “realen“ Welt, in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, auch wichtig werden. Und es kann ein ästhetisches Vergnügen sein. Nehmen wir an ich habe einen Nachmittag Zeit, um mich mit Kunst zu beschäftigen. Was würden Sie mir raten? Wenn sie kein absoluter Kunstneuling sind, also schon ein paar mal in Ausstellungen waren, dann besuchen Sie Galerien. Das ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, einen Zugang zu Kunst zu finden. Galerien sind nicht so überfüllt wie die großen Sonderausstellungen. In den großen Museen der Welt herrscht eine Art Monokultur von 30-40 Starkünstlern. In den Galerien gibt es noch ein echtes breites Spektrum zeitgenössischer Kunst. Und das wichtigste: Man kann die Galeristen mit inhaltlichen Fragen löchern. Die haben genug Ahnung und meist auch Zeit. Außerdem ist der Eintritt frei, und auf Vernissagen kann man zusätzlich noch Wein und Edelhäppchen abstauben. In Kassel beginnt gerade die Documenta mit Ausstellungen im ganzen Stadtgebiet. Wie kann ich verhindern, dass mich die pure Masse der Kunst erschlägt? Zuerst Eintrittskarten und Kurzführer vorher kaufen, sich übers Internet schlau machen. Das erspart lange Schlangen und zielloses Umherirren. Sich auf die Sachen konzentrieren, die einen am meisten interessieren. Und wenn man nicht mehr kann: Pause machen oder nach Hause fahren. Bei einer Ausstellung ist das wie bei einem Film: Ich bin zwar totmüde, will aber unbedingt noch sehen wie es ausgeht. Nur: Wirklich hängen bleibt davon bis zum nächsten Morgen meist nichts mehr. Drei empfehlenswerte Projekte für Kunst-Laien: Reclaim the Arts - Jugendliche zeigen's Jugendlichen: Berliner Jugendliche führen Gleichaltrige durch Museen Die Welt bewohnen: Schüler führen Erwachsene über die documenta Junge Freunde Kunstmuseen: Netzwerk junger Kunstfans aus ganz Deutschland Dr. Christian Saehrendt hat zusammen mit Steen T. Kittl das Buch Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst geschrieben. Es ist im Dumont Kunst und Literaturverlag erschienen und kostet 14,90 Euro. Der studierte Künstler Saehrendt arbeitet als Dozent und Autor in Berlin.
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