we are nowhere and it's now
Text: ally1983
valerie:
diese geschichte beginnt irgendwo, aber sie wird niemals ein ende haben und mittendrin begegne ich heute meinem 9jaehrigen ich.
es ist eine begegnung am meer. am meer, wo irgendwie alles beginnt und endet, ein ewiger kreislauf. im meer und seiner geheimnisvoll glitzernden unterwasserwelt, ich suche atlantis und finde das maedchen. das maedchen traegt einen blauen, von der sonne ausgebleichten badeanzug und eine kette mit einem gruenen plastikseestern um den hals. (damals, 1992, hatte jeder in italien irgendsoeinen anhaenger.) die manic street preachers sangen 'motorcycle emptiness' und das maedchen und ihr bruder spielen street fighter an den bunten automaten, obwohl es verboten ist. es ist sehr aufregend. street fighter und mint eis und ein ausflug zu den felsen, wo die krebse leben. aber am allerliebsten: alleine am strand. ganz alleine am strand, fantasieworte ueber bekannte melodien singend, muscheln suchen. die besten muscheln findet man nie, sie finden einen. sie liegen im sand, von wellen umspuelt und leuchten. endlos, diese gaenge am meer entlang. ueber mir die sonne, so viele schatten wirft sie und versteckt ihren eigenen. hat sie nicht auch eine dunkle seite? das maedchen hat eine zahnluecke und haarspangen. die wellen rollen heran, leise und gleichmaessig atmet das meer.
alexandra:
ich entdecke ein buch bei feltrinelli. es ist die geschichte einer frau, die im urwald aufwaechst und mit 17 jahren zum ersten mal in die westliche zivilisation kommt. als kind lebte sie im 'verlorenen tal'. wunderschoener name. das verlorene tal, wie viel kann sich dahinter verbergen? und sie schreibt wie verwirrt sie ist und traurig, weil sie nie weiss wohin sie gehoert und ihre seele sie mal da und mal dorthin zieht. ich verstehe sie. meine geschichte ist eine andere, jede geschichte ist anders, und doch verstehe ich die frau und ich betrachte die kinderbilder von ihr in dem buch. sie sitzt zwischen unendlich gruenen baeumen an einem fluss. sie hat pfeil und bogen in der hand und ihre augen sind strahlend blau.
ich komme vom training heim und stehe auf dem balkon. es wird langsam dunkel. unten in den strassen sind die lampen schon an und die scheinwerfer der autos..aber oben, dort wo ich stehe ist der himmel noch hell, ganz schwach zeichnen sich die ersten sterne ab und der abendwind kuehlt den schweiss auf meinem gesicht.
ich weiss alles ueber das leben. ich weiss nichts ueber das leben.
simone:
der arzt hat gestern angerufen. ich sei kein notfall, meinte er und deswegen koenne er mich noch nicht einweisen lassen. ich wuerde noch ein bisschen zuviel wiegen dafuer. ich wiege 42kg.
in rom merkte ich zum ersten mal richtig, was mit mir passiert ist. in der umkleidekabine, als ich das gelbe kleid anzog und alexandras augen sich mit traenen fuellten und ich entsetztfragte, was los sei. sie meinte ich solle mich mal anschauen. und dann schaute ich mich an. zum hundertsten mal an diesem tag. und zum ersten mal.
ich sah all meine rippen und die einzelnen wirbel meiner wirbelsaeule und meine wangenknochen. das xs-kleid hing wie ein kartoffelsack an mir herab. mein kopf fuehlte sich schwindeliger an als sonst. normal habe ich dieses leichte flatternde gefuehl im kopf, als ob sich darin ganz viele woklen befaenden. und wenn ich gehe ist es als wuerden sie herausgelassen und ich koennte darauf gehen.
aber jetzt, jetzt bin ich gelandet. ich wollte nicht, aber es ging nicht anders. ich bin 21 jahre alt. ich bin 21 und alle meine freunde sind abgehauen und ich hasse meine arbeit. ich klinge wie ein pubertierender teenager, aber so ist es. es ist so einfach. es ist so schwer. mir entgleitet alles. ich wollte doch nur die kontrolle wiederbekommen, wenigstens ueber einen kleinen teil meines lebens. meine mutter weint im wohnzimmer. sie hat mir ein brot gebracht und ich habe mich dazu zwingen muessen, die haelfte zu essen. mein koerper ist ein gefaengnis. 'aber dein geist hat den schluessel' ich hoere arcade fire. es ist alles vollkommen verrueckt. alles. alexandra ruft mich an. sie erzaehlt von augusta und ihrem geheimen ort im kleiderschrank. und dass augusta die augen schliesst, wenn alexandra sie hochhebt und herumwirbelt. 'es ist dann genau wie fliegen', sagt sie.
valerie, alexandra und simone breiten die arme aus. stehen sie auf einem hochhaus? natuerlich nicht.
das waere ja traurig. das waere ja das ende.
aber es gibt kein ende. niemals.
die geschichten fliessen ins meer und treffen dort aufeinander, und was sie hervorbringen, wird an den strand gespuelt.
viele geheimnisvolle dinge koennen einen dort finden.
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12.06.2007 - 09:38 Uhr
RegenimSommer