03.06.2007 - 19:45 Uhr

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Zwischen Sambagruppen und Rauchschwaden: Bei der Demo in Rostock

Text: anke-luebbert - Fotos: anke-luebbert

Am Samstag fand in Rostock die Großdemonstration des Bündnis gegen den G8-Gipfel statt. Am Rande der Abschlusskundgebung kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen teils vermummten Autonomen und der Polizei. Fast 1000 Menschen wurden dabei verletzt, unter ihnen 433 Beamte, 30 von ihnen schwer. Zehntausende demonstrieren aber friedlich.

Anke Lübbert war am Samstag in Rostock dabei und berichtet für jetzt.de diese Woche aus Heiligendamm.

„Die wollen Gewalt sehen. Aber die wahren Gewalttätigen treffen sich in Heiligendamm.“ Es ist kurz vor 13:00, die Demoleitung meldet sich abwechselnd auf Deutsch und Spanisch, verwehte Musik und der Platz vor dem Rostocker Hauptbahnhof ist voll und wird immer voller. Ständig kommen Züge an, Leute drängen aus dem Bahnhof nach draußen. Rote Luftballons, bunte Fahnen, Plakate, T-Shirts, alles flattert im Westwind, es nieselt. Lauter als die Redebeiträge und die Musik aus den Lautsprechern knattern zwei Hubschrauber über dem Versammlungsplatz.
„Beeindruckend“ finden Magali und Max die Szene. Sie liegen in der Nähe einer S-Bahnhaltestelle im Gras auf ihren Rucksäcken und sind gelassen, weil sie die Zugfahrt in der völlig überfüllten Bahn aus Berlin schon hinter sich haben. Die beiden finden sich eigentlich ziemlich unpolitisch. „Aber wir sind hier, um zu zeigen, dass Menschen in Deutschland auf die Straße gehen, dass wir es nicht gut finden, dass die acht größten Industrienationen einfach darüber bestimmen, was die ganze Welt angeht.“ Außerdem macht es auch Spaß, es hat was von Party“, sagt Max. Auf einem Plakat steht „Hunger macht böse“, es riecht nach frisch gemähtem Gras und ein paar Meter von Magali und Max entfernt tanzt und trommelt eine Sambagruppe.
Max und Magali Kurz bevor es losgeht, informiert die Demoleitung darüber, dass noch nicht fest steht, ob die geplanten Demonstrationen am Flughafen Laage erlaubt werden oder nicht. „Aber egal, wir werden dort auf jeden Fall demonstrieren, und wir werden den Flughafen auch blockieren!“ Aus allen Richtungen kommt verhaltener Applaus, Klatschen, Pfiffe. Die Leitung hat es schwer, etwas zu formulieren, das die Mehrheit hier anspricht. Alle sind gegen den G8 Gipfel, dann aber enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Hier demonstrieren linke Parteien, Gewerkschaften, Ökos, Friedensaktivisten, Eine Weltgruppen, die Leute von attac und Autonome.
Die Mehrheit ist unter Dreißig und viele gehören zu keiner Gruppe dazu, sie sind einfach sauer und wollen beim Gipfelprotest dabei sein. Die Autonomen sind durchschnittlich noch jünger, fast alle sind unter 25 Jahre alt. Sie formieren sich in ihrem Block, setzen Sonnenbrillen auf, vermummen und verschanzen sich hinter ihren Bannern. Und dann geht es los, langsam setzt sich der Zug in Gang, vorne bunt, dann der schwarze Block, dann wieder bunte Fahnen und rote Ballons. Auf einer Autobrücke drängen sich Fotografen – von hier oben hat man gute Sicht auf den Demozug. Die Fotografen werden von Polizisten flankiert, die sie nach unten abdrängen wollen. „Bitte stoppen sie die Übergriffe auf die Presse da oben!“ der Mann an der Spitze des Zuges beruft sich auf die Pressefreiheit, lässt den Zug anhalten und bittet die Polizisten, die Fotografen in Ruhe zu lassen. Tatsächlich hilft das. Die Polizei nimmt Abstand, der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Die Pressefreiheit wird nicht nur aus den Reihen der Polizei in Frage gestellt, auch einer der Vermummten schlägt wütend einem Fotografen die Kamera aus der Hand. Im autonomen Block werden Signalraketen gezündet, Flaschen landen klirrend auf der Straße. Unter der Straßenbrücke riecht es nach Sylvester und es ist klaustrophobisch eng. Ob hier 30 000, 50 000 oder 80 000 Menschen demonstrieren lässt sich schwer abschätzen, es sind viele.
Harald und Andreas sind 26 und 28 und aus Berlin, sie haben ein selbst gemaltes Banner dabei, auf dem sie Benjamin Franklin für die freiheitlichen Grundrechte sprechen lassen. Sie antworten nicht sofort auf die Frage, weshalb sie hier sind und als sie dann doch etwas sagen, wird es ein nachdenkliches Gespräch. Letzten Endes, erklärt Harald schließlich, sind wir wahrscheinlich dafür, die Ungerechtigkeit der Geburt auszugleichen. „Wir haben das große Los gezogen, in Bangladesh zieht jeder Säugling erstmal eine Niete.“ Würde das nicht auch heißen, dass sie auf viel verzichten müssen? Dafür hat Harald auch keine Lösung, aber handeln kann man schon glaubt er, er kauft Ökoessen und fair gehandelten Kaffee. Gegen 15:30 erreicht der Demozug den Hafen, hier soll die Abschlusskundgebung stattfinden. Während des ganzen Marsches waren kaum Polizisten zu sehen, jetzt tauchen sie auf, mit Helmen und am ganzen Körper gepanzert. Der Hubschrauberlärm wird wieder lauter, die Lautsprecher verstummen. Was genau passiert ist, ist nicht ganz klar, jemand ruft: „Da vorne sind Nazis“, jemand anderes: „Nee, das sind nur die Bullen.“ Leute rennen kreuz und quer, verzerrte Gesichter, die Autonomen verlassen ihre Formatierung, erste Steine fliegen. Direkt am Hafen warten die, die keine Gewalt wollten, dort gibt es Volksfestdemo mit Schmalzgebäck und Kakao mit Schuss.
Azad Azad ist 26, er lebt seit drei Jahren in Deutschland und kommt ursprünglich aus dem Iran. Er hat dort bei der Geheimpolizei gearbeitet und wollte aussteigen. Dafür musste er das Land verlassen. Er trägt ein großes Banner von der Sozialistischen Partei Irans und freut sich, dass über ihn geschrieben wird. „In Deutschland ist auch nicht alles gut“, sagt er, „aber wenigstens kann jeder seine Meinung sagen und zur Demo gehen.“ Azad wartet wie alle anderen darauf, dass die Demoleitung sagt, wie es weitergehen soll. Niemand weiß etwas Genaues. Azad sagt, er habe keine Angst, dass hier etwas eskaliere. „Einfach warten“, meint er und lächelt.
Peter Die Polizei hat sich zurückgezogen, der Hubschrauber knattert über der Warnow. Ein paar der Schwarzgekleideten sitzen auf dem Boden, neben ihnen Steine und zerbrochene Flaschen. Mittendrin Christian, Peter und Andy aus Wismar, sechzig Kilometer von hier entfernt. Habt ihr auch Steine geworfen? „Ja“, sagt Peter, „ich schon.“ Er habe gesehen, wie eine Frau zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln wollte und ihr die Hand auf den Rücken gedreht wurde. „Dann habe ich geworfen.“ Peter ist seit acht Jahren Handballer: „Ich habe einen genau am Kopp getroffen“, sagt er und es klingt, als sei er stolz darauf.
Greg und Andy Greg und David verlassen gegen 16:30 den Stadthafen und suchen in der Fußgängerzone einen Imbiss. Sie sind 22 und 24 Jahre alt und freie Fotografen aus London. Gregs Ausbeute bisher: Bilder von Steinen, Polizisten, Autonomen. An seinem weißen Halstuch klebt Blut. Greg hat zwei Semester Geschichte studiert, aber das Leben als Fotograf ist mehr seine Sache. Letztes Jahr hat er den Krieg im Libanon fotografiert. In London machen sie meist Mode, erzählt Greg. Dann springt er auf und hängt sich die Kamera um den Hals. Über dem Hafen türmt sich eine Rauchsäule. Gegen 19:00 sind die Straßen zum Bahnhof voller Polizeiwagen und Demonstranten die nach Hause wollen. Die Bahn in Richtung Hamburg quillt über mit Leuten, die sich in den Sitzen zurücklehnen, auf ihre Rucksäcke setzen. Eine ältere Frau sagt: „Das beweist doch, dass das eben alles nur Chaoten sind.“ Ein Mädchen lehnt sich rüber zu ihrer Freundin: „Jetzt wird doch wieder niemand darüber reden, was wir eigentlich wollen.“ Die Freundin zuckt mit den Schultern. Hier kannst du noch mehr lesen: G-8-Gegner verurteilen Krawalle in Rostock


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zephyr07
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03.06.2007 - 20:41 Uhr
zephyr07

...und wieder stelle ich mir die frage, was den steineschmeisser zum steine schmeissen bewegt. was will er damit bezwecken? er sät gewalt und erntet gewalt. und das ist nix politisches, womit man gerne wirbt, sondern etwas physisches.

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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03.06.2007 - 22:05 Uhr
farilari

schaut euch mal die photos zB bei n-tv an. klar, da werfen leute steine auf polizisten, und dass die polizei gegen diese vorgeht wird keinen verwundern. aber die polizisten schlagen eben auch mit fäusten und schlagstöcken auf leute ein, die einfach nur im falschen moment am falschen ort stehen, schon am wegrennen sind, etc. das sind für mich genauso gewalttäter, nur dass die ihre gewaltgeilheit staatlich gedeckt ausleben dürfen.

sorry, mitleid mit denen habe ich nicht mehr. gegen g8 würde ich nie demonstrieren gehen. aber gegen die staatlich gedeckte gewaltgeilheit sofort.

marunga
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03.06.2007 - 22:51 Uhr
marunga

Jepp@words farilari.
Ich warte darauf, dass der erste Demonstrant stirbt. Das ist der Moment wo unter Garantie auch ich auf der Straße stehe. Gegen G8 Treffen habe ich früher schon genug demonstriert. ;)

Es fehlt wie immer in den meisten deutsche Medien die Differenzierung zwischen einigen hundert oder vielleicht tausend Chaoten und zehntausenden friedlichen Demonstranten.
Daher schön, dass mal eine etwas differenzierte Ansicht geboten wird.

gewitterhexe
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03.06.2007 - 23:04 Uhr
gewitterhexe

hier wird behauptet, im autonomen block seien fast alle unter 30 gewesen. also echt, ich musste beim lesen so lachen!!! Erstens: wie will man das sehen, wenn alle vermummt sind? Zweitens: steht den Menschen das Alter nicht auf die Stern geschrieben. Drittens: Ich kenne viele, die in diesem block mitgelaufen und über 25, teilweise auch über 30 sind.

aber was ist schon von g8-berichten auf jetzt.de zu erwarten...

dann doch lieber:
de.indymedia.org
g8-tv.org

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03.06.2007 - 23:06 Uhr
gewitterhexe

@ farilari: ja, so ist es!

siehe hierzu ein zitat vom ums-ganze-bündnis über die WAHREN chaoten:

"Das bundesweite und linksradikale UmsGanze-Bündnis hat sich anlässlich der Diskussion um Gewalt beim G8-Gipfel in Heiligendamm in einer Mitteilung deutlich von ‚Gewalt und Berufschaoten’ distanziert.

Sahra Brechtel, Sprecherin der im UmsGanze-Bündnis organisierten antifa [f] aus Frankfurt am Main, erklärte dazu: ‚Es ist unerträglich wie das Anliegen einer vernünftigen Einrichtung der Welt von kapitalistischen Chaoten und polizeilichen Berufsschlägern immer wieder diffamiert und bedroht wird. Wir begrüßen ausdrücklich eine unterstützende Beteiligung der so genannten Sicherheitskräfte bei der Blockade des G8-Gipfels. Besonders würden wir uns über logistische Nettigkeiten (Kaffee und Kuchen und später Aufräumen) und die Regelung des Verkehrs (Shuttle-Busse) freuen. Wenn allerdings einige Sicherheits-Extremisten versuchen sollten, die antikapitalistischen Aktionen zu behindern müssen sie die ganze Härte der Vernunft zu spüren bekommen.’ Die Antifa-Sprecherin rief daher alle Polizeibeamten dazu auf, sich schon im Vorfeld von Gewalttätern in den eigenen Reihen zu distanzieren."

quelle: www.umsganze.de.tl

uther_the_puter
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04.06.2007 - 00:16 Uhr
uther_the_puter

Genau...scheiss Bullen, die wo immer nur auf die armen Demonstranten einhauen tun. Das war ja wieder zu erwarten. Ich wart auch drauf, dass der erste Demonstrant STIRBT!!!! Heulsusen.
Diese ganzen "Autonomen" sind der Grund, warum nicht viel mehr Leute auf Demos gehen. Weil sie genau wissen, dass das ganze wieder in Gewalt endet. Den meisten gehts ja garnicht drum, gegen G8, Rechtsradikale oder sonstwas zu demonstrieren, sondern einfach ihre persönliche Lust an der Gewalt auszuleben.
Das Bild vom prügelgeilen Polizisten, das immer so gerne gezeichnet wird ist n bisschen oberflächlich, dumm und ebenfalls einseitig. Aber was is von der weltbewegenden "Wir sind so voll links"-Jetztgemeinde schon anderes zu erwarten?

gewitterhexe
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04.06.2007 - 00:26 Uhr
gewitterhexe

@ uther:

du willst ernsthaft, dass ein demonstrant STIRBT? ich hoffe SEHR, dass du das nicht ernst gemeint hast!!!

um die gewalt in rostock zu verstehen, muss man weiter denken bzw. weiter zurückdenken: die gewalt des staates begann bereits im vorfeld des gipfels, mit den razzien und anderen schweinereien. die wut darüber ist nur zu verständlich!

und die jetzt-gemeinde ist angeblich "voll links"? davon ist bei den g8-diskussionen hier leider nicht viel zu bemerken. für "irgendwie links" hält sich heute ja schon fast jeder und jede - es aber wirklich zu SEIN, ist etwas ganz anderes.

AntoineV
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04.06.2007 - 00:28 Uhr
AntoineV

Auf dieser Seite:

g8-tv.org

gibt es auch mal ein paar andere Perspektiven

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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04.06.2007 - 01:18 Uhr
farilari

@uther: wenn du meinen beitrag genau liest, wirst du durchaus keine lobpreisung der autonomen sehen, noch dass diese sich über die reaktionen der polizei beklagen sollten.
aber: schau dir die photos und bilder an. und dann erzähl mir nicht, dass die polizisten nicht auch auf völlig unbeteiligte in situation einschlagen, in denen dies nicht nötig ist. die sind mindestens genauso brutal und gewaltgeil.
und dabei geht es mir echt nicht um "das system" oder so. das ist eine andere diskussion. sondern ganz individuell um diese gewaltgeilen polizisten.

(ach, und die allermeisten studien zur gewalt zeigen, dass gewalttäter die gewalt genießen, gerade in solchen herrschaftssituationen. warum sollte das bei heutigen polizisten anders sein? bei ihnen ist das staatlich legitimiert.)

MrNiceGuy
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04.06.2007 - 08:32 Uhr
MrNiceGuy

Ohne die Gewalt wäre das ganze nach 2 Monaten wieder vergessen, das ist auch ein Aspekt an der Sache.

Ausserdem sind sie sauer. STINKSAUER. Zu recht!

"Ihr sagt Steine seien keine Argumente, aber verwendet Knüppel, Schilde, Pistolen, Granaten, Bomben und KRIEG!"

Autonome sind recht handzahme Menschen für gewöhnlich. Und sie nur auf den Schwarzen Block zu beschränken, welcher meiner Meinung nach trotzdem sehr sinnvoll ist, ist auch nur eine Seite der Medaille.

Wer steht dabei bei diesen frustrierten Ultraliberalen und Anarchisten? Warum kommen sie auf die Idee Steie zu werfen?

Ich finde nicht gut das sich die Organisatoren so klar von der Gewalt distanzieren. Stattdessen sollten sie sagen: Ok. Es gab Steinewerfer. Da seht ihr wie wütend manche von uns "autonomen steinewerfenden Gewaltpsychaten direkt aus der Hölle" sind. Wenn der Staat 1 Mal im Jahr das erntet was ER säht, was ist so falsch daran?
Hat uns die Vergangenheit nicht auch gelernt, das es manchmal eben nur mit Steineschmeissen geht?

Ich bin gerne bereit diese Diskussion fortzuführen!

mfg
Mr.

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