04.06.2007 - 19:00 Uhr

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Wir-gegen-Die-Musik: Der Protestsong von Bertolt Brecht bis Kettcar

Text: tobias-moorstedt

Böse Menschen haben keine Lieder. Die Guten, die in diesen Tagen in Heiligendamm zusammenkommen, haben gleich eine ganze CD. Auf dem Sampler „Move Against G8“ (über antifa-versand.de) liefern Bands wie Kettcar, Blumfeld und Tote Hosen den Soundtrack zum Nein – und reihen sich damit in eine alte Tradition ein.

Woodstock ist im 21. Jahrhundert unnötig, wir haben das Internet. Auf der Webseite von Neil Young, dem großen Mann der Gitarrenpolitk, der in zwei Alben erst den Krieg gegen den Terror lobte und dann verdammte, findet sich die Rubrik „Songs of the Times“, in der Young Lieder-Links zu Protestsongs sammelt: Dylan-Bootlegs, Amateuraufnahmen, Parodie-Pop und You-Tube-Ansprachen. Mehr als 2500 Einträge sind mittlerweile zusammen gekommen, die meisten mit wenig subtilen Titeln wie „Nights in Falludscha“ oder „No more Bush“. Let’s Blog’n’Roll – oder wie? Es ist ein Zeichen der Zeit, dass sich jeder äußern darf, aber keine Stimme, kein Song mehr so laut erklingt, dass auch alle zuhören. Das war früher, so erzählen es die Alten, irgendwie anders. Warum soll die Stimme des kleinen Mannes nicht schön und eingänglich klingen? Das ist die Logik hinter der Idee, mit dem emotionalen Musik-Medium, eingängigen Akkorden (G-E-C-D) und Zeilen, die Menschen zu ändern.
Bob Dylan 1963, Foto: AP Im 19. Jahrhundert schrieben Ernst Toller und Kurt Eisner die ersten Arbeiterlieder, Brecht und Kurt Weil entwickelten später melodische Arbeiter-Sprechchöre, Agitprop-Trupps, die „Rote Raketen“ oder „Das Rote Sprachrohr“ hießen. Als Genre etablierte sich der Protestsong erst in den 50er Jahren, als Woody Guthrie, Pete Seeger und später Bob Dylan den Soundtrack für die Gegenkultur lieferten. Atombomben, Kalter Krieg und Vietnam – ein dickes NEIN! Der Protestsong war immer von einer Wir-gegen-Die-Mentalität geprägt, er hatte die Lösung (Stopp!) parat und wusste, wo die Guten und wo die Bösen stehen. Vielleicht ist es nicht mehr so einfach, ein Plattencover in Schwarz und Weiß zu malen. Vielleicht sind Musiker längst zu sehr Teil des Medien-Unterhaltungskomplexes geworden, als dass sie das System noch von Außen besingen könnten (Bono!). In den 80ern wurde der Protestsong durch den Charity-Song ersetzt: „Do they know it's Chrismas“ (Geldof) und „We are the World“ (Jackson) – die Songs forderten nicht mehr politisches Engagement, sondern nur noch eine Spende und Kurzzeit-Empathie. Vielleicht behalten also ausgerechnet die Spaßgesellschaftspunks von den Ärzten Recht, die ein hämisches Protestlied gegen Protestsong geschrieben haben: „. . . und hinter euch flattert euer Transparent und ihr flennt.“ Auf der nächsten Seite: Die drei wichtigsten Protestsongs
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Tobias Moorstedt