31.05.2007 - 19:00 Uhr

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Eintrag aus dem Klassenbuch. Heute: Zettelchen und Bimmel-Bingo

Text: eva-schulz

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer und Spickerschreiben. Heute widmet sie sich dem Zettel. Übrigens: Im Label Schulkolumne finden sich noch mehr Texte über die Schule.

Letzten Freitag, in der Relistunde, musste ich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder ein Zettelchen weitergeben. Ein winziges, klein beschriebenes Stück Papier, zwei Mal gefaltet, von Felix an Michael. Natürlich habe ich nicht nachgeschaut, was draufstand. Ich erinnerte mich vielmehr an unser Zettelchen-Hoch, irgendwann zwischen sechster und zehnter Klasse, als wir die anfängliche Scheu und Artigkeit eines Fünftklässlers abgelegt hatten und uns langsam, aber sicher zu wahren Rebellen entwickelten. In dieser Zeit flogen die Zettel nur so, zu Kugeln geballt, von einem Tisch zum Nächsten. Wochenendorganisationen und Hausaufgaben in Stichworten, Unsinnigkeiten oder Lästereien über den Lehrer. Mit denen musste man immer ganz besonders vorsichtig sein, denn die Gefahr, dass Briefe abgefangen wurden, war meist ziemlich hoch. Einmal passiert, schoss einem die Schamesröte ins Gesicht. Denn, mal ehrlich: Kaum ein Lehrer kann es sich verkneifen, einen solchen Brief zu lesen. Trotzdem gehen sie alle unterschiedlich um mit abgefangenen Botschaften. Die Einen lesen sie laut vor, die Anderen schmunzeln und vernichten sie, wieder Andere bewahren sie gar auf und erzählen voll Stolz von ihrer zig Schuhkartons umfassenden Sammlung.
Der typischste aller Zettel soll der berühmte „Willst du mit mir gehen“-Ankreuzzettel sein, aber so einen habe ich noch nie gesehen. Meiner Meinung nach sind der Höhepunkt die Abstimmungen. Jungs zum Beispiel neigen in der achten, neunten Klasse dazu, immer wieder Mädchenrankings zu machen. Sie vergeben Punkte für Haare, Stimme, Humor – am liebsten während des Unterrichts. Anschließend wird die Liste ganz unabsichtlich irgendwo liegen gelassen und der Streit unter den Mädchen oder umgekehrt ihre Verbündung gegen die Jungs sind vorprogrammiert. Heutzutage werden hingegen kaum noch Zettel geschrieben. Wir geben höchstens Abstimmungslisten wegen der Farbe unserer Stufenfahrt-T-Shirts herum (und diese werden ausnahmsweise von den Mädchen dominiert). Ich frage mich, was mit den ganzen Inhalten passiert, die wir früher zu Papier gebracht und durch die Bänke geschummelt hätten. Wann erzählen wir uns die jetzt? Etwa nur noch in den Pausen? Reden wir vielleicht während des Unterrichts mehr als früher? Oder haben wir uns tatsächlich weniger zu erzählen? Wahrscheinlich trifft Letzteres zu. Schule wird auf die Dauer langweilig, und der Nervenkitzel des Zettelchenschreibens weicht einer tiefen Gelassenheit. Schule wird unspektakulärer. Irgendwann sind alle Beziehungen klar und keiner will mehr per Briefchen wissen, ob die anderen auch finden, dass Alex und Carolin gut zueinander passen. Ab und zu jedoch kommt noch einer von diesen Briefen, die eine einzelne Unterrichtsstunde herrlich spektakulär machen. Darauf steht nur eins: „BIMMEL-BINGO!“ Bimmel-Bingo ist ein wunderbares Spiel. Wunderbar in dem Moment, in dem man zutiefst gelangweilt in Chemie oder Religion sitzt und nicht weiß, wohin mit seinen Händen, wohin mit den Gedanken. Dann malen sich alle, die der Zettel erricht hat, ein Bingo-Feld mit fünf mal fünf Kästchen auf, in die sie Worte schreiben, die der jeweilige Lehrer besonders oft verwendet. Nur Adjektive und Nomen, maximal drei Namen. Die Mutigen notieren ganze Floskeln. Anschließend wird dem Lehrer sehr angestrengt zugehört (das ist der positive Nebeneffekt) und sobald er einen der Begriffe verwendet, die man in seinem Bimmel-Bingo-Schema aufgeschrieben hat, darf man diesen durchstreichen. Wer zuerst fünf Kreuze in einer Reihe hat und laut „BIMMEL-BINGO!“ ruft, gewinnt den zuvor ausgeschriebenen Preis. Das kann eine Schokowaffel aus dem Kakaokeller sein, eine Füllerpatrone, ein Kreisel aus Tobis Überraschungsei. Andi besitzt all diese Dinge. Er ist der Einzige, der sich in Herrn Wettke-Lünnings Chemieunterricht traut, lauthals merkwürdige Wörter zu schreien und sich danach ganz gelassen wieder zu setzen und den Huldigungen (und Flüchen) seiner Mitschüler zu lauschen. Das ist eigentlich noch dreister, als Zettelchen zu werfen. Illustration: katharina-bitzl


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lemar2
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Mag ich Mag ich nicht

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31.05.2007 - 21:07 Uhr
lemar2

kannst du dir in etwa vorstellen, wie witzig das ist, wenn nach 8 semestern uni mal wieder so ein zettel in einer derb langweiligen vorlesung auf dein pult flattert? :-)

diesesetwas
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Mag ich Mag ich nicht

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31.05.2007 - 21:18 Uhr
diesesetwas

bimmel-bingo. eins der unterhaltsamsten spiele überhaupt.

spaetabends
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31.05.2007 - 21:59 Uhr
spaetabends

Später heißt das dann Bullshit-Bingo: http://de.wikipedia.org/wiki/Bullshit-Bi...

soeren_preibusch
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31.05.2007 - 22:46 Uhr
soeren_preibusch

nä, das heißt Buzzword-Bingo

kikuju
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01.06.2007 - 00:24 Uhr
kikuju

dieses bingo ist wunderbar und ich ärgere mich, dass wir das nicht kannten...
ich habe viele dieser zettel aufgehoben, irgendwann flatterte mir die klarsichthülle mal entgegen. sehr komisch, dieses. und verstörend.

wir hatten übrigens einen heidenspaß in dieser einen stunde in der oberstufe, in er uns sooooo langweilig war und wir das gute, alte "wer hat das brot an die decke gehängt" wiederbelebten. fast alle haben hingesehen!!! juchee und helau, wir haben wirklich sehr gelacht!

SanSimonita
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01.06.2007 - 00:47 Uhr
SanSimonita

ich hab letzte woche in design-philosophie seit jahren mal wieder käsekästchen gespielt!
und musste meiner mitspielerin erst die regeln erklären. toll, kulturelles wissen weiterzugeben...

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01.06.2007 - 00:47 Uhr
SanSimonita

und zuhause hab ich auch noch ne kiste zettelchen....

monolog
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01.06.2007 - 01:35 Uhr
monolog

sauerei, ich musste dreizehn jahre gehen ;-)

kleinessuessesengelchen
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01.06.2007 - 15:23 Uhr
kleinessuessesengelchen

Bei uns in der 11ten Klasse (Physik) ging das sogar so weit, dass nicht nur Zettel geschrieben und geredet wurde, sondern neben Schafkopfen auch Sudoku und Kreuzworträtsel gelöst wurden. Gerne auch mal mit einer Frage an den Lehrer, der sein bestes gegeben hat, mitzurätseln, immer mit dem verzweifelt klingenden Nachsatz: "Aber eigentlich machen wir doch grade Physik!"

Lg kleinessuessesengelchen

littleameise
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01.06.2007 - 15:54 Uhr
littleameise

bimmel-bingo hab ich noch nie gehört, aber spaßig ist auch ein anderes bingo, weiß nicht mehr genau wie das heißt, jedenfalls muss sich jeder schüler ein wort ausdenken, was der lehrer eher nicht im unterricht sagen würde (bspw. "ponyhof" oder "schneemann").
der schüler muss den lehrer dann irgendwie dazu bringen dieses wort zu sagen, gelingt ihm dies, steht er auf und ruft laut "bingo" ;)

es wird viel gelacht in dieser stunde, das ist vorprogrammiert, wenn dann jeder schüler mit irgendwelchen fragen den lehrer bombadiert, nur dass dieser das wort sagt ;) auch wenn man gerade ein ganz anderes thema hat...

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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz