Überlebenskampf in Kabul: Ein aus Deutschland abgeschobener Afghane erlebt seine alte Heimat als kalte Fremde
Text: stefan-dold
Während Deutschland um die in Afghanistan getöteten Soldaten trauert und die Bundeswehr vor Ort verstärkten Sicherheitsmaßnahmen unterworfen ist, gibt es dort auch Menschen aus Deutschland, die das Leben in Afghanistan so unmittelbar erleben wie kaum jemand: Flüchtlinge, die von Deutschland aus weiterhin in das Land am Hindukusch abgeschoben werden. Es sind vor allem junge Afghanen ohne Familie: Behörden und Gerichte argumentieren, sie würden dort beim Wiederaufbau gebraucht. Einer von ihnen ist der 22-jährige Samir Zazay. Mit 14 ist er nach Nürnberg gekommen, hat hier Schule und Ausbildung absolviert und sagt heute: „Deutschland ist mein Heimatland.“ Er wurde vergangenen Dezember nach Afghanistan abgeschoben. Für jetzt.de beschreibt er seine Rückkehr nach Kabul – und wie es ist, als in Deutschland aufgewachsener Afghane die alte Heimat als Fremde zu erleben.
Samir Zazay, kurz nach der Abschiebung, in Kabul. Er ließ sich mit der eigenen Handy-Kamera fotografieren.
Foto: Zazay
13. Dezember:
„Das ist kein Flughafen – das ist ein Kuhstall!“ – das ist meine erste Reaktion, nachdem ich völlig übermüdet in Kabul gelandet bin. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen: Weder in Moskau, wo mich die Zöllner drei Stunden lang eingesperrt haben, noch in Baku, wo ich fünf Stunden in einem kalten Wartesaal zugebracht habe. Am schlimmsten aber ist die Angst.
Gleich nach dem Auschecken stellen die Beamten mich und alle anderen Abgeschobenen in einer Ecke in einer Reihe auf. Die meisten werden abgeholt, ich und ein paar andere müssen dableiben. Ich will mich eigentlich nur noch schlafen legen, aber die Leute sind wie Tiere. Dauernd kommen welche und verlangen Geld. Manche lachen uns aus, auch die afghanischen Beamten. Einer kommt zu mir und fragt, warum ich immer noch hier stünde. Ich sage, dass ich niemanden habe, der mich abholen könnte. Er fragt, warum ich gekommen bin. „Ach, Du bist abgeschoben worden!“, ruft er: „Dann kann ich dir auch nicht helfen. Ich brauche selber Hilfe.“ Er lacht mich aus und geht weg. Ich bin schockiert: Das ist das Land, das meine Heimat sein soll.
Schließlich frage ich nach dem Büro der „International Organisation for Migration“ (IOM). In Deutschland hat man mir gesagt, dass ich mich an diese Organisation wenden soll – weil bekannt war, dass meine Eltern verschwunden sind. Nach einer Stunde kommt ein Mann und nimmt mir meinen Pass ab: „Den kannst du nicht mehr brauchen, der hat einen schwarzen Stempel von der Abschiebung drin.“ Dann sagt er, ich solle mitkommen.
Er bringt mich in eine Unterkunft der IOM und gibt mir ein Zimmer: „Wir können dich nur zwei Wochen hier behalten, länger nicht. Du musst versuchen, deine Verwandten zu erreichen.“ Dann geht er und nimmt meinen Pass mit.
In dem Haus sind noch zwei Jungs, die aus England abgeschoben wurden, und einer, der deutsch kann. Der sagt mir, ich solle auf keinen Fall erzählen, dass ich hier keine Verwandten mehr habe: „Die Leute hier arbeiten nur für Geld, vertrau denen nicht!“ Die zwei aus England sind die einzigen, die mir helfen: Sie bieten mir an, ich solle bei ihnen bleiben.
Nach einiger Zeit bringt der Mann von der Unterkunft meinen Pass zurück und fragt mich nach meiner Familie. Ich antworte, dass ein Onkel früher in Kabul gewohnt hat, dass ich aber nichts mehr von ihm weiß. Daraufhin schickt er mich in die Stadt, damit ich die Adresse herausfinde.
Jetzt sehe ich Kabul erst richtig. Oh, mein Gott! Horror! So viele arme Leute, so viele Verbrecher – und überall Unsicherheit. Als Ausländer hast du keine Chance. Einer der Jungs aus England sagt mir: Rede wenig und rede überhaupt nicht über Deutschland, schau nicht so viel und bleib locker!
Wir gehen in ein Internet-Café und ich will meine Tante in Deutschland anrufen. Auf einmal gehen zwei Männer auf mich los: „Was hast du da für Kleider an? Wir wissen, dass du aus dem Ausland kommst. Wir wissen, dass du Euro hast.“ Ich antworte, dass ich aus Afghanistan bin. Aber sie sagen: „Entweder gibst du uns Geld, oder wir nehmen dich mit.“ Der eine will mich schlagen, da gebe ich ihm einen 20 Euro-Schein. Zum Glück gehen sie – aber ich kann jetzt nicht mehr telefonieren. Die beiden aus England haben mich sowieso allein gelassen.
Schnell gehe ich in mein Zimmer zurück, verstecke alle meine Sachen und schlafe endlich ein. Doch nach ein paar Minuten weckt mich ein Mann auf. Der will auch Geld. Später steht eine Frau mit Kindern im Zimmer. Ich habe keine Minute Ruhe. Die Leute in Kabul sind wie Tiere geworden, immer geht es nur um Geld. Das ist mein erster Tag in Kabul.
Samir Zazay, hier in seinem Zimmer im pakistanischen Peshawar. Dorthin hat sich Samir kurz nach seiner Abschiebung geflüchtet.
Foto: Zazay
14. Dezember:
Ich habe Albträume gehabt. Ich habe Angst. Schon am Morgen fühle ich mich einsam. Ich bin tief enttäuscht von meinem Leben. Ich hoffe, dass alles nur ein Traum ist, dass ich bald aufwachen werde.
Ich gehe noch einmal in die Stadt, zum Telefonieren. Wieder verlangen zwei Frauen Geld. Irgendjemand klaut mir meine Jacke. Die Leute klauen alles hier. Ich will doch nur ein normales Leben führen, und zwar in Deutschland. Deutschland ist mein Heimatland. Ich vermisse Nürnberg und ich vermisse das Leben dort, auch wenn es manchmal schwer war. Aber ich habe mich nie fremd gefühlt. Aber hier fühle ich mich wie in einem fremden Land, und es ist ja auch fremd für mich.
Meine Tante erinnert sich nur noch ungefähr, wo der Onkel in Kabul gewohnt hat. Ich gehe mit den Notizen zur Verwaltung. Dort sagt man mir, dass es eine solche Adresse gar nicht gebe. Von meinen Eltern wissen sie auch nichts.
15. Dezember:
Ich habe jetzt auch mit der Religion ein Problem. Ich weiß nicht so viel über den Islam. Ich kann beten, aber ich weiß nicht, wie man das hier macht. Man wird gezwungen, zum Freitagsgebet in die Moschee zu gehen. Die Leute werden erkennen, dass ich aus Europa komme. Sie werden mich über meinen Glauben ausfragen.
Man sagt mir, dass die Taliban stärker werden. Ich bin gegen diese Kultur und dagegen, wie sich die Leute hier verhalten. Das passt nicht zu mir und ich komme damit nicht klar. Die Leute haben nur Terror und Gewalt und Geld im Kopf. Etwas Schlechtes zu tun, scheint deren Hobby zu sein. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die hilfsbereit sind. Was habe ich getan, dass ich das erleben muss? Gott sieht alles, aber er hilft mir nicht.
16. Dezember:
Mitten auf der Straße bricht plötzlich eine Frau zusammen. Keiner hilft ihr, ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Überall Gewalt und Unsicherheit, Angst und Terror. Ich nehme keinen Kontakt mehr zu fremden Leuten auf. Ich gehe kaum mehr nach draußen. Wie kann jemand nur sein Heimatland hassen?
Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Samir Zazay (Mitte) und seine Freunde aus Nürnberg. Hier ist Samir aufgewachsen, seitdem er mit 14 nach Deutschland floh.
Foto: privat/Dold
17. Dezember:
Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich habe immer noch Hoffnung, dass ich hier wieder rauskomme. Auf der Straße sehe ich Kinder, die hungern. Keiner hat Mitleid, jeder denkt nur an sich. Dann sehe ich sogar Leichen. Kleine Kinder; die Leute haben sie auf den Müll geworfen.
Mein Kumpel aus England sagt, ich soll das niemandem aus Deutschland erzählen. Aber ich schreibe es trotzdem, weil es die Wahrheit ist.
Ich verstehe diese Leute nicht. Ich akzeptiere diese Kultur nicht. Ich bin in Europa aufgewachsen, in einem freien Staat. Ich habe Menschen mit offenen Augen gesehen. Ich habe etwas gelernt, aber hier hilft mir das gar nichts.
Mein Herz ist voller Tränen, aber ich kann auch nicht weinen. Ich bin kalt geworden.
Am 18. Dezember, nach sechs Tagen, flieht Samir Zazay mit den beiden Abgeschobenen aus England über die Grenze nach Peschawar in Pakistan. Mit einem der beiden lebt er bis heute in einem kleinen Zimmer ohne Möbel und Heizung.
In E-Mails an seine Unterstützer in Nürnberg beschreibt er seine Lage: Er habe psychische Probleme und sei oft krank. Die Stimmung werde immer radikaler. Verschiedene Organisationen, die er angesprochen hat, hätten ihm nicht helfen können. Er hat keine gültigen Papiere für Pakistan, und er fürchtet, erneut nach Kabul abgeschoben zu werden.
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31.05.2007 - 09:55 Uhr
besser_isses