Überlebenskampf in Kabul: Ein aus Deutschland abgeschobener Afghane erlebt seine alte Heimat als kalte Fremde
Während Deutschland um die in Afghanistan getöteten Soldaten trauert und die Bundeswehr vor Ort verstärkten Sicherheitsmaßnahmen unterworfen ist, gibt es dort auch Menschen aus Deutschland, die das Leben in Afghanistan so unmittelbar erleben wie kaum jemand: Flüchtlinge, die von Deutschland aus weiterhin in das Land am Hindukusch abgeschoben werden. Es sind vor allem junge Afghanen ohne Familie: Behörden und Gerichte argumentieren, sie würden dort beim Wiederaufbau gebraucht. Einer von ihnen ist der 22-jährige Samir Zazay. Mit 14 ist er nach Nürnberg gekommen, hat hier Schule und Ausbildung absolviert und sagt heute: „Deutschland ist mein Heimatland.“ Er wurde vergangenen Dezember nach Afghanistan abgeschoben. Für jetzt.de beschreibt er seine Rückkehr nach Kabul – und wie es ist, als in Deutschland aufgewachsener Afghane die alte Heimat als Fremde zu erleben.

Foto: Zazay
13. Dezember:
„Das ist kein Flughafen – das ist ein Kuhstall!“ – das ist meine erste Reaktion, nachdem ich völlig übermüdet in Kabul gelandet bin. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen: Weder in Moskau, wo mich die Zöllner drei Stunden lang eingesperrt haben, noch in Baku, wo ich fünf Stunden in einem kalten Wartesaal zugebracht habe. Am schlimmsten aber ist die Angst.
Gleich nach dem Auschecken stellen die Beamten mich und alle anderen Abgeschobenen in einer Ecke in einer Reihe auf. Die meisten werden abgeholt, ich und ein paar andere müssen dableiben. Ich will mich eigentlich nur noch schlafen legen, aber die Leute sind wie Tiere. Dauernd kommen welche und verlangen Geld. Manche lachen uns aus, auch die afghanischen Beamten. Einer kommt zu mir und fragt, warum ich immer noch hier stünde. Ich sage, dass ich niemanden habe, der mich abholen könnte. Er fragt, warum ich gekommen bin. „Ach, Du bist abgeschoben worden!“, ruft er: „Dann kann ich dir auch nicht helfen. Ich brauche selber Hilfe.“ Er lacht mich aus und geht weg. Ich bin schockiert: Das ist das Land, das meine Heimat sein soll.
Schließlich frage ich nach dem Büro der „International Organisation for Migration“ (IOM). In Deutschland hat man mir gesagt, dass ich mich an diese Organisation wenden soll – weil bekannt war, dass meine Eltern verschwunden sind. Nach einer Stunde kommt ein Mann und nimmt mir meinen Pass ab: „Den kannst du nicht mehr brauchen, der hat einen schwarzen Stempel von der Abschiebung drin.“ Dann sagt er, ich solle mitkommen.
Er bringt mich in eine Unterkunft der IOM und gibt mir ein Zimmer: „Wir können dich nur zwei Wochen hier behalten, länger nicht. Du musst versuchen, deine Verwandten zu erreichen.“ Dann geht er und nimmt meinen Pass mit.
In dem Haus sind noch zwei Jungs, die aus England abgeschoben wurden, und einer, der deutsch kann. Der sagt mir, ich solle auf keinen Fall erzählen, dass ich hier keine Verwandten mehr habe: „Die Leute hier arbeiten nur für Geld, vertrau denen nicht!“ Die zwei aus England sind die einzigen, die mir helfen: Sie bieten mir an, ich solle bei ihnen bleiben.
Nach einiger Zeit bringt der Mann von der Unterkunft meinen Pass zurück und fragt mich nach meiner Familie. Ich antworte, dass ein Onkel früher in Kabul gewohnt hat, dass ich aber nichts mehr von ihm weiß. Daraufhin schickt er mich in die Stadt, damit ich die Adresse herausfinde.
Jetzt sehe ich Kabul erst richtig. Oh, mein Gott! Horror! So viele arme Leute, so viele Verbrecher – und überall Unsicherheit. Als Ausländer hast du keine Chance. Einer der Jungs aus England sagt mir: Rede wenig und rede überhaupt nicht über Deutschland, schau nicht so viel und bleib locker!
Wir gehen in ein Internet-Café und ich will meine Tante in Deutschland anrufen. Auf einmal gehen zwei Männer auf mich los: „Was hast du da für Kleider an? Wir wissen, dass du aus dem Ausland kommst. Wir wissen, dass du Euro hast.“ Ich antworte, dass ich aus Afghanistan bin. Aber sie sagen: „Entweder gibst du uns Geld, oder wir nehmen dich mit.“ Der eine will mich schlagen, da gebe ich ihm einen 20 Euro-Schein. Zum Glück gehen sie – aber ich kann jetzt nicht mehr telefonieren. Die beiden aus England haben mich sowieso allein gelassen.
Schnell gehe ich in mein Zimmer zurück, verstecke alle meine Sachen und schlafe endlich ein. Doch nach ein paar Minuten weckt mich ein Mann auf. Der will auch Geld. Später steht eine Frau mit Kindern im Zimmer. Ich habe keine Minute Ruhe. Die Leute in Kabul sind wie Tiere geworden, immer geht es nur um Geld. Das ist mein erster Tag in Kabul.

Foto: Zazay
14. Dezember:
Ich habe Albträume gehabt. Ich habe Angst. Schon am Morgen fühle ich mich einsam. Ich bin tief enttäuscht von meinem Leben. Ich hoffe, dass alles nur ein Traum ist, dass ich bald aufwachen werde.
Ich gehe noch einmal in die Stadt, zum Telefonieren. Wieder verlangen zwei Frauen Geld. Irgendjemand klaut mir meine Jacke. Die Leute klauen alles hier. Ich will doch nur ein normales Leben führen, und zwar in Deutschland. Deutschland ist mein Heimatland. Ich vermisse Nürnberg und ich vermisse das Leben dort, auch wenn es manchmal schwer war. Aber ich habe mich nie fremd gefühlt. Aber hier fühle ich mich wie in einem fremden Land, und es ist ja auch fremd für mich.
Meine Tante erinnert sich nur noch ungefähr, wo der Onkel in Kabul gewohnt hat. Ich gehe mit den Notizen zur Verwaltung. Dort sagt man mir, dass es eine solche Adresse gar nicht gebe. Von meinen Eltern wissen sie auch nichts.
15. Dezember:
Ich habe jetzt auch mit der Religion ein Problem. Ich weiß nicht so viel über den Islam. Ich kann beten, aber ich weiß nicht, wie man das hier macht. Man wird gezwungen, zum Freitagsgebet in die Moschee zu gehen. Die Leute werden erkennen, dass ich aus Europa komme. Sie werden mich über meinen Glauben ausfragen.
Man sagt mir, dass die Taliban stärker werden. Ich bin gegen diese Kultur und dagegen, wie sich die Leute hier verhalten. Das passt nicht zu mir und ich komme damit nicht klar. Die Leute haben nur Terror und Gewalt und Geld im Kopf. Etwas Schlechtes zu tun, scheint deren Hobby zu sein. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die hilfsbereit sind. Was habe ich getan, dass ich das erleben muss? Gott sieht alles, aber er hilft mir nicht.
16. Dezember:
Mitten auf der Straße bricht plötzlich eine Frau zusammen. Keiner hilft ihr, ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Überall Gewalt und Unsicherheit, Angst und Terror. Ich nehme keinen Kontakt mehr zu fremden Leuten auf. Ich gehe kaum mehr nach draußen. Wie kann jemand nur sein Heimatland hassen?

Foto: privat/Dold
17. Dezember:
Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich habe immer noch Hoffnung, dass ich hier wieder rauskomme. Auf der Straße sehe ich Kinder, die hungern. Keiner hat Mitleid, jeder denkt nur an sich. Dann sehe ich sogar Leichen. Kleine Kinder; die Leute haben sie auf den Müll geworfen.
Mein Kumpel aus England sagt, ich soll das niemandem aus Deutschland erzählen. Aber ich schreibe es trotzdem, weil es die Wahrheit ist.
Ich verstehe diese Leute nicht. Ich akzeptiere diese Kultur nicht. Ich bin in Europa aufgewachsen, in einem freien Staat. Ich habe Menschen mit offenen Augen gesehen. Ich habe etwas gelernt, aber hier hilft mir das gar nichts.
Mein Herz ist voller Tränen, aber ich kann auch nicht weinen. Ich bin kalt geworden.
Am 18. Dezember, nach sechs Tagen, flieht Samir Zazay mit den beiden Abgeschobenen aus England über die Grenze nach Peschawar in Pakistan. Mit einem der beiden lebt er bis heute in einem kleinen Zimmer ohne Möbel und Heizung.
In E-Mails an seine Unterstützer in Nürnberg beschreibt er seine Lage: Er habe psychische Probleme und sei oft krank. Die Stimmung werde immer radikaler. Verschiedene Organisationen, die er angesprochen hat, hätten ihm nicht helfen können. Er hat keine gültigen Papiere für Pakistan, und er fürchtet, erneut nach Kabul abgeschoben zu werden.
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und was soll die loesung sein fuer fluechtlinge, nicht nur in dtland, sondern ueberall? wo gibt es fluechtlingsvisa? ich weiss, dass letzteres z.b. in den usa moeglich ist, aber ich bin mir nicht sicher, ob europa dergleichen auch im angebot hat und v.a. unter welchen voraussetzungen dies in die tat umgesetzt werden kann.
ich haette es ausserdem passend gefunden, zusaetzliche angaben zu machen, wie man beispielsweise helfen kann oder wie die allgemeine politische lage zu den themen aussieht, wenigstens in deutschland.
Super "Argument": "Schnauze, weil woanders oder wannanders oder beides ist's noch schlechter."
Zuviel Logik gefrühstückt?
Sicher ist es kein stabiles Land und die Armut ist gross aber Leichen auf einem Muellhaufen ist einfach unglaubwuerdig. Ich sehe als Deutscher auch mindestens so un-afghanisch aus wie Samir aber nach Geld bin ich nie gefagt worden, weder in Kabul noch in den abgelegendsten Doerfern. Seit dem Fall der Taliban wird in Kabul auch niemand zum Beten gezwungen, jedenfalls nich in Kabul. Der Unterschied zwischen Peschawar und Kabul ist etwa so gross wie zwischen Schaffhausen und Muenchen; die mentalitaet der Bevoelkerung und die wirtschaftliche Lage ist in beiden Staedten sehr aehnlich. (Bitte jetzt nicht meckern wer sich als Muenchner oder Schaffhausener auf die Fuesse getreten fuehlt aber in beiden Faellen aendert sich einfach nicht so viel wenn man die Grenze ueberschreitet).
Sicher ist Samir's Veraergerung gross und so eine Abschiebung, besonders ohne psychologische Betreuung, schwer zu verkraften und ich habe das Gefuehl er nimmt an uns allen ein bisschen Rache mit seiner Story dafuer dass er abgeschoben wurde. Wenn ich koennte wuerde ich gern mal fragen was er denn gemacht hat um sich in Kabul einzuleben. Immerhin gibt es dort deutsche Truppen. Hat er sich an die mal gewendet um vielleicht dort in der Verwaltung zu arbeiten? Hat Samir vielleicht mal das Goethe-Institut in Kabul (und das gibt es tatsaechlich im Fall es hier keiner glaubt) kontaktiert um dort vielleicht als Deutschlehrer zu arbeiten? Hat er sich bei einer der vielen Hilfsorganisationen, viele davon sind deutsch, oder einer der deutschen Stiftungen gemeldet und gefragt ob da arbeiten kann? Ausserdem duerfte er bei weitem nicht der einzige Abgeschobene sein und vielleicht haette ein anderer der frueher schon abgeschoben wurde helfen koennen.
Ich denke grundsaetzlich geht es eher darum dass Samir einfach psychologisch nicht mit der neuen Situation zurecht kommt und dann 'auf trotz umstellt'. Hier ist aber die Frage ob die abschiebende Behoerde nicht in die Pflicht genommen werden muss und die Konsequenzen einer Abschiebung, insbesondere auf die mentale Gesundheit, einschaetzen muss. Je nach Einschaetzung muesse dann entweder von der abschiebung abgesehen werden oder es muessten Wiedereingliederungshilfen angeboten werde, z.B. in Zusammenarbeit mit der genannten IOM, die genau auf diesem Gebiet taetig ist.
Die Schilderungen von Samir sind durchaus glaubwürdig, sonst hätten wir sie auch nicht hier reingestellt. Sie passen zu anderen Berichten von dort. In Kabul ist die Sicherheit definitiv ein großes Problem, wie man ja schon an den zahlreichen Anschlägen sieht. Ich habe vergangenes Jahr für eine Hilfsorganisation gearbeitet, die einen Mitarbeiter in Kabul hat. Der sitzt jeden Morgen erst einmal ein bis zwei Stunden vor dem Funkgerät und spricht mit allen möglichen UN-, Polizei- und Militäreinrichtungen, ob und wohin er überhaupt fahren kann - und manchmal geht er gar nicht aus dem Haus. Und die Lage hat sich in den letzten beiden Jahren verschärft.
Für Samir ist es ohne Familie einfach nahezu unmöglich, sich in Kabul "einzuleben". Als er zuletzt dort war, war er 13 - und hat schon damals in schwierigen Verhältnissen bei einem Verwandten gewohnt. Mich wundert es nicht, dass er nach der ganzen Jugendzeit in Deutschland dort nicht mehr zurechtkommt.
Was die Arbeitsmöglichkeiten angeht, erzählen mir viele, die mit Flüchtlingen arbeiten, dass Rückkehrer in Afghanistan nur ganz schwer einen Job finden, weil die Leute sehr reserviert sind ihnen gegenüber. Und - sorry - beim Goethe-Institut oder bei einer deutschen Hilfsorganisation wird Samir bestimmt keinen Erfolg haben. Die haben auch alle ihre Anforderungen, und Samir hat gerade mal den Quali und eine Ausbildung zum Teilezurichter (das ist so eine Vorstufe zum Schlosser) und kennt sich nicht aus in der Stadt. Und sein deutsch ist auch nicht fehlerfrei, für den Text oben habe ich die Fehler natürlich ausgebessert.
Die ganzen Details aus den Schilderungen kann ich natürlich nicht nachprüfen. Ich kann nur sagen, dass es die größeren Ereignisse, die er beschreibt (zum Beispiel Anschläge in Peschawar) wirklich gegeben hat, dass er in Deutschland gegenüber seinen Betreuern etc. immer ehrlich war und von allen als sehr zurückhaltender Typ beschrieben wird, überhaupt nicht als Aufschneider - und das ist auch mein Eindruck von den E-Mails, die ich mit ihm gewechselt habe.
In Peschawar geht es ihm übrigens auch nicht gut, er hat auch dort viele Probleme, die er in Kabul auch schon hatte. Es ist dort tatsächlich nicht so viel anders - beide Städte gehören ja zum Hauptsiedlungsgebiet der Paschtunen.
@jane: Der Grund für die Abschiebung ist einfach: Als Afghane braucht Samir irgendeinen Aufenthaltstitel, um bleiben zu können. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, weil er nicht politisch verfolgt wird. Er hat aber dann immer wieder eine "Duldung" bekommen, weil zunächst Krieg in Afghanistan herrschte und Deutschland deshalb die Abschiebungen ausgesetzt hatte. Vor ein paar Monaten hat man aber damit wieder angefangen.
Für Fälle wie Samir gibt es eigentlich eine Härtefallregelung, mit der Flüchtlinge ein Bleiberecht bekommen können. Damit sie dafür aber berücksichtigt werden können, müssen Alleinstehende aber mindestens acht Jahre in Deutschland gewesen sein - Samir war aber erst siebeneinhalb Jahre da - er hat also da einfach Pech gehabt.
Es ist schwierig in dem konkreten Fall zu helfen. Es gibt einen Unterstützerkreis in Nürnberg, der eine Rückkehr von Samir erreichen möchte, aber bisher noch keinen Erfolg hatte. Man kann sich aber schon für jugendliche Flüchtlinge engagieren, die in Deutschland zum Beispiel gar nicht alle Rechte haben, die in der UN-Kinderrechtskonvention stehen. Informationen dazu gibt´s zum Beispiel bei www.b-umf.de oder bei Organisationen wie amnesty, Pro Asyl oder terre des hommes.
31.05.2007 - 09:54 Uhr
besser_isses
übrigens, mein cousin (arzt, medizinstudium in dtld) war auch mal in kabul (ärzte ohne grenzen) - er hatte zwar einen etwas besseren eindruck als samir, lag aber auch an seinem umfeld denk ich. aber auf jeden fall ist kabul eine brutstätte der korruption und gewalt - das ist fakt!
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23.05.2007 - 22:48 Uhr
zephyr07