23.05.2007 - 19:00 Uhr

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Mami und Papi, meine Goldesel: Ich lebe von meinen Eltern - und das ist gut so

Text: durs-wacker

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Schmarotzer. Aber du und du und deine Freundin auch sind ebenfalls Schmarotzer, womöglich sogar noch größere als ich. Bei mir ist es so: Jedes vierte Bier zahlt mein Vater, das Zimmer in der WG zahlt er auch, die Flatrate und die Bücher und manchmal, wenn ich sparsam bin, zahlt er sogar die Zigaretten. Das darf meine Mutter aber nicht merken, schließlich ist sie es, die das Geld meines Vaters auf mein Konto überweist, jeden Monat, pünktlich zum Ersten. Das sind 420 Euro. Die Studiengebühren von 300 Euro an der Uni hier übernehmen meine Eltern auch. Und den Flug in meinem Urlaub, schön getarnt als Erasmus-Aufenthalt, den haben sie auch gezahlt, plus Spesen am Studienort in Spanien, waren insgesamt 2700 Euro extra. Ja, ich gebe es zu: Ich Schmarotzer lebe von meinen Eltern. Ich sage das guten Gewissens. Ich bin sogar stolz darauf.
Und wer sich jetzt schon in Front und Wallung bringt, weil er das unmöglich findet, wahlweise wegen der Schweinerei, dass man doch als junger Mensch selbst sein Studium finanzieren müsste, oder wegen der Schweinerei, dass der Staat doch jedem jungen Menschen sein Studium finanzieren müsste, dem sage ich: süß – aber wo lebst du eigentlich? Die Sache ist längst Standard unter Studenten: Wir alle leben von unseren Eltern. Nicht ganz und gar, dieses Privileg haben laut der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2003 nur zwölf Prozent aller Studenten – aber 89 Prozent von uns werden auf irgendeine Weise von den Eltern unterstützt. Konkret: Zwischen 700 und 750 Euro benötigt ein durchschnittlicher Student von 22 oder 23 Jahren im Monat, und von diesem Geld kommen bei Kindern von Eltern der, hässliches Wort, gehobenen Schicht 517 Euro aus den Taschen der Alten, bei Kindern von Eltern der, noch hässlicheres Wort, niedrigen Schicht 231 Euro. Das heißt: Nahezu jeder von uns – ich, du und du und deine Freundin auch – lässt sein Leben zu einem Drittel oder mehr von seinen Eltern bezahlen. Wo das Problem ist? Das ist ja gerade das Gute – es gibt keins. Ich lebe gerne vom Geld meiner Eltern. Klar, ich muss arbeiten wie alle anderen auch, mal mies bezahltes Praktikum, mal satt bezahlter Ferienjob an der Stanze, damit ich die 200, 300 Euro im Monat extra habe, die ich brauche. Aber das meiste Geld kommt von Mami und Papi, vielen Dank dafür an dieser Stelle: Ihr ermöglicht mir, zu studieren und dazu zu leben, ganz gut sogar, und wenn ich hinaus in die Welt will, um internationale Auslandserfahrung zu sammeln oder auch einfach nur zu faulenzen, dann gibt es eine Sonderausschüttung. Nur damit hier keiner einen falschen Eindruck bekommt: Ich bin weder mit einem goldenen Löffel im Arsch geboren worden noch speisen meine Eltern vom alten Familien-Meißen. Mein Vater war bei BASF, dann in Altersteilzeit, meine Mutter erst Sekretärin, dann Hausfrau. Ich würde sagen: gesunder Mittelstand. Geld ist vorhanden, aber Reichtum, nö, das nicht. Ich habe eine Schwester, die studiert auch, ich studiere, meine Eltern zahlen also pro Monat weit mehr als die Hälfte ihres Einkommens an uns, damit wir studieren und leben und Bier trinken und Zigaretten rauchen können. Das ist großartig. Das ist eine großartige Selbstverständlichkeit. Ich kenne keinen, der kein Geld von seinen Eltern bekommt, und wichtiger noch: Ich kenne auch keinen, der das Geld nicht auch erwarten würde. Allerdings, und das wundert mich, spricht man da nicht so gerne darüber – so als ob das Geld aus einer anrüchigen Quelle käme, als wäre es ehrenrührig, von seinen Eltern finanziert zu werden. Warum? Es ist doch eine einfache Sache: Ma und Pa sollen zahlen, klar doch, wer denn sonst? Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, dass Eltern, wenn sie ein Kind in die Welt setzen, eine Verpflichtung eingehen, zu Pflege und Hege und Unterhalt auch an der Uni oder während einer anderen Ausbildung, was übrigens auch per Gesetz festgeschrieben ist. Es geht mir mehr darum, dass genau unsere Eltern in einer einzigartigen Position sind. Ihre Generation hat das große Los gezogen: Sie sind in einer Zeit groß geworden, als Not, Krieg und Hunger hierzulande schon weit weg waren, sie haben das Arbeiten begonnen, als jeder Job eine Garantie auf Lebenszeit beinhaltete, sie haben sich in dieser Sicherheit eine Wohnung oder ein kleines Häuschen erspart und ein bisschen Bundesschatzbriefe noch dazu – und jetzt können sie schön mit 65 in Rente gehen, die bei ihnen sogar noch in der Tat sicher ist. Sie haben es gut gehabt, vielleicht so gut wie noch nie eine Generation vor ihnen und vielleicht auch so bald keine Generation mehr nach ihnen. Herzlichen Glückwunsch! Und vielen Dank dafür, dass sie dieses Glück mit uns teilen, und zwar in bar – das ist, finde ich, nur würdig und recht. Das erwarte ich von Eltern. Und Eltern, so scheint mir, finden das auch in Ordnung: Die schönsten Kosten verursachen die eigenen Kinder, sagen meine Eltern – Studium, Ausbildung, Lebenserfahrung und sogar noch wildes Leben mit Bier und Zigaretten, zahlen wir alles, eine bessere Investition für unser Geld gibt es nicht. Das macht mich stolz: Ja, ich lebe von meinen Eltern. Und ich finde das genau richtig so. +++++ Illustration: dirk-schmidt


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DerNaturjoghurt
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 22:14 Uhr
DerNaturjoghurt

Na dolle. Und die Eltern schauen am besten noch zu, wie man das 14. Semester beginnt, das 16. oder gar das 20. Und immer weiter rein das Geld! Ich gebe zu, meine Eltern haben mir auch den Großteil des Studiums finanziert, weil Bafög bekam ich keines (auch Mittelstand) Aber das ganze unter der Maßgabe ein wenig Gas zu geben, für das Vertrauen Leistung zu zeigen und auch bitte schön mal fertig zu werden. Ich bin meinen Eltern aufs tiefste dankbar, aber ich hätte solch eine finanzielle Großleistung auf keinen Fall erwartet oder verlangt. Bin grad arg geplättet, wie hier offenbar manch einer durch die Welt geht und mit seinen Eltern umgeht.

fadette
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 22:16 Uhr
fadette

Schön, wenn Leute, die Geld von ihren Eltern bekommen, dies genießen können, keine Frage.

Aber schade, dass immer vergessen wird, dass "Generation Praktikum" eine Sache ist, bei der nur die mitmachen können, deren Eltern sie so lange durchfüttern können. Und dass Leute, die länger studieren, weil sie ihren Unterhalt (und nicht nur ihren Urlaub,...) durch Nebenjobs finanzieren und dann später schlechtere Chancen haben, weil sie so lange dabei waren,..

strikingback
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 22:38 Uhr
strikingback

Wenn ich nicht gerade essen würde, könnte ich jetzt kotzen. Wo lebst du eigentlich, Durs Wacker? In einer Welt, in der außer Mittel- und Oberschicht nichts existiert. In einer Welt, in der soziale Selektion nicht stattfindet. In einer Scheinwelt, in einem Elfenbeinturm.

"Wo das Problem ist?
Das ist ja gerade das Gute – es gibt keins."

Doch, es gibt sehr sehr viele. Schlimm ist es beim Bafög, dass längst nicht alle bekommen, die es brauchen - außerdem wurde das Bafög so gut wie nie erhöht. Schlimmer wurde es mit Langzeitstudiengebühren, die die betrafen, die jobben mussten, um sich ihr Studium zu finanzieren, und deswegen es nicht so schnell durchziehen konnten. Schlimm war es vorher schon bei denen, die das Abi gar nicht schafften, weil die Eltern sich die Nachhilfe nicht leisten konnten. Am schlimmsten natürlich bei 10jährigen Kindern, die aufgrund ihrer sozialer Herkunft in Hauptschulen gezwungen wurden.

Nach der Einführung der Langzeitstudiengebühren, die bundesweit mit massiven Streiks beantwortet wurde, brachen Tausende ihr Studium ab und standen auf der Straße - andere verschuldeten sich. Jetzt, mit der zunehmenden Einführung von allgemeinen Studiengebühren, fangen viele erst gar nicht an zu studieren - sie haben eben keine Lust sich zu verschulden. Nicht, weil sie nicht schlau genug wären, sondern, weil sie das nötige Kleingeld nicht besitzen.

"Ich kenne keinen, der kein Geld von seinen Eltern bekommt, und wichtiger noch: Ich kenne auch keinen, der das Geld nicht auch erwarten würde."

Tja du bist anscheinend in ziemlich elitären Kreisen unterwegs - eine Elite, die sich durch ein Bildungssystem, dass laut PISA so sozial selektiv ist wie kein anderes vergleichbarer OECD-Staaten, qua Herkunft selbst reproduziert.

Erklär doch bitte mal dem Familienvater, der bei der Telekom arbeitet, jetzt 40% seines Gehalts gekürzt kriegen soll, drei Kinder im Alter von 16, 18 und 21 hat, wie er denen das Studium finanzieren soll. Und dann erkläre es mal einem Hartz4-Empfänger. Anscheinend seit ihr in der Jetzt.de-Redaktion von der Realität schon so himmelweit entfernt wie die Kollegen vom Spiegel und der FAZ.

Falls du Karriere machst, weiß ich wenigstens welchen Standpunkt du heute schon vertreten hast - aber zur Einsicht ist es nie zu spät.

JenButzel
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 22:46 Uhr
JenButzel

Das war unter aller Kanone.
Wenn ich sowas hier lese. Kotz! Ne, danke. Ich bin meinen Eltern dankbar, wenn sie mir Essen mit einkaufen, aber das war es auch schon. Mehr möchte ich gar nicht von ihnen haben... "bei Kindern von Eltern der, noch hässlicheres Wort, niedrigen Schicht 231 Euro"? Träum weiter!

Hoffentlich lesen deine Eltern das, denken sich ihren Teil dazu und handeln dementsprechend.

strikingback
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 22:57 Uhr
strikingback

"von diesem Geld kommen bei Kindern von Eltern der, hässliches Wort, gehobenen Schicht 517 Euro aus den Taschen der Alten, bei Kindern von Eltern der, noch hässlicheres Wort, niedrigen Schicht 231 Euro. Das heißt: Nahezu jeder von uns – ich, du und du und deine Freundin auch – lässt sein Leben zu einem Drittel oder mehr von seinen Eltern bezahlen."

da ist keine Recherche, keine Definitionen von Schichten oder Milieus, keine Rede davon dass sich immer mehr zum Start des Studiums verschulden - das ist platte Meinungsmache und Realitätsverzerrung. Nur 11% der sogannten sozial schwachen Schichten ist an der Uni als Studierende überhaupt vertreten - kein Wunder dass du keinen "von denen" kennst - wahrscheinlich unterhältst du dich deswegen überhaupt nicht mit ihnen, weil sie kein boss, gucci oder lagerfeld tragen.

arcenciele
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23.05.2007 - 22:59 Uhr
arcenciele

Iiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhh und dito.
Jedes weitere Wort ist hier zuviel.

jurette
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 23:19 Uhr
jurette

Ich habe noch nie verstanden, was daran so schlimm sein soll, Geld von den Eltern zu nehmen. ich würde meine Eltern doch auch nicht in Altersarmut sitzen lassen.

marunga
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 23:40 Uhr
marunga

haha...231€? Die "Unterschicht"?
interessanterweise ist 230€ der Satz, der dem durchschnittlichen hartz4 Empfänger mit VIEL GLÜCK und BILLIGEN MIETEN am Monatsanfang zum Leben übrigbleibt.
Herrlich.
Kein Wunder, dass noch so viele für das System sind, dass sows zulässt. Es geht uns ALLEN noch viel zu gut.

donnawetta
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Mag ich Mag ich nicht

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24.05.2007 - 00:12 Uhr
donnawetta

Verstehe ich nicht, den ANlass für den Text. Dass die Eltern ihren Sprösslingen zumindest eine Ausbildung (entweder Lehre oder Studium) finanzieren, das ist nicht nur normal, sondern sogar vom Gesetzgeber so vorgesehen. Steht im BGB und ist folglich einklagbar, falls die Alten zicken. Warum also sollte IRGEND jemand etwas dagegen haben? Totaler Quark und als These vollkommen an allen Realitäten vorbei konstruiert.

Mal ganz davon abgesehen, dass es prinzipiell Sache von Eltern und Nachwuchs ist zu klären, wer wem warum wie lange wie viel Geld überweist. Das geht Außenstehede so dermaßen nix an.
Mitleiderregend finde ich lediglich swolche Typen, die sich noch das siebte Studium von den Eltern bezahlen lassen und selber nix gebacken kriegen. Aber auch das müssen die mit sich selber ausmachen - und mit ihren Alten.

Dass ich mein eigenes Studium komplett selber finanzieren musste, steht auf einem anderen Blatt. Geschadet hat's mir allerdings nicht, obwohl ich Vollzeit gearbeitet habe. Weswegen ich allen Studis, die jammern, weil sie einen halben Tag in der Woche nebenher jobben müssen, gern Jammerverbot erteieln würde. Aber das ist eine andere Tasse Tee.

101
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Mag ich Mag ich nicht

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24.05.2007 - 01:46 Uhr
101

Wow, ist das der neue Psychotest: 'Welcher (hässliches Wort) Schicht gehörst Du an? Wir haben zwei (noch hässlicherer Plural) Schichten zur Auswahl!" ?
Klar, viele Eltern würden gerne mehr geben, haben aber leider nichts zu geben - kann man nix machen! (Oder, wie war das mit dem Grundeinkommen? Tihihi.... just kiddin')

So, dann gehe ich mal schnell meine Eltern verklagen, das wird bestimmt sehr lustig.

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