15.05.2007 - 00:17 Uhr

7 8 Über Twitter weiterempfehlen

Er war ein Freund von mir

Text: shirin80

Heute beim Kramen in meinen alten Kisten, bin ich zufällig auf unsere Fotos gestoßen. Fotos aus einer Zeit, die jetzt fast schon unwirklich scheint. Solange ist sie her. Gefühlte Zeit ist etwas Seltsames. Sie trifft nie die Realität. Unsere Zeit liegt gefühlte 100 Jahre zurück. Früher, wenn ich mit dir zusammen war, schien die Zeit in gefühlter Blitzgeschwindigkeit zu vergehen. Jetzt lachst du mich an, wie aus einer fernen Welt. Du und ich in London, du und ich in Paris auf dem Eiffelturm, du und ich am Straßburger Bahnhof, in Cafes, zur Abi-Zeit, auf Partys, in Clubs, in Bars, am Strand. Wenn man’s genau nimmt, bist du in einer fernen Welt. Aber beim Betrachten der Fotos frage ich mich, wann du mir ferner warst, jetzt, etliche Kontinente entfernt oder damals, immer dort, wo ich war, aber dennoch nie wirklich da. Mit dir konnte ich besser quatschen, als mit all meinen Freundinnen. Ich kannte dich inside out – dachte ich. Teilte alles mit dir, Ängste, Sorgen, Tagträume, die geilsten Partys, unsere Dawson’s Creek und Sex and the City- Verfallenheit, Zukunftspläne. Der Tag, an dem ich dich zum Flughafen brachte, von wo aus du in dein neues Leben starten würdest, war einer der schrecklichsten meines Lebens. Es war, als würde ein Teil von mir für immer fortgerissen. Ich ahnte damals nicht, dass das Gefühl eines Tages Realität werden würde. Irgendwann wurden die wöchentlichen Telefonate und täglichen E-mails weniger, bis sie ganz versickerten. Einmal im Jahr kommst du über den großen Teich geflogen zu Besuch. Schon die letzten Jahre suchte ich mehr und mehr nach dem Menschen, der mir einst so viel bedeutete. Der einst ein Teil von mir war, ohne den ich aus dem Gleichgewicht kam. Ich, die immer alles von dir wusste, weiß nicht einmal, ob die Hülle von dir diesen Sommer auch aus dieser fernen Welt hierher kommt. es ist ein Jahr her, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Neulich, als ich nachts um 5 von einer unserer ehemaligen Lieblingspartys kam, rief ich dich spontan an und erzählte deinem AB mit einer fremdem Stimme, wie sehr ich dich vermissen und dass ich so gern mal mit dir quatschen würde. Du riefst nicht zurück. Bis heute nicht. Und wenn mich frühere gemeinsame Bekannte fragen, wie’s dir so geht, muss ich sagen: „Ich weiß es nicht.“ Und ich weiß nicht, was schlimmer ist – der Ausdruck ihrer Gesichter oder das Gefühl in meiner Seele bei diesem Satz.


Neue Texte zum Label 'Freundschaft':
Textoptionen
Mehr Texte von
shirin80
Mehr Texte zum Label
Freundschaft
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
8 Kommentare

speichern
firefly_
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2007 - 02:55 Uhr
firefly_

Aus den Augen, aus dem Sinn, hm? Schon traurig, was die Zeit aus so manchen Freundschaften macht.

diemichi357
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2007 - 10:56 Uhr
diemichi357

Das ist wirklich eine traurige Geschichte! Ich habe meine beste Freundin, mit der ich aufgewachsen bin, auch verloren. Sie ist weggezogen und man hat immer weniger voneinander gehört, sie hat neue Leute kennengelernt, ich auch und irgendwann hatten wir gar keinen Kontakt mehr. Das war hart! Aber so schlimm es ist und so weh es tut, das Leben geht weiter...

meandme
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2007 - 21:46 Uhr
meandme

sehr schöner text, gut geschrieben.
punkt und abo.

polly_
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.05.2007 - 10:03 Uhr
polly_

schade, dass es do gelaufen ist, aber der text gefaellt mir richtig gut.

Marjan
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.05.2007 - 19:16 Uhr
Marjan

Sehr schön geschrieben, sehr traurig fühle ich mich jetzt.
Solche Schicksale bleiben uns wohl nicht erspart.

Menschen verschwinden... aus dem direkten Leben.
Aber nicht aus dieser Welt.
Und nicht aus dem Herzen.

Exsmolenskerin
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.07.2007 - 00:14 Uhr
Exsmolenskerin

Vieles in deinem Text kann ich so gut nachvollziehen. Es tröstet, dass ein als einzigartig schmerzlich empfundenes Gefühl auch von jemand anders gelitten und beschrieben werden kann. Auch ich habe mich weit entfernt von meinem alten guten Freund. Auch er hat nicht auf meinen Anruf reagiert. Nach einer Woche habe ich meinen letzten Mut zusammengekratzt und ihn nochmal angerufen. Übermorgen treffen wir uns. Aber ich habe Angst, dass es krampfig wird.

nadine-gottmann
Zitieren

22.02.2008 - 19:39 Uhr
nadine-gottmann

mann, ich bin jetzt so sauer, dass er nicht zurückgerufen hat.

Ian08
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.09.2008 - 09:19 Uhr
Ian08

... es ist halt nicht wie am Strand. Für unsere Herzen gibt es keine Wellen die die Spuren der anderen einfach wegwischen. Diese Spuren verblassen zwar mit der Zeit, aber dann, irgendwann schaut man halt wieder genauer hin ... und sie sind wieder da .. ;-(
LG, A.


Speichern

Jetzt-Mitglied

shirin80 offline

shirin80

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.