14.05.2007 - 19:00 Uhr

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Post aus New York

Text: dana-brueller

Jetzt hatte ich gleich zweimal Besuch. Zuerst meine liebreizenden Schwestern und dann mein entzückender Freund Andre. Er war war leider nicht so leicht zufrieden zu stellen wie meine Schwestern, weshalb wir nicht lange in New York blieben. Neben der Stadt ging ihm meine Vermieterin Bobbi auf die Nerven. Zuerst wollte sie immer mit uns reden, und ist dann auf E-Mails umgestiegen. Wir bekamen jeden Tag etwa zehn davon. Meistens forderte sie mich auf, meine Bananen aus dem Kühlschrank zu nehmen oder doch bitte ab jetzt fair gehandelten Kaffee zu kaufen. Dann verlangte sie eine unverschämt hohe Miete für Andre, verbunden mit der Bitte, jetzt doch mal endlich alle Glühbirnen in der Wohnung auszutauschen und alle Fenster zu öffnen. Wenn doch mal endlich ein Mannsbild im Haus ist! Andre wollte 5$ pro ausgewechselter Glühbirne, aber bevor Bobbi von seinen Tarifen erfuhr, mieteten wir einen gelben Chevy und fuhren mit geringer Geschwindigkeit nach Neuengland. In meinem ganzen Leben war ich nie so amerikanisch!
Neuengland ist wunderschön, so wie ich mir die Ostsee vorstelle. Wir fuhren in Orte, die Namen trugen, die in mir Vorstellungen von vergessenen Gärten hervorrufen: Mystik, Hyannis und, nun ja, Newport. Romantische Fischerdörfchen in Amerika sehen aber aus wie der Euro-Industriepark und bestehen aus Supermärkten, Fastfood-Restaurants und Motels. Die Natur ist allerdings grossartig und fast gar nicht langweilig, die Strände sind pastellfarben und einsam (was aber auch am April liegen könnte), die Straßen sind von hübschen Nadelbäumen gesäumt, die Luft ist gut und das Essen frittiert. Anfangs war ich skeptisch, doch es ist durchaus reizvoll, panierte Luxusmeeresfrüchte von Plastiktellern zu essen und dazu eine Cola mit Eiswürfeln zu trinken. Nach dem ersten Teller waren wir Amerikaner: Wir fanden Landschaften aus dem Autofenster schöner. Wir hätten uns gefreut, wenn man mit dem Auto auch durch den Supermarkt hätte fahren können. Wir haben in Motels gewohnt, in deren Betten man sozusagen aus der Autotüre gestolpert ist, ohne einen unnötigen Schritt zu tun. Wir haben Sendungen, die von sehr dummen Frauen handeln, geguckt und dann ungefähr zwanzig Stunden geschlafen. Dann bin ich schnell zum Frühstücksbuffet gegangen (!), um Waffeln mit Ahornsirup zu holen. Andre ist trotzdem wieder in die bayerische Heimat zurück geflogen. Leider bekomme ich keinen Besuch mehr. Mein bester Freund ist jetzt der kleine Österreicher Thomas. Weil mein anderer Freund hier seine Diplomarbeit schreibt und mit der Bekämpfung seiner „Buffy the Vampire Slayer“-Sucht sehr beschäftigt scheint, versuche ich, neue Freunde zu finden. Montags gehe ich mit meinem Supervisor Mike zum Transenbingo, einer amüsanten, von Dragqueens moderierten Veranstaltung. Für die restliche Woche finde ich bestimmt auch noch jemanden.


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miss_moneypenny
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Mag ich Mag ich nicht

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14.05.2007 - 19:14 Uhr
miss_moneypenny

wow, offenbar hast du's ja doch geschafft durch die immigration-kontrollen zu kommen.

na dann freu ich mich mal auf weitere berichte aus den staaten!

SalonHelga
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2007 - 22:00 Uhr
SalonHelga

Scheiß Kürzungen!

"Liebe Freunde!

Jetzt hatte ich gleich zweimal Besuch. Zuerst kamen meine liebreizenden Schwestern und dann mein entzueckender Freund Andre.
Meine Schwestern haben, wie es sich fuer elegante junge Damen gehoert, die komplette Fifth Avenue leer gekauft, Burger um Burger gegessen und die Museen besucht. Sie haben einen sehr zufriedenen Eindruck gemacht; meine grosse Schwester vor allem, als die Zimmernachbarn aus dem Ruhrpott abgereist sind; meine kleine Schwester dreimal taeglich, wenn ihr ein neuer, fettiger Burger vorgesetzt wurde.
Andre war leider nicht so leicht zufrieden zu stellen, weshlab wir nicht lange in New York blieben. Neben der Stadt ging ihm Landlady Bobbi bisschen auf die Nerven. Zuerst wollte sie immer mit uns reden, hat aber irgendwann eingesehen, das junge Glueck zu stoeren und ist dann auf E-Mails umgestiegen. Wir bekamen jeden Tag etwa zehn davon. Meistens forderte sie mich auf, meine Bananen aus dem Kuehlschrank zu nehmen oder doch bitte, bitte endlich ab jetzt fair gehandelten Kaffee zu kaufen. Dann verlangte sie ploetzlich eine unverschaemt hohe Miete fuer Andre, verbunden mit der energischen Bitte, jetzt doch mal endlich alle Gluehbirnen in der Wohnung auszutauschen und alle Fenster zu oeffnen. Wenn doch mal endlich ein Mannsbild im Haus ist! Wozu ist der sonst zu Nutze! Der maennliche Besucher meiner Vorgaengerin Valentina hat uebrigens Bobbis komplette Wohnung in Bonbonfarben gestrichen. Andre allerdings stand Bobbi in Geschaeftstuechtigkeit nun in nichts mehr nach und wollte 5$ pro ausgewechselter Gluehbirne, aber bevor Bobbi von seinen Tarifen erfuhr, mieteten wir einen sehr, sehr gelben Chevy und fuhren mit geringer Geschwindigkeit nach Neuengland. In meinem ganzen Leben war ich nie so amerikanisch!
Neuengland ist wunderschoen, so wie ich mir die Ostsee vorstelle. Das Dumme ist, dass sich in meine Vorstellung von Fischerdoerfern in Meeresengen immer Stereotype aus vergangenen Italienurlauben mischen. Wir fuhren in Orte, die Namen trugen, die in mir Vorstellungen von verwuenschten, laengst vergessenen Gaerten, in denen Statuen mit abgebrochenen Gliedmassen verstreut liegen und Einhoerner grasen, hervorrufen: Mystik, Hyannis und, nun ja, Newport. Ich erschrecke mich bis heute, wenn ich feststelle, dass romantische Fischerdoerfchen in Amerika wie der Euro-Industriepark aussehen und aus Supermaerkten, Fastfood-Restaurants und Motels bestehen. Die Natur ist allerdings grossartig und fast gar nicht langweilig, die Straende sind pastellfarben und einsam (was aber auch am April liegen koennte), die Strassen sind von huebschen Nadelbaeumen gesaeumt, die Luft ist gut und das Essen frittiert. Das ist das romantische Leben der Ostkuesten-Amerikaner: Man stammt aus einer Fischerdynastie, wird ein Fischer, angelt Muscheln, Krabben und Hummer, um sie anschliessend in Panade zu waelzen und in heisses Fett zu werfen und schon bald stirbt man an einer Herz-Kreislauf-Krankheit. Anfangs war ich skeptisch, doch stellte ich schnell fest, dass es durchaus reizvoll ist, panierte Luxusmeeresfruechte von Plastiktellern zu essen und dazu eine Cola mit Eiswuerfeln zu trinken.
Nach dem ersten Teller waren wir auch Amerikaner. Wir haben nur frittierte Dinge und Sundaes und Diet Coke zu uns genommen. Wir fanden Landschaften aus dem Autofenster eigentlich schoener. Wir haetten uns gefreut, wenn man mit dem Auto auch durch den Supermarkt haette fahren koennen, um Andres (frittiertes) Hendl und ein Sixpack zu kaufen. Wir haben in Motels gewohnt, in deren Betten man sozusagen aus der Autotuere gestolpert ist, ohne einen unnoetigen Schritt zu tun. Wir haben Sendungen, die von sehr dummen Frauen handeln, geguckt und dann ungefaehrt zwanzig Stunden geschlafen. Dann bin ich schnell zum Fruehstuecksbuffet gegangen (!), um Waffeln mit Ahornsirup zu holen.
So verbrachte ich das erste Mal seit ich hier bin erholsame Tage. Jetzt bin ich allerdings noch mueder als vorher.

Vielleicht haetten wir also doch nach Atlantic City fahren sollen, was Andres erster Idee entsprach. Mein Supervisor charakterisierte Atlantic City kurz und zutreffend: Polluted, Drinking Problems, Prostitution, Dumb People. Zur Kompensierung (denn schliesslich klang des Supervisors Beschreibung selten verlockend) haben wir in Neu England das groesste Casino der Vereinigten Staaten besucht. Wir trafen gegen 13 Uhr ein. Es war herrlich. Viele, viele hundert Rentner sassen an klingelnden, blinkenden Maschinen und verspielten gerade die Collegebesuche ihrer Enkelkinder. Das Casino war ungefaehr so gross wie die Muenchener Altstadt (ernsthaft), war komplett aus Marmor erbaut und erfreute seine Besucher mit praechtiger Kaufhauskunst, reizvollen Zierbrunnen und einigen Fastfood-Staenden.

Aehnlich war auch unser Ausflug nach Coney Island. Der Strand ist von schmutzigen Plattenbauten mit eingeschlagenen Fenstern umzaeunt und Heimat von vielen adipoesen, kriminellen und/oder geaechteten Menschen. Die Attraktionen sind vielfaeltig, man kann unter anderem auf dem Jahrmarkt einen lebenden Menschen abschiessen, die legendaere Wuerstchenbude von Nathan besuchen oder eine schoene, gemuetliche Fahrt im Cyclone, der aeltesten Achterbahn der Welt, machen. Die Fahrt war herrlich, als ich "nochmal, nochmal!" rief, sah Andre mich an, als haette ich irgendetwas ganz Schlimmes gesagt, stolperte aus der Bahn, hatte zwei Stunden lang Schwindel und hat sich noch vier Tage spaeter ueber "Knieschmerzen" beschwert. Dabei war's so lustig!

Ueberhaupt waren die letzten zwei Wochen mit meinen Besuchern kaum zu uebertreffen, und ich wuenschte, ich koennte den Rest meines Lebens in albernen Fischerdoerfern und auf herunter gekommenen Jahrmaerkten verbringen. Skandal: Andre ist trotzdem wieder in die bayerische Heimat zurueck geflogen.


Leider bekomme ich ab jetzt keinen Besuch mehr. Das ist traurig. Mein bester Freund ist jetzt der kleine Oesterreicher mit dem Ziegenbart. Er bekommt leider staendig Besuch, und ich bekomme von seinem Besuch Minderwertigkeitskomplexe, weil die Anzahl der abgestatteten Besuche doch in Korrelation mit der Beliebtheit einer Person zu stehen scheint. Der oestereichische Cousin (Emil) bricht diese Theorie allerdings, denn er bekommt laufend Besuch und besucht auch andere Menschen. Er wird leider immer anstrengender. Als wir indisch essen waren, hat er uns die indische Kochkultur erklaert :"Man bekommt eine Art speziellen weissen Reis und dazu einige kleine Toepfchen mit aufstrichartigen Pasteten gereicht, die man auf dem jeweiligen Teller mit dem Reis vermengt; man kann sich aber ebenso an das dazu gereicht Brot halten". Wenn er spricht, dann zieht er immer einen Mundwinkel herauf und zwinkert mit beiden Augen, dann macht er eine kurze Pause und blickt befriedigt um sich, als haette er etwas sehr, sehr Weises gesagt, und dann redet er weiter. Vielleicht gibt es aber auch tatsaechlich Menschen, die das sympathisch finden.
Weil mein anderer Freund hier seine Diplomarbeit schreibt und mit der Bekaempfung seiner "Buffy the Vampire Slayer"-Sucht sehr beschaeftigt scheint, versuche ich, neue Freunde zu finden.
Montag abend gehe ich oft mit meinem Supervisor Mike zum Transenbingo, einer sehr amuesanten, von Dragqueens moderierten Veranstaltung, bei der man zum Beispiel Plastikschwaene gewinnen kann, die in allen Farben des Regenbogen leuchten, wenn man auf einen Knopf, der wie eine Seerose aussieht, drueckt. Naja, und fuer die restlichen sechs Tage, die eine Woche so hat, finde ich bestimmt auch noch jemanden."

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

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15.05.2007 - 09:26 Uhr
air_kaviar

@SalonHelga:
Kolumnen aufbohren, sehr gut.

farilari
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Mag ich Mag ich nicht

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23.05.2007 - 00:04 Uhr
farilari

yeah, das kommentar von salonhelga ist klasse! ;)

der_alchemist
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Mag ich Mag ich nicht

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05.10.2007 - 16:38 Uhr
der_alchemist

Wie schön.


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dana-brueller offline

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