14.05.2007 - 19:00 Uhr

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Hildesheim vs. Leipzig: Die Schlacht der Schreibschulen

Text: katharina-bendixen

Lennart Sakowsky ist einer der vier Herausgeber der Tippgemeinschaft ais Leipzig. Er wurde 1981 in Lüneburg geboren, hat nach dem Zivildienst die Welt bereist, studierte 2004 in Hildesheim und studiert seit 2005 Prosa und Dramatik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. jetzt.de erzählt er, was der Unterscheid zwischen dem Literaturinstitut in Leipzig und einem Sofa ist – und warum DLL-Student auch in Zukunft noch arbeiten müssen neben der Schriftstellerei.

Übrigens: Wer ganz schnell ist, kann sich noch bis diesen Dienstag, 15. Mai, am DLL bewerben.

Lennart Sakowsky vom Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.
Foto: Diana Bärmann



Was lernt man am DLL, was man nicht durch ausgiebige Textlektüre auf dem Sofa lernen könnte?
Das Sofadasein findet ja vor allem zu Hause statt. Wenn man am DLL studiert, hat man sich klar für die Literatur entschieden, und man muss schreiben. Das geschieht dann mit einer größeren Ernsthaftigkeit. Man hat immer den Druck, Texte abgeben zu müssen. Man kann sich durch das große Angebot an Seminaren besser ausprobieren. Und durch die Texte der Kommilitonen wird man mit einer Vielfalt von Stilen konfrontiert. So lernt man im direkten Austausch, wie man auf Literatur zugreifen kann.

Was passiert in den Seminaren?
Man bekommt sowohl einen strukturierteren Blick auf die Literatur als auch den Fremdblick auf die eigenen Texte. Man präsentiert seinen Text, und die anderen Seminarteilnehmer fungieren in erster Linie als Leser. Man hört die Eindrücke dieser Leser, dann kommen die Verbesserungsvorschläge. Und bei den Verbesserungsvorschlägen sind die Seminarteilnehmer plötzlich keine Leser mehr, sondern Schreibende mit ihren eigenen Poetologien.

Was ist für dich Institutsprosa?
Ich glaube, Institutsprosa gibt es nicht, denn man müsste den jeweiligen Stil mit einer Jahreszahl beziffern. Das DLL an sich existiert ja gar nicht, es gibt nur die Leute, die dort studieren, und die verlassen das Institut nach einer Weile wieder. Natürlich gibt es untereinander Einflüsse, aber dabei kommt nichts heraus, was über die Jahre gleich bleiben könnte. Und auch die Dozenten wirken nicht so auf die Texte ein, dass sie sich einander ähneln würden, sondern sie versuchen, aus der Perspektive des Textes heraus zu sagen, wie man bestimmte Teile verbessern kann. Der Vorwurf der Institutsprosa geht ja in den Artikeln über das Institut um wie ein Gespenst. Man bereitet sich vor einem Interview sogar schon auf die Antwort dieser Frage vor. Zumindest behaupte ich, dass jeder, der am DLL studiert hat oder studiert, im Hinterkopf immer die Antwort auf die Institutsprosafrage hat. Das muss irgendwann mal aufhören.

In der Anthologie sind mehrere Texte, die aus der Perspektive von älteren Menschen oder von Kindern geschrieben sind. Dein Text zum Beispiel handelt von einem alten Mann und seinem Sohn. Ist das Absicht, um gar nicht erst in Befindlichkeitsprosa verfallen zu können?
Man fühlt sich von solchen Perspektiven verlockt, weil die Sprache und der Blickwinkel schon stark vorgeprägt sind. Man hat zum Beispiel ganz automatisch einen Moment des Wunderns darin. Diese verengte Perspektive erlaubt einem auch, bestimmte Dinge auszublenden. Aber es ist eigentlich viel schwieriger, über unsere Generation zu schreiben, weil man da oft an Stellen kommt, bei denen man denkt: das ist ja langweilig, das wird jetzt total platt. Und es ist gerade eine Kunst, diese eher platten Dinge zum Leuchten zu bringen.

Es gibt ja immer wieder zwei Forderungen an junge Literatur: einmal dass sie politischer sein und sich mehr mit gesellschaftlich relevanten Problemen beschäftigen soll – und zum zweiten, dass sie experimenteller sein soll. Diese beiden Forderungen erfüllen die Texte aus der Anthologie eher nicht ...
Ja, aber es gibt sowieso wenig politische Texte von jungen Autoren. Es ist sehr schwierig, politische Themen in eine ästhetische Form zu überführen. Mich persönlich interessiert zum Beispiel Gorleben als Thema. Aber wenn man darüber schreiben will, hat man mit tausend Klischees zu kämpfen. Und was das Experimentelle betrifft, muss ich sagen, dass ich auch wesentlich experimentellere Texte von den Studenten kenne, die in der Tippgemeinschaft vertreten sind. Die Texte der Anthologie sollten ja auch vorlesbar sein. Da bieten sich experimentelle Texte weniger an.

Sicher bewirbt sich das halbe DLL bei den gleichen Wettbewerben, beispielsweise beim Open Mike, aber nur wenige DLL-Studenten können dort lesen oder sogar gewinnen. Wie groß ist die Konkurrenz untereinander? Und wie geht man mit dieser Konkurrenz um?
Konkurrenz in einem strengen Sinne gibt es gar nicht, denn wir versuchen ja nicht alle, dasselbe Buch zu schreiben. Manchmal spürt man bei sich selbst einen gewissen Druck, wenn ein anderer einen Preis gewonnen oder irgendwo etwas veröffentlicht hat. Natürlich wurmt es einen im ersten Moment, aber dann steht man drüber. Es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Wenn man irgendwas mit Kunst macht, stößt man zwangsläufig immer wieder an Mauern. Auf dem DLL ist das natürlich ein bisschen konzentrierter, als wenn man auf dem Sofa sitzen würde.

Woran liegt es, dass Leipzig viel bekannter ist als Hildesheim?
Vereinfacht gesagt: Leipzig ist attraktiver. Das Institut hat eine viel längere Tradition, der Standort ist bekannter. Und in Leipzig kann man sich ganz auf die Literatur konzentrieren, während man in Hildesheim ja immer noch Kulturjournalismus dazu studiert. Aber das ist eher eine persönliche Entscheidung: will man sich wirklich drei Jahre nur mit Literatur beschäftigen oder lieber noch etwas anderes dazu studieren. Ich zum Beispiel wollte mich nur auf die Literatur konzentrieren. Die Hildesheimer sind keinesfalls schlechter als die Leipziger. Das öffentliche Bewusstsein für die Schreibschulen hat sich nun mal ganz auf Leipzig eingeschossen. Wenn sich aber mehr solche Studiengänge entwickeln, wird sich das Bewusstsein vielleicht auch wieder mehr von Leipzig weg bewegen. Das wird aber erst passieren, wenn die Tatsache verankert ist, dass Schreiben genau wie Malerei gelehrt werden kann.

Was ist die typische Zukunft eines DLL-Absolventen?
Die, die vorher noch nichts studiert haben, studieren weiter, machen eine Ausbildung oder fangen in irgendeinem Bereich an zu arbeiten, als Dramaturg oder Redakteur oder als Werbetexter. Und die, die vorher schon studiert haben, arbeiten in dem Beruf, den sie vorher schon studiert haben. Oder sie publizieren. Das machen die anderen vielleicht auch. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass man nicht mehr arbeiten muss.


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Landpartie 07. Die dritte Anthologie des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus", herausgegeben von Lisa-Maria Seydlitz, Lena Töpler, Lino Wirag und Lutz Woellert, 230 Seiten, 9,90 Euro, erschienen im Glück und Schiller Verlag.

Tippgemeinschaft 2007 Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig", herausgegeben von Katharina Adler, Thomas Pletzinger, Lennart Sakowsky und Alexander Langer, 202 Seiten, 12 Euro.

Eine Lesung mit den Autoren der Tippgemeinschaft findet es am Mittwoch, dem 16. Mai, um 20.00 Uhr im Foyer des DLL in Leipzig.
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