13.05.2007 - 19:00 Uhr

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Mein Freund, der Jude: Lieben in Tel Aviv

Text: theresa-baeuerlein

Zwischen Deutschen und Israelis herrscht ein besonderes Verhältnis: Der Holocaust trennt - und verbindet uns zugleich. jetzt.de-Autorin Theresa Bäuerlein hat sich in einen Juden verliebt, ihn besucht, in Israel gelebt - und erzählt hier davon, wie es ist, über den Holocaust zu lachen.

Damit habe ich nicht gerechnet. Gerade hat mir mein Freund Tom die Küche seines Appartements in Tel Aviv gezeigt. Mir fiel sofort der zweiflammige Herd auf: "Super, ich liebe Gas", habe ich gerufen. "Na klar, tun das nicht alle Deutschen?", erwiderte mein Freund. Tom ist Jude. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. In Momenten wie diesen merke ich, dass wir aus unterschiedlichen Welten kommen. In meiner Welt, in Deutschland, ist diese Art Witz unmöglich. Fiele dort eine lustige Anspielung auf den Holocaust, reagierten die Menschen entsetzt, genervt oder pflichtbewusst betroffen - lachen würde keiner. In Israel begegne ich zum ersten Mal in meinem Leben der entgegengesetzten Perspektive auf die Geschichte. "Wir sind die erste Generation, die Witze über den Holocaust macht", erklärt mir Tom. "Wir sind auch die Ersten, die mit den Überlebenden darüber sprechen können." Beides hängt mit dem zeitlichen Abstand zusammen: Zeit musste vergehen, damit Witze über das Thema erträglich wurden, und damit die Opfer der Nazis, die damals nach Israel geflüchtet sind, ihre Leidensgeschichten erzählen wollten. Toms Großmutter etwa floh als Achtjährige mit ihrer Familie aus Wuppertal nach Holland - wo die Nazis sie fanden, gefangennahmen und nach Theresienstadt schafften. Jahrzehntelang konnte Toms Grossmutter, längst raus aus Deutschland, mit ihren Kindern nicht darüber sprechen. Erst, als die Kinder ihrer Kinder erwachsen waren, erzählte sie der Familie die Geschichte. Von der Vergangenheit besessen Ein paar Tage nach der Szene in der Küche treffe ich sie. Ich bin sehr nervös. Toms Oma hat Satellitenfernsehen und sieht sich nachmittags gerne deutsche Gerichtsshows an. Auch mit mir spricht sie deutsch, akzentfrei. Beim Abendessen fällt mir etwas ein, was Tom über ihre Zeit in Theresienstadt erzählt hat: wie sie mit ihren Mitgefangen manchmal an lange, mit Essen beladene Tische gesetzt wurde, um Mitarbeitern des Roten Kreuz ordentliche Zustände im Lager vorzutäuschen. Keiner der halbverhungerten Gefangenen durfte das Essen anfassen. Der Kuchen in meinem Mund schmeckt nach gar nichts. Ich schaffe es nicht, sie zu fragen, ob sie mich persönlich dafür verantwortlich macht, was die Generation meiner Grosseltern angerichtet hat. Erst auf dem Nachhauseweg erzähle ich Tom von meiner Angst. Er schüttelt den Kopf. "Du spinnst. Was hat das mit dir zu tun?" Avi Primor, zwischen 1993 und 1999 Israels Botschafter in Deutschland, sagte einmal, dass er bei den Deutschen zwei unterschiedliche Haltungen gefunden habe: die einen seien nahezu besessen von der Idee, sich mit der Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, die anderen seien genauso besessen von dem Gedanken, dass die Vergangenheit endlich ruhen sollte. Ich gehöre zu der Gruppe, die einen gewaltigen Schuldkomplex mit sich herumträgt. Ich erinnere mich an einen Spaziergang, den ich einmal irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern machte. Der Weg hörte nach einer Weile einfach auf, am Ende stand eine Gedenktafel: "Im Jahr 1944 wurden an dieser Stelle 19 Menschen ermordet." Jemand hatte mit einem wasserfesten Stift ein Hakenkreuz darauf gekrizelt. Meine Schwester riss ihren Rucksack vom Rücken, kramte einen Einweg-Rasierer heraus und versuchte, das Hakenkreuz von der Platte zu kratzen. Die Rasierklinge schnitt ihre Finger auf, Blut lief über den Stein, sie weinte. Ich stand daneben und dachte: "Es geht einfach nicht weg." Mit 16 fahren fast alle jüdischen Israelis nach Polen, um ehemalige Konzentrationslager zu besichtigen. "Shopping und Holocaust" nennen Kritiker diese Reisen. Sie bemängeln, dass die Teilnehmer nicht genug lernen und zuviel Spaß an der Sache haben, weil die Schüler sich benehmen, wie man es eben auf Klassenfahrten macht: Sie stöbern durch fremde Läden, gehen aus, trinken Bier. Viele sind nur schlecht auf den Schrecken vorbereitet, der sie erwartet, wenn sie ein ehemaliges Vernichtungslager besuchen. "Wie sollen wir mit einem solchen Schock denn umgehen?", fragt Tom. "Es ist grauenvoll, aber wir können uns nicht die ganze Zeit schreiend auf dem Boden wälzen. Irgendwie muss ein Ausgleich her." Es ist der gleiche Reflex, der Toms Freunde dazu bringt, Holocaust-Witze zu reißen - es geht darum, der Schwere etwas Leichtigkeit entgegenzusetzen, damit das Entsetzen erträglich wird. In Israel führt das Holocaust-Trauma zu entgegengesetzten Meinungen, die sich politisch auswirken: "Die einen fühlen sich von aller Welt bedroht und glauben, dass Israel alles daransetzen muss, militärisch stark und hart zu werden, weil niemand uns helfen wird, wenn wir es nicht selber tun. Die anderen meinen, dass wir Juden, gerade weil wir soviel gelitten haben, ein Vorbild in Sachen Menschenliebe und Verständigung sein sollten", erklärt Tom. 43 Prozent der Juden, die in Israel leben, glauben, dass die meisten Deutschen judenfeindlich sind. Das hat die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. Als ich nach Israel kam, hatte ich befürchtet, dass die Menschen mich wie ein Monster behandeln würden. Aber während der drei Monate, die ich dort war, bin ich keinem einzigen Menschen begegnet, der mir dieses Gefühl gegeben hat. Eine deutsche Studentin, die ich traf, fasste es so zusammen: "Man kommt mit einem gewaltigen schlechten Gewissen in Sachen Nazis her. Dann redet man mit ein paar jungen Israelis, und sie nehmen einem den ganzen schönen Schuldkomplex einfach weg. Weil sie verstehen, dass wir nicht schuld sind, aber genau wie sie mit den Folgen umgehen müssen. Die Geschichte verbindet uns beinahe mehr, als dass sie uns trennt." Ein Freund meinte: "Seltsam - mit Israelis hat man als Deutscher sofort etwas gemeinsam: den Holocaust." Jung - mit der alten Schuld Als Tom das nächste Mal mit seiner Grossmutter spricht, stellt sich heraus, dass sie mich für gar nichts verantwortlich macht. Mehr noch, als er sie fragt, ob nur Deutsche die Nazis so mächtig werden lassen konnten, wird sie wütend. "Du kannst dir das nicht vorstellen, es waren harte Zeiten damals. Und gibt es in Israel vielleicht keine schrecklichen Morde? Was in Deutschland passiert ist, hätte überall passieren können." Es klingt verrückt, aber ich bin in Israel meinen deutschen Schuldkomplex losgeworden. Weil ich verstanden habe, dass es für jemanden in meinem Alter nicht darum gehen kann, die Schuld auf sich zu nehmen oder abzuwehren. Es geht darum, zu verhindern, dass es wieder passieren kann. Mittlerweile zucke ich kaum noch zusammen, wenn einer von Toms Freunden einen Holocaust-Witz macht. So richtig wohl fühle ich mich dabei trotzdem nicht. Um mich zu ärgern, nannte mein Freund mich statt "Theresa" neulich "Theresienstadt". Als ich sauer wurde, lachte er. "Wir sind sowas von dritte Generation", sagte er.


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Frida_Fogel
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Mag ich Mag ich nicht

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14.05.2007 - 17:30 Uhr
Frida_Fogel

liebe theresa!
heute beim mittagessen las mir meine mutter deinen text vor,den sie zuvor am morgen in der zeitung entdeckte.
sie brach in tränen aus und auch ich war ihnen nahe,doch unterdrückte ich sie und lachte zärtlich meine mutter aus.
meine wohl beste freundin lebt in new york und ist enkelin einer auschwitzüberlebenden.
zu beginn unserer freundschaft hatte ich immense probleme ihre liebe und offenheit anzunehmen,da der gedanke meinen hinterkopf nie verließ,dass ich all das als deutsche nicht verdiene.
von seiten ihrer mutter verspürte ich immer eine subtile kälte,die ich sehr gut nachempfinden konnte,da ich ja ,meiner meinung nach als resultat meiner geschichte, für den tod ihres vaters und der vielen angehörigen verantwortlich war(bin)
unter vielen tränen und viele stunden lang sprach ich mit rachel über mein problem und unsere geschichte,auch über meinen früheren kleinmädchenwunsch jüdin zu sein und somit nichts mit der täterseite zu tun haben zu müssen.
nach hanukkah aber erzählte mir r.,dass ihre mutter eine kerze des leuchter mit den worten "für lulu" entzündete,was mich tief berührte,aber auch nicht annehmen konnte.
die zeit verging,ich gewöhnte mich,lernte ihre großmutter kennen,ich kam zurück nach deutschland,...
rachel besuchte mich im april.
natürlich fuhren wir nach dachau.
und natürlich war er wieder da,mein schuldkomplex.
den du losgeworden bist,
wie sehr ich darum beneide!

danke für den artikel,
lulu

UvS
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Mag ich Mag ich nicht

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16.05.2007 - 08:03 Uhr
UvS

Liebe Theresa Bäuerlein,

mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag in der SZ vom 14. Mai gelesen.

Ich bin Autor des Buches "Schweigen die Täter, reden die Enkel" (jetzt auch als Fischer-TB), in dem ich die Geschichte meines Nazi-Großvaters erzähle, der in unserer Familie immer Tabu war und dessen Leben ich recherchiert habe. Das Buch wird gerade ins Polnische übersetzt, und ich soll für die polnische Ausgabe noch einige Kapitel hinzufügen. Eines dieser Kapitel soll sich um das Thema "Schuld und Schuldgefühle" drehen. Ich würde mich freuen, wenn wir in Kontakt kommen können, denn ich würde mich gerne mit Ihnen zu diesen Fragen austauschen. Wären Sie dazu bereit?
Ich bin erreichbar über meine Homepage
"www.uwe-von-seltmann.de"
oder direkt über Uvseltmann@t-online.de. Auf meiner Homepage finden Sie auch Informationen zu "Schweigen die Täter, reden die Enkel".
Herzliche Grüße aus Leipzig
Uwe von Seltmann

die_Boerg
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Mag ich Mag ich nicht

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05.06.2008 - 23:12 Uhr
die_Boerg

Hallo Theresa,
auch mein Freund ist Israeli und ich weiß, wovon du sprichst. Was damals im 3. Reich geschehen ist kann man nicht erklären. Die Generation unserer Großeltern war dabei. Wir nicht. Trotzdem sind wir ihre Enkel. Auch ich fühle mich Isralis gegenüber manchmal ... Deutsch. Und irgendwie doch ein bisschen schuldig.
Die Großeltern meines Freunds haben mit viel Glück den Holocaus überlebt. Für sie ist es alles andere als leicht, dass ihr Enkel eine deutsche Freundin hat. Ich habe auch 3 Monate in Israel gelebt. Und dabei festgestellt: Alle Jüngeren, die 2. und 3. Generation, haben kein Problem damit. Erst wenn auf beiden Seiten die, die damals wirklich dabei waren, tot sind wird das Verhältnis tatsächlich "unbeschwert" werden können. Aber du hast sicher recht, der Holocaust ist auch etwas, das Juden und Deutsche verbindet.
Liebe Grüße aus München
Birgit

HeikoMueller
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Mag ich Mag ich nicht

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23.10.2008 - 13:20 Uhr
HeikoMueller

Hi,
ich lebe seit 4 Jahren in Israel und der Grund warum ich hierher kam, war ebenfalls die Liebe. Es erging mir ähnlich am Anfang, dass ich ob des "deutschen Komplexes" immer wieder sagte, wenn ich gefragt wurde: "Ich bin Deutscher, ich gestehe es!", was mit Lachern aber auch mit Unverständnis quittiert wurde, warum man es "gestehe Deutscher zu sein".
Trotzdem dass ich nie Probleme "als Deutscher" in Israel hatte, blieb ein Schuldgefühl, dass sich über die Jahre durch den normalen Umgang der Israelis verflüchtigte.
Die hier gemachten Witze schockierten mich anfangs ebenfalls und so war es auch, als Horst Köhler das erste Mal auf Deutsch in der Knesset sprach (ich glaube es 2005) und dies in einer Show ähnlich "7 Tage, 7 Köpfe" im israelischen Fernsehen kommentiert wurde und der betreffende Comedian sagte: Mr. President, we appreciate you being here, but why do you speak in German? You should know that there are no more jews alive who speak German." Meine damalige Freundin klopfte sich die Schenkel vor Lachen und ich musste mich erstmal wieder fangen, so geschockt war ich. Man stelle sich einen solchen Witz aus dem Munde Harald Schmidts vor... Nie wieder Fernsehen würde dies in Deutschland bedeuten.
Jedoch finde ich den Umgang mit diesem Thema in Deutschland oft sehr verkrampft und geheuchelt. So empfand ich das "Nazimeter" von Schmidt/Pocher, und von was es "inspiriert" war, ausgesprochen witzig, gerade aus der israelischen Perspektive.
Mittlerweile bin ich gut assimilierter Deutscher in Israel, verstehe mich, die Deutschen und die Israelis viel besser und kann gelegentlich auch den einen oder anderen Witz machen, wenn man mit den richtigen Leuten zusammen ist. Trotzdem bin ich bei diesem Thema mehr als vorsichtig und sensibel, denn natürlich möchte ich niemanden verletzen und ich würde nie in Gegenwart eines Holocaust-Überlebenden auch mit Israelis zusammen Witze darüber machen. Ein Freund sagte mir einmal über die Witze, die in Israel über den Holocaust gemacht werden: "Diesen Wahnsinn kannst du nur mit schwarzem Humor ertragen." Es war mir irgendwie verständlich, doch bleibt meine Erziehung doch im Hinterkopf: "Fühlt Euch nicht schuldig, aber seit Euch der Verantwortung bewusst!" und ich glaube, dies gelingt mir gut und ich fühle mich hier wohl und akzeptiert. Mittlerweile ärgere ich mich mehr über die Unzulänglichkeiten des alltäglichen israelischen Lebens und bin auch da auf dem guten Wege sehr gut assimiliert zu werden. :-)
Shalom und viele Grüße aus Tel Aviv. Kommt Israel besuchen, es lohnt sich! Und es ist sehr viel anders, als ihr es aus den Nachrichten kennt, besonders Tel Aviv bedeutet in alltäglichen Leben: Viel und schnelles Leben jeglicher Art.
Heiko Mueller
Tel Aviv
personalcoach@gmx.de


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