Jahrestag
Text: shirin80
Heute vor 12 Jahren hast du mir das Herz gebrochen. Eigentlich hätte das der Job von irgendwelchen Liebhabern sein sollen, Jahre später. Genau heute vor 12 Jahren war ich auf dem Weg zur Konfirmation einer Freundin, als ich deinen Brief im Briefkasten fand. Ohne Briefmarke, du warst sogar zu feige, ihn mir selbst zu geben. Nach jahrelangem Hin und Her, nach etlichen Gerichtsverhandlungen, endlosen Tränen, überlässt du mich meiner Mutter. Du hättest kein Interesse mehr daran, mich zu sehen. Nicht an gemeinsamen Wochenenden, nicht im Urlaub, nicht an Geburtstagen, nicht an Weihnachten, wie sich herausstellte. Einfach so, aus heiterem Himmel. Ich, der angeblich wichtigste Mensch in deinem Leben, war plötzlich nicht mal mehr eine Briefmarke oder ein Auf Wiedersehen wert. Nachdem ich endlich aufgehört hatte, daran zu zweifeln, dass ich dich nicht verlieren würde, hast du mir auf übelste Weise gezeigt, dass Zweifel manchmal gut sind, dass man auf seine innere Stimme hören sollte.
Ich bin mir sicher, du bist dir keiner Schuld bewusst. In deinen Augen hast du heute vor 12 Jahren das Richtige getan. Falls sein Kind für die eigene Feigheit büßen zu lassen das Richtige ist, ja, dann hast du das Richtige getan.
Ich habe mich heute schon den ganzen Tag gewundert, warum sich in mir alles dreht, warum alles so uferlos und einfach nur falsch scheint. Wahrscheinlich hat mein Körper vor meinen Augen und meinem Gehirn den Tag, als meine gesamte Welt einstürzte, Revue passieren lassen.
Seit einigen Jahren behauptest du, du wärst immer für mich da, ich könne mich wann auch immer melden. Nun, wo warst du, als ich mich fast zu Tode gehungert habe? Wo warst du in Prüfungszeiten, als mich Lieben verlassen haben, als ich neue Wege einschlug? Wo bist du in Nächten, wo mir die Angst, alles nicht mehr zu packen, fast die Kehle zuschnürt? Meinst du nicht, du könntest zwischendurch mal fragen, wie es mir geht, was ich mache? Und zwar einfach so, ohne dass du diese und jene Bescheinigung für’s Finanzamt brauchst?
Du hast mal zu jemandem gesagt, du müsstest dich nicht bei mir melden, ich werde mich schon durchschlagen. Weißt du was? Es stimmt, inzwischen stimmt das. Inzwischen brauche ich dich nicht mehr. Jemanden, der mich ständig vor einer Mauer stehen lässt und mir ein schlechtes Theaterstück vorspielt, dass doch alles ganz toll ist. Ich brauche dich nicht mehr, der mich daran erinnert, wie scheiße Menschen zueinander sein können. Ich brauche dich nicht mehr, denn jedes Mal wenn wir uns sehen, geht es mir beschissener als vorher. Ich brauche dich nicht mehr – und ich möchte, dass das so bleibt. Heute, nächstes Jahr, immer an diesem beschissenen 29. April.
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